Aachen - Große Autoren der Asche entrissen

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Große Autoren der Asche entrissen

Von: Birgit Bodden
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Literatur gegen Rechts: Torsten Borm, Elisabeth Eberling, Sebastian Steart und Andr Becker (von links) beim Lesemarathon im Theater anlässlich des Jahrestags zur Bücherverbrennung. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Mit einem dreistündigen Lesemarathon hat das Theater Aachen gemeinsam mit dem Aachener Kulturbetrieb ein deutliches Zeichen gegen Rechts gesetzt, getreu dem Slogan „Wir sind Aachen, Neonazis sind es nicht”.

Hintergrund der Veranstaltung war zum einen der Aufmarsch von Neonazis vor dem Theater am 24. Dezember vergangenen Jahres, zum anderen der Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai.

Drei große thematische Schwerpunkte hatte Andr Becker vom Theater Aachen zur Grundlage des umfangreichen Programms gemacht. Zunächst wurden Texte präsentiert, die die Reaktionen zeitgenössischer und direkt betroffener Intellektueller im damaligen Deutschland dokumentierten.

Während hochgeschätzte Autoren verboten wurden, wurde etwa Oskar Maria Graf von den Nazis sogar empfohlen, was ihn zu offenem Protest in dem berühmten Brief „Verbrennt mich” trieb.

Formen des Widerstands

Erich Kästner hatte als Zuschauer still die Verbrennung seiner Bücher angesehen und setzte sich später in „Schwierigkeiten ein Held zu sein” noch immer mit der Frage auseinander, ob nicht ein glühender Protest an dieser Stelle notwendig gewesen wäre. Oder etwa Ricarda Huch, die öffentlich, schon bevor die Werke von Döblin vernichtet wurden, aus der Berliner Akademie der Künste austrat.

Aber auch Persönlichkeiten wie Oskar Loerke und Gottfried Benn, kamen zu Wort. Loerkes Tagebuchnotizen zeigen deutlich seine Sorge um die sich abzeichnende Entwicklung, jedoch ist auch bekannt, dass Loerke, Lektor beim Fischer Verlag, den Nationalsozialismus zwar ablehnte, 1933 jedoch das Gelöbnis treuester Gefolgschaft zu Hitler unterschrieben hat.

Auch Benn hat dieses Gelöbnis unterschrieben und der vorgetragene Text, seine Rechtfertigungsbrief an Klaus Mann, in dem er sich gegen dessen Vorwürfe behauptet, zeigte seine zumindest hier dokumentierte Verteidigung nationalsozialistischen Gedankenguts.

Im zweiten Teil der Lesung folgte eine Darstellung, die eindringlich das Leben unter Rassenwahn und Vernichtungsstreben schilderte. Hier gab es Einblicke in das Tagebuch von Victor Klemperer, dem als Juden der Zugang zu Bibliotheken und Zeitungen versperrt war, Auszüge aus Helmut Clahsens Biografie einer jüdischen Kindheit in Aachen und aus dem Werk Lion Feuchtwangers, dessen „Jud Süß” ein negatives Klischee benutzt.

Der letzte Teil war Autoren gewidmet, deren Werke verboten oder verbannt waren, die emigrierten oder dem Druck nicht mehr standhielten, wie etwa der Aachener Autor Walter Hasenclever. Dessen Bühnenstück „Ehen werden im Himmel geschlossen” war einst so populär wie Brechts „Dreigroschenoper”; anders als Brecht wählte er im Exil den Freitod.

„Ein Blick in die Vergangenheit bedeutet immer auch einen Blick in die Zukunft und ich möchte gerade mit dem letzten Teil der Lesung zeigen, welche großartigen Autoren hier dem nationalsozialistischen Regime zum Opfer gefallen sind, welches Können und auch welchen Humor diese Autoren hatten”, erklärt Andr Becker das Konzept dieser monumentalen Lesung.
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