Aachen - Gut Branderhof: Reitverein muss die alte Heimat verlassen

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Gut Branderhof: Reitverein muss die alte Heimat verlassen

Von: Lee Beck
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Sie verlassen mit dem Reitvere
Sie verlassen mit dem Reitverein Aachen das Gut Branderhof mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Elke Braun, Svenja Meurers und Carla Brettschneider (von links). Foto: Heike Lachmann

Aachen. Im Dach der kleinen Reithalle klaffen Löcher, das romantische Terrakottapflaster ist an manchen Stellen abgesackt, der Außenplatz muss dringend erneuert werden, die Pferde können sich eine große, saftige Weide nur vorstellen: Momentaufnahmen des Verfalls vom Gut Branderhof, wo seit über einem halben Jahrhundert der Pferdesport vom Reitverein Aachen gefördert wird.

„Es hapert an allen Ecken und Kanten”, bedauert Geschäftsführerin Elke Braun, die gleichzeitig Stallungen vom Verein für ihre eigene Reitschule gepachtet hat. Auch Carla Brettschneider, erste Vorsitzende des Vereins, ist verzweifelt: „Wir können die Instandsetzungen finanziell nicht mehr tragen.” Seit mehr als 40 Jahren ist sie schon Mitglied im Reitverein, hat ihre Jugend im Stall am Branderhofer Weg mit Pferdewiehern und Stallgeruch verbracht.

Der seit 1959 bestehende Vertrag sieht vor, dass der gemeinnützige Verein zwar nur eine geringe Pacht an die Stadt bezahlt, aber für die ganzen laufenden Kosten aufkommen muss. Mit 300 000 Euro für das Gröbste rechnet die Geschäftsführerin, eine nicht aufzubringende Summe für den Verein.

„Wir bekommen nie öffentliche Mittel, haben nur eine geringe Zahl an Mitgliedsbeiträgen und Spenden und haben deshalb nicht viel Geld übrig”, sagt Brettschneider. Außerdem stünden noch ein paar private Darlehen aus, die von Gönnern dem Verein bewilligt wurden, um ihn über Wasser zu halten.

Da es über kurz oder lang unter solchen Bedingungen nicht möglich war, auf dem Grundstück zu bleiben, entschied sich Elke Braun mit ihrer Reitschule zu einem Neubeginn im Gewerbegebiet Eilendorf-Süd. „Die Firma unserer Familie wird dort neu bauen und die Reitschule wird im Frühjahr 2013 einziehen”, sagt sie entschlossen.

Doch auch ihren Verein, in dem sie schon seit mehr als 20 Jahren Mitglied ist, möchte sie natürlich nicht im Regen stehen lassen und ihm die Möglichkeit geben, sich dann auf ihrer Anlage einzumieten: „Ich hoffe, dass das alles funktioniert und der Reitverein mit umziehen kann.” In einer Stichstraße des Gewerbegebiets entstehen nicht nur die lang ersehnten Wiesen für die rund 40 Pferde, sondern auch eine moderne, zeitgerechte Reitanlage.

Trotzdem geht der Reitverein Aachen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Alle denken, wir würden uns so auf die neue Anlage freuen, aber es fällt uns auch schwer, den schönen Branderhof zu verlassen”, betont die Geschäftsführerin. Ungewiss sei auch, ob alle 240 Mitglieder mit nach Eilendorf gehen können, denn für viele liegt der jetzige Standort in Burtscheid in unmittelbarer Nähe.

Auf Grund der schwierigen finanziellen Situation beantragte Carla Brettschneider die vorzeitige Entlassung aus dem Pachtvertrag mit der Stadt, der noch bis 2022 laufen sollte. Edmund Feiter, Leiter des Fachbereichs Immobilienmanagement, versichert: „Es gibt keine anderen Anforderungen, der Verein hat die Immobilie besenrein zu hinterlassen.”

Dennoch ist Carla Brettschneider verunsichert. „Das haben wir noch nicht schriftlich”, sagt sie. Denn sollte es weitere finanzielle Auflagen geben, ist das Schicksal des bescheidenen Vereins besiegelt. „Die Frage, ob der Verein eine finanzielle Unterstützung für den Umzug bekommen könnte, wurde mit Empörung aufgenommen”, berichtet Brettschneider.

Oft heißt es, dass Reiten ein Sport für die Reichen sei. „Doch das ist schon lange nicht mehr so”, erklärt Elke Braun. Mittlerweile sei Reiten zu einem Breitensport geworden, jeder könne in ihrer Reitschule Unterricht bekommen und sich mit den Vierbeinern beschäftigen. „Sogar das Einhard-Gymnasium und die katholische Grundschule Am Römerhof machen bei uns Reiten als Schulsport”, so Braun.

Überregional bekannt ist der Reitverein Aachen schon wegen des großen jährlichen Reitturniers und des spektakulären Weihnachtsschaureitens. Jeden Cent der diesjährigen Einnahmen kratzte der Verein zusammen, um für die erfolgreichen Voltigiersportler des RV Aachen ein neues Voltigierpferd zu kaufen. „Doch einen Anhänger, um auf Turniere zu fahren, haben wir immer noch nicht”, bedauert die erste Vorsitzende.

„Die Arbeit mit den Jugendlichen macht einfach nur sehr viel Spaß”, betont Brettschneider. Begabte Schulreiter werden zu Turnieren begleitet und so gefördert, selbst vorbestrafte Jugendliche finden hier durch den Umgang mit den Pferden und die Arbeit im Stall wieder zurück auf die richtige Bahn. Auch Kinder des Jugendhilfezentrums Burtscheid kommen oft vorbei. „Der Umgang mit und der Zugang zu den Tieren lehrt viel Disziplin”, sagt Carla Brettschneider.
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