Greenpeace-Gruppe Aachen: Suche nach Tiefkühlfisch, nicht nach Walen

Von: Werner Breuer
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Aktivposten der Greenpeace-Gru
Aktivposten der Greenpeace-Gruppe Aachen: Pressesprecher Karl Wehrens (l.) und die Gründungsmitglieder Helmut und Martine Hardy. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Hätten sie damals in Hamburg mehr Wert auf den Datenschutz gelegt, dann gäbe es Greenpeace Aachen heute womöglich nicht. Zumindest hätte sich Helmut Hardy nicht so leicht mit Gleichgesinnten vernetzen können. Aber von „vernetzen” sprach damals noch kein Mensch, immerhin ist die Geschichte 30 Jahre her.

Damals war Hardy 20 Jahre alt, studierte Mathematik und sorgte sich um die Umwelt. Das wollte er auch öffentlich kundtun, mit Aufklebern und bedruckten T-Shirts, die er bei der Hamburger Greenpeace-Zentrale bestellt hatte. Irgendwann war er es satt, noch länger auf die Lieferung zu warten.

Und weil er ohnehin in Hamburg zu tun hatte, erkundigte er sich vor Ort erstens nach dem Schicksal seiner Bestellung und zweitens nach möglichen anderen Greenpeace-Aktivisten in Aachen. „Und dann haben sie mir gesagt, dahinten läge das Kassenbuch, und ich könnte es ja mal durchblättern”, erinnert sich Hardy.

So fand er dann die Adresse von Jürgen Albers, knüpfte weitere Kontakte - und irgendwie fing das dann alles an mit Greenpeace in Aachen und den Infoständen und den Aktionen und so weiter. „Wir trafen uns jede Woche im Alten Zollhaus”, erzählt Hardy. Die Runde in der Gaststätte an der Burtscheider Brücke zählte immer etwa zehn bis 15 Leute, „aber es waren jedes Mal andere”. Sie diskutierten über das Waldsterben, den Walfang oder die französischen Atomtests in der Karibik.

Es waren vornehmlich Studenten, die damals in Aachen eine der ersten deutschen Greenpeace-Gruppen belebten, Leute wie die junge Martine, die Englisch und Sozialwissenschaften studierte, die Umweltschutzorganisation aus Fernsehberichten über spektakuläre Aktionen kannte und „begeistert davon war, dass es Greenpeace auch in Aachen gab”. Hier brachte sie sich in der „Arbeitsgruppe Saurer Regen” ein, lernte Helmut Hardy kennen und war ein Jahr später mit ihm verheiratet.

Fortan stand das Ehepaar Hardy gemeinsam an Infoständen und verkaufte Bücher wie „Eispatrouille”, „Nordsee in Not”, „Stoppt Atomtests” und andere Schriften aus der Reihe „Greenpeace-Report” zur Finanzierung der Gruppe. „Das wurde alles auf einen Tapeziertisch gepackt, und die Leute kamen”, erzählt sie.

Aber natürlich gab es auch in Aachen die andere, die abenteuerliche Seite von Greenpeace. Helmut Hardy erinnert sich an den Protest gegen französische Atomtests bei der Verleihung des Karlspreises an Helmut Kohl und Francois Mitterrand.

Zur Begrüßung des französischen Staatspräsidenten sollte ein Banner am Dom ausgerollt werden, der damals - natürlich - eingerüstet war. Nachdem die Aktivisten das Gerüst erklommen hatten, bezogen über und unter ihnen Scharfschützen Position. „Da hört der Spaß auf”, schildert Helmut Hardy die Befindlichkeiten, „da geht einem die Muffe.” Dennoch ging die Aktion wie geplant über die Bühne. Und so wurde wieder ein „tolles Bild geboten”, wie Martine Hardy meint.

Aber tolle Töne gab es auch mal, als die Greenpeacer bei der Karlspreisverleihung an die norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland auf deren Rolle beim Walfang hinwiesen. Beim Empfang vor dem Rathaus wurde sie mit Walgesängen aus Lautsprechern empfangen.

Mitunter haben die Aktivisten aber auch die große Öffentlichkeit verpasst. Dabei war alles so schön vorbereitet, als Greenpeace Aachen vor Jahren beim CHIO die Zuschauer der Geländeprüfung im Aachener Wald auf die Gefahren der Luftverschmutzung hinweisen wollte.

3000 Zettel auf Deutsch, Französisch und Niederländisch waren schon gedruckt und mit Bindfäden versehen, um sie an die Bäume zu binden. Allein der Transport sei eine „logistische Meisterleistung” gewesen, erinnert sich Martine Hardy, mit rund 100 Leuten hätten sie dann bei Nacht und Nebel den Öcher Bösch dekoriert.

Damit niemand dazwischenfunken konnte, wurde alles sehr diskret abgewickelt. „Wir haben auch die Medien nicht informiert”, sagt Helmut Hardy, „das sollte alles geheim bleiben.” Und das blieb es dann auch: Kein Zeitungsfoto und kein Fernsehbild kündete später von der Aktion.

„Damals gab es auch noch keinen Pressesprecher”, sagt heute der Pressesprecher. Karl Wehrens kümmert sich inzwischen darum, dass die Aachener Greenpeace-Gruppe öffentlich wahrgenommen wird. Spektakuläre Aktionen sind da ein gutes Hilfsmittel, aber „sie stehen nicht am Anfang”, erklärt Wehrens. Da stehen Themen, und nicht etwa die Frage, wo man noch mal ein knalliges Banner mit großem Tamtam aufhängen kann. „Und dann reden wir zuerst mit den Betroffenen”, erklärt Wehrens die Reihenfolge.

So hat Greenpeace etwa der Stadt, der RWTH und der Sparkasse das Recyclingpapier schmackhaft gemacht, auch der Verzicht auf FCKW-geschäumte Dämmstoffe bei städtischen Gebäuden war Überzeugungsarbeit. „Trotzdem muss man immer wieder aufpassen”, mahnt Martine Hardy. Sonst wird - wie bei der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes - dann doch eine Sitzbank aus Tropenholz gezimmert.

Ansonsten bestimmen auch globale Themen die lokale Arbeit. Dafür muss nicht nach Walen in der Wurm gesucht werden, sondern nach Tiefkühlfisch im Supermarkt. Damit die Verbraucher erkennen können, was sie da kaufen, checken Greenpeace-Leute die Etiketten. Es ist das Alltagsgeschäft hinter dem Guerilla-Image.

Doch es gebe nach wie vor einige Mitstreiter, die Spaß am Abenteuer haben, weiß Karl Wehrens. „Und die sind auch wichtig, sie tragen zum Erfolg bei.” Bei Greenpeace wird diesen Leuten schließlich etwas geboten. „Die Ehrenamtler können an den großen Aktionen teilnehmen”, erklärt der Pressesprecher. Dafür gibt es sogar ein eigenes Ausbildungsprogramm mit Klettertraining oder Unterweisungen im Umgang mit Schlauchbooten.

Und auch auf die rechtlichen Folgen werden die Teilnehmer hingewiesen. Die sollten schon wissen, worauf sie sich einlassen, meint Helmut Hardy. „Im Falle des Falles bin ich vorbestraft - nicht Greenpeace.”

Immerhin: Die Sache mit dem Kassenbuch vor 30 Jahren hatte keine Folgen. Zumindest keine rechtlichen.
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