Günter Lamprecht liest, und atemlos hört man zu

Von: Werner Czempas
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Er spielt seine Sätze: Zweieinhalb Stunden lang faszinierte der Schauspieler Günter Lamprecht sein Publikum in der Mayerschen Buchhandlung. Der fast 80-Jährige ließ die Stationen seines Lebens Revue passieren - in unnachahmlicher Weise. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sein Herz schlägt links. Wenn er aus seinen beiden Büchern liest, zieht sich eine „Schicksalsverbundenheit mit den den kleinen Leuten, mit den Arbeitern” wie ein roter Faden durch die Geschichte und Geschichten des Schauspielers Günter Lamprecht.

Sein „eindeutig linkes Denken und Fühlen” lässt ihn die SPD unterstützen. Zum Rückblick auf „60 Jahre Bundesrepublik Deutschland - Erinnerungen an ein bewegtes Leben” stellte Ulla Schmidt diesen „ganz, ganz lieben Menschen” (Schmidt) mit einer herzlichen Umarmung im Forum M der Mayerschen Buchhandlung vor.

Für rund 100 Zuhörer wurde es ein fesselnder, erinnerungsreicher Abend, der bei den älteren eigene Empfindungen und Erlebnisse wachrief. Lamprecht, populär geworden durch die Rolle des Berliner Tatort-Kommissars Franz Markowitz und international be- wie gerühmt in seiner Rolle als Franz Biberkopf in der Verfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz” (Regisseur Rainer Werner Fassbinder), ist nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern erweist sich durch seine beiden Bücher „Und wehmütig bin ich immer noch. Eine Jugend in Berlin” und „Ein höllisches Ding, das Leben” auch als ein begnadeter Erzähler und genauer Beobachter der deutschen Alltags-Geschichte(n).

Die Bücher im Kopf

Lamprecht hat seine Bücher im Kopf. Er liest zwar, aber es ist eher ein Plaudern, er spielt seine Sätze mit dieser angenehm rau-weichen Stimme, und wenn die Empörung in ihm kocht und die Worte seine Hände vor Wut zittern heißen, dann zittern sie auch. Und Wut, Empörung, Entsetzen und Grauen gab es reichlich im Leben des Günter Lamprecht.

Für die Erinnerungen an 60 Jahre Bundesrepublik holt er weit aus, denn die sind ohne das Vorher, ohne das „Nazi-Pack” so nicht denkbar: 1930 in Berlin geboren, proletarische Familie, in der, wenn einer stirbt, „ein Fresser weniger” ist, Vater überzeugter Nazi, sich prügelnde Eltern, pervers-prügelnde Lehrer auch, die auf „Kaisers Zucht und Ordnung” halten, jüdische Mitschüler, die plötzlich in der Klasse fehlen.

Das wechselt vom Ernsten ins Heitere, es lässt atemlos zuhören und geht so gruselnd unter die Haut wie die Bilder, in denen Lamprecht ein groteskes Erbseneintopfessen mit Hitler und Goebbels („ein mächtiger Intendant und seine Dramaturgenbande”) in vor Begeisterung erstarrter Berliner Volksmenge schildert oder das unfassbar schändliche, räuberische Treiben in der „Reichskristallnacht”.

Szenen des Günter L.: Die Luftangriffe, „Berlin-Mitte, der Rest von Groß-Deutschland, in den letzten Zuckungen”, das Heulen der Stalinorgel, das blutige Grauen in den Bunkergewölben, erlebt als Hilfssanitäter. Untergang der Stadt und Wiedergeburt aus den Trümmern - „schwere, schöne Zeit”. Das Erstarren über Auschwitz, Güterwagen, die er seitdem anders sieht.

Die abgeschlossene Lehre als Orthopädie-Mechaniker. Die Blockade der „Insulaner” und die Luftbrücke. Währungsreform, vom neuen Geld Kauf eines fetten Bücklings. Der ohnmächtig machende Rauswurf als Nicht-Akademiker aus dem wieder nobel werdenden Ruderclub. Die Jazzkeller, in denen man auf Louis Armstrong oder Lionel Hampton trifft, und die Filme der frühen 50er, aus denen man als John Wayne, Burt Lancaster oder Fred Astaire wieder raustritt.

Schauspielunterricht bei der berühmten Lehrerin und „Salon-Kommunistin” Else Bongers - „vergiss nicht das soziale Gefühl für deine Arbeit”. Stipendium der Stadt Berlin für die Ausbildung an der Max-Reinhardt-Schule. 1955 erstes Engagement in Bochum. Die entwürdigenden Schikanen der Vopos im Interzonenzug, seine Wut und das Brüllen: „Was sind das für Zustände in Deutschland?”

1955, Bochum, der Kohlenpott, der Dreck. Der Triumph des Bochumer Schauspielhauses mit Sartres „Der Teufel und der liebe Gott” in Paris, 1956. Freiheit atmen in Paris - auch wenn die Wirtschaftswunder-Deutschen als Urlauber wieder die Nachbarn „überfielen” und „in Frankreich Wenn die Abendglocken läuten´ grölen”. Der Protest gegen die Wiederbewaffnung, Schilder mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg!” mit Kinski und Messemer durch die Straßen getragen. Neue, viele Theater-Engagements. Die aufkommende Liebe zu den „Menschen im Revier, hier wird geschuftet”. Da ist sie greifbar, „meine proletarische Vergangenheit” und: „Sozialistische Gedanken, echte, bestimmen immer stärker mein Leben.”

„Möchtegern-Lenins”

Das Umwerben durch die 68er, aber der Abscheu vor der „widerlichen Selbstgefälligkeit der Möchtegern-Lenins”. Die Arbeit mit dem genialen Fassbinder, empfindsame Worte zart wie eine Liebeserklärung, „ich hatte ihn richtig gerne, ich hatte große Sorge um ihn”, 1980 ihr gemeinsames grandioses Werk „Berlin Alexanderplatz” - nicht in Deutschland, aber überall in der Welt als „Kunstwerk der Fernsehgeschichte” gefeiert.

Dann jener furchtbare 1. November 1999, Allerheiligen, Bad Reichenhall: Günter Lamprecht und seine Lebensgefährtin Claudia Amm (sie sitzt strahlend unter den Zuhörern im Forum M) werden nach einem Theaterauftritt von einem 16-jährigen Amokläufer vor einem Krankenhaus regelrecht zusammengeschossen, Schuss auf Schuss getroffen, Lamprechts Worte peitschen schnell wie die Kugeln, eine Stunde Todesangst, fünf Tote am Ende, Lamprecht und Amm werden schwerverletzt gerettet. 2001 „wieder auf den Beinen”, die Theaterarbeit wird fortgesetzt.

Im Berlin das Jahres 2009 trifft der fast 80-jährige Günter Lamprecht „n richtigen ollen Berliner vielleicht noch in ner Kneipe in Schöneberg”, die meisten seien „Zugereiste”. Eine von ihnen ist die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt aus Aachen. Sie dankt nach zweieinhalb Stunden dem „aufrechten Menschen” Günter Lamprecht: „Ich hätte noch ein paar Stunden zuhören können.” Lang anhaltender Beifall des Publikums stimmt zu. Der Unbeugsame verbeugt sich, lächelnd, fast ein wenig verlegen.
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