Grybauskaité will durch offene Fenster und Türen gehen

Von: Wolfgang Schumacher
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Dalia Grybauskaite
Dalia Grybauskaite hat die Verantwortung von Politikern in der Krise auch zu unpopulären Entscheidungen angemahnt. Foto: dpa

Aachen. Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaité ist eine schnelle Frau. Überpünktlich fünf Minuten vor dem Termin am Mittwochnachmittag um 15 Uhr fuhr die Kolonne der schwarzen Staatskarossen am RWTH-Hauptgebäude vor. Die künftige Karlspreisträgerin stieg zügig aus, Schirme klappen auf, damit ihr stahlblauer Mantel und die kunstvolle Frisur nicht vom nachmittäglichen Schauer in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die ehemalige EU-Kommissarin und seit 2009 Staatspräsidentin einer der drei baltischen Republiken nahm das völlig professionell hin, schüttelte die Hand von RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg, es folgten der Sprecher des Karlspreisdirektoriums Jürgen Linden und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp.

Dann ging man entlang der Baustellen-Absperrungen in Richtung Hörsaal FO4 des Kármán-Auditoriums. Denn es ist eine gute und oftmals spannende Tradition, dass die Karlspreisträger am Vortag der Ehrung im Rathaus sich Fragen der Studierenden stellen. Das tat auch Dalia Grybausikaité; und die Ökonomin tat es mit einer Professionalität, die wie bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2008 an gleicher Stelle es dem RWTH-Rektor nicht einfach machte, neben den Staatslenkerinnen zu bestehen.

Doch anders als bei Merkel, die damals wie ein Popstar gefeiert wurde, fanden nur etwa 100 politisch interessierte den Weg in den Hörsaal. Sie hörten dann allerdings eine souveräne Schilderung, wie die 2009 ins Amt gewählte Präsidentin das Drei-Millionen-Volk Litauen in drei Jahren aus der sicherlich heftigen Staatskrise wieder herausgeführt hatte.

Im Jahr 2009 sei das Bruttosozialprodukt um 14,9 Prozent eingebrochen, schilderte sie ein Szenario, das die EU nur zu gut aus Irland, Griechenland, Portugal und Zypern kennt. Schon im Jahr darauf sei man kontinuierlich wieder gewachsen, berichtete die Präsidentin. Dazu habe es der bekannten und durchaus unpopulären Maßnahmen wie der Heraufsetzung des Rentenalters, der Kürzung sozialer und gesundheitlicher Leistungen wie der Pensionen im staatlichen Sektor bedurft. Wichtig dabei sei für sie insbesondere, dass Opfer nicht nur von den Bürgern, sondern ebenso von den wirtschaftlich oder staatlich handelnden Personen gemacht würden. Sie selber habe seit der Krise auf 50 Prozent ihres Salärs verzichtet. Dafür gab es spontanen Beifall aus dem Auditorium.

Doch die Maßnahmen gegen die Krise seien insgesamt „sehr ausgewogen und mit dem Blick auf die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft“ vonstatten gegangen, erklärte die Präsidentin. Besonders sei man stolz drauf, dass man den hohen Steigerungen bei der Jugendarbeitslosigkeit habe Einhalt gebieten können, inzwischen seien bereits wieder 100.000 Jugendliche in Beschäftigung.

"Früher habe ich mit dem Kopf durch die Wände gewollt“, beschrieb die Politikerin, die niemals eine solche habe werden wollen, ihr Sendungsbewusstsein. Heute schaue sie aber darauf, „wo Türen und wo sogar eventuell nur Fenster offen stehen“.

Aus dem Auditorium kamen diverse Fragen etwa nach der Einstellung der Präsidentin zu dem Problem Rating-Agenturen oder etwa zur Frauen-Quote in Wirtschaft und Politik auf. Ihre Antworten waren ausgewogen, ließen aber durch manches Unausgesprochene deutliche Linien erkennen. So sei die Quotenfrage in Litauen gar kein Thema, erst in Brüssel habe sie die Brisanz der Frage kennengelernt.

Die Rating-Agenturen seien eben in den USA beheimatet, das reiche, mehr möchte sie dazu nicht sagen.

Lächelnd nahm sie am Ende Blumengrüße der Maastrichter Universität entgegen - und ein von Schmachtenberg überreichter Stich, der das Hauptgebäude der RWTH im Jahr 1871 zeigt.

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