Guerilla-Stricken: Bunte Hüllen für die Betonklötze

Von: Jule Klieser.
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Künstlerin A. M. Cam spannte
Künstlerin A. M. Cam spannte im Elisengarten rote Fäden zwischen zwei Bäumen. Sie kamen durch die Installation deutlich besser zur Geltung. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Angelika und Martin Görg, Inhaber eines Wollgeschäftes, sind Fans des Guerilla-Strickens und haben am Samstag eine größere Fan-Gemeinde für ein Woll-Event namens „Aachen strickt schön” im Elisengarten mobilisiert. Überall Wolle, Fäden, strickende Menschen und bunt eingestrickte Poller im ganzen Innenstadtbereich.

Schließlich war es ja der Welttag der Handarbeit und der 1. Welttag des Guerilla-Strickens. Guerilla-Stricken will mit Hilfe von Stricknadeln unsere Welt verschönern, und Schrecklichkeiten statt zu bekämpfen mit Trikots umhüllen. Es entstand 2005 in den USA und ist heute eine weltweit durch Blogs vernetzte Szene, in der Menschen mit Street-Art-Projekten die Alltagswelt „bestricken”.

Besonders inspiriert fühlten sich die Görgs und ihre Mitarbeiterin, die Künstlerin Monika Nordhausen, von den grauen Betonklötzen in der Ursulinerstraße, die als Stolperfallen für Passanten schon mal als „Steine des Anstoßes” Berühmtheit erlangten. Am Samstag stolperte bestimmt niemand über die grauen Dinger, denn sie waren schön bunt mit Gestricktem eingehüllt. „Das ist ja mal eine nette Idee!” befanden denn auch viele Passanten.

„Bei Guerilla-Knitting bestrickt man alles, was einem in die Finger kommt: Stühle, Bauzaun, Fahrradständer”, erklärt Monika Nordhausen. An die 200 Poller in Aachen trugen an dem Tag bunte Pulswärmer, und ein angehängter Zettel lud dazu ein, die Strickschläuche mitzunehmen und andernorts wieder zum Einsatz zu bringen, um die Idee des Guerilla-Strickens überall bekannt zu machen.

Auf den Bänken am Elisengarten machten Strickbegeisterte Halt und ließen die Nadeln klappern. Wollkörbe gab es genügend. Eine Mutter brachte ihrer elfjährigen Tochter fix das Stricken bei, weil diese sofort begeistert von der Aktion war. Ein Junge saß schon fleißig mit Rundnadeln da und erzeugte Reihe um Reihe mit blauer Wolle. Seine Mutter band derweil ein lustiges buntes Strickstück an einen Laternenpfahl, denn sie ist bekennende Guerilla-Strickerin. Ein Gruppe Touristen blieb stehen und fragte auf Englisch, warum sie das tue. „Just for fun”, war die Antwort und die Touristen bekamen gleich erklärt, was es mit dem Guerilla-Stricken auf sich hat. Passanten staunten, und schnell war man im Gespräch über Pullover, Design und die Philosophie des Handarbeitens.

Zwischen zwei Bäumen spannte die Künstlerin A. M. Can rote Fäden. „Ich finde es faszinierend, mit wenig Aufwand, nämlich mit Fäden, den Raum zu verändern”, erklärte sie ihre Installation. Mehr Sinnlichkeit möchte sie in die Wahrnehmung bringen. Und tatsächlich, durch den roten Fadenteppich kommen die beiden stattlichen Bäume mehr zur Geltung. Unweit davon steht ein winzig kleiner Tisch mit Stühlchen, gedeckt mit Spaghettiteller, Rotweinflasche und Glas, ja sogar Besteck, alles aus Garn gestrickt und gehäkelt. Auf der Wiese des Elisengartens gibt es eine Tanz-Performance der Compagnie Irene K. aus Eupen, bei der bunte Strickstücke die Hauptrolle spielen. Die junge Designerin Jana Walliser hat ihre zarten Schmuck-Ketten aus naturfarbener Wolle mitgebracht.

Jetzt das Rathaus?

„Ich wollte schon immer die Poller einstricken”, gesteht Martin Görg mit einem Augenzwinkern und denkt schon über das Rathaus im Strickkleid nach. „Alle lachen”, freut sich seine Frau über die Resonanz, „und vielleicht macht es Schule.” Mitstreiter werden also weiterhin gesucht.
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