Aachen - Grashaus: Ein Spagat zwischen Alt und Neu

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Grashaus: Ein Spagat zwischen Alt und Neu

Von: Martina Feldhaus
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Wuchtige Schränke und alte Vi
Wuchtige Schränke und alte Vitrinen: Für Thomas Müller und die übrigen Macher der Route Charlemagne ist das Grashaus als fünfte „Europa”-Station eine besondere Herausforderung. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Bis vor kurzem stapelten sich hier noch die teils uralten Dokumente des Stadtarchivs bis zur Decke. Jetzt, nach dem Umzug des Archivs zum Reichsweg, sind die Räume im Grashaus am Fischmarkt weitgehend leer. Geblieben ist ein neugotischer Bau, in dem aus jedem Winkel seine jahrhundertelange Geschichte spricht. Demnächst wird er umgebaut zu einer weiteren Station der Route Charlemagne. Das Thema: Europa.

Wer schon jetzt die Zukunft des historischen Gebäudes erkennen will, braucht allerdings viel Vorstellungskraft. Die hat Thomas Müller. Der Projektleiter der Route steht im ehemaligen Urkundensaal. Wuchtige Eichenschränke, träge Holzvitrinen, bunte Wandmalereien und eine holzvertäfelte Decke - der Raum ist beeindruckend, aber auch dunkel, altertümlich und obendrein denkmalgeschützt.

„Dieser Saal wird eine sehr große Herausforderung”, sagt Müller. Und tatsächlich scheint an diesem Ort die Lücke zwischen dem Ist-Zustand und der künftigen Nutzung besonders weit auseinanderzuklaffen.

Im Grashaus, das im 13. Jahrhundert als erstes Aachener Rathaus errichtet wurde und unter anderem als Gefängnis diente, will die Stadt in Kooperation mit Schulen, Unis und anderen Einrichtungen vor allem den Nachwuchs an das komplexe Thema Europa in Geschichte, Gegenwart und Zukunft heranführen.

Der Anspruch: Es soll keine dröge Ausstellung im klassischen Sinn werden, sondern vielmehr eine Art lebendige Werkstatt mit multimedialen Möglichkeiten des Lernens. Kosten wird das Ganze laut Vera Bortz vom städtischen Gebäudemanagement rund 2,6 Millionen Euro, zwei Millionen kommen vom Land.

Im Urkundensaal soll es um biografische Erfahrungen gehen. „Wir könnten etwa Dinge zeigen, die jemand, der in den 90er Jahren aus Bosnien geflohen ist, in seiner Hosentasche hatte”, erklärt Müller. „Auf jeden Fall geht es darum, konkrete Beispiele für Zusammenhänge zu finden und nicht einfach langweilige Textdokumente in Vitrinen zu legen.”

Um die Vitrinen werden Müller und seine Mitstreiter dennoch nicht rum kommen. Denn die gehören zum geschützten Inventar. Heißt, sie bleiben drin, ebenso wie die Schränke, Tische und Kommoden. Müller: „Da muss natürlich jemand mit einem sehr guten ästhetischen Sachverstand rangehen, um das Moderne und das Historische unter einen Hut zu bringen.” Einen solchen, also ein professionelles Büro für Innenarchitektur und mediale Inszenierung, sucht die Stadt derzeit.

Einfacher wird es für den Profi, der den Zuschlag erhält, auch ein Stockwerk tiefer nicht. In der sogenannten Kapelle, die nie ein sakraler Raum war, gibt es noch weniger Tageslicht und noch mehr Holz. Unter dem gotischem Gewölbe stehen zig hohe Regale. „Die werden aber nicht bleiben”, versichert Müller. In der Kapelle will sich der Projektleiter die Dunkelheit zu Nutze machen. Geplant ist ein topographisches Weiß-Modell des europäischen Kontinents, auf das ganz unterschiedliche Darstellungen projiziert werden können.

Historiker Müller schwärmt von den vielen Möglichkeiten. „Hier kann man medial in die Vollen gehen. Es kann etwa der Verlauf von Grenzen abgebildet werden”, erklärt er. „Vorstellbar ist aber auch, dass man den Weg einer E-Mail-Nachricht nachzeichnet. Oder sich fragt, wie Europa aussehen würde, wenn die Geschichte hier oder dort anders verlaufen wäre.”

Einen Raum, wo Schüler und Lehrer, Studenten und Professoren oder andere Gruppen über die „was wäre wenn”-Frage diskutieren könnten, bietet im neuen Grashaus das „europäische Klassenzimmer”. Es liegt im ersten Geschoss zwischen Urkundensaal und dem großzügigen Treppenhaus am Eingang. In dem ehemaligen Lesesaal des Archivs sollen museumspädagogische Angebote umgesetzt werden und sich zum Teil auch an den schulischen Curricula orientieren.

Auch hier setzen die Macher der Route auf moderne Medien wie flexible Bild- und Tondokumente, mit denen zeitlose Themen wie Krieg und Frieden, Migration und Grenze, Macht und Markt aufgegriffen werden können. Ebenso sind Podiumsdiskussionen und Filmvorführungen möglich. „Hier sollen die Menschen ins Gespräch kommen über Europa. Nicht nur über die Errungenschaften und Hoffnungen, sondern auch über Schwierigkeiten und Ängste.”

Dennoch: Das Grashaus wird eine eindeutig pro-europäische Ausrichtung haben. Ganz im Sinne der Europa-Stadt Aachen - und im Sinne des Stadtmarketings.

Probleme bereiten Müller derzeit noch die weißen Wände in den oberen Räumen und im Treppenhaus. Denn unter der unschuldigen Farbe werden schützenswerte Fresken vermutet. An einigen Stellen wurde das Weiß schon testweise entfernt und Malerei freigelegt. Müller: „Wenn das flächen­deckend ist, schränkt das unsere Möglichkeiten mehr ein.” Denn im obereren Eingangsbereich soll anhand von Grafiken auf Europa eingestimmt werden.

Doch auch die wechselhafte Geschichte des Hauses selbst - unter anderem diente es lange Zeit als Kerker - wird nicht vergessen. Mit ihr wird der Besucher direkt beim Eintreten ins Gebäude konfrontiert. Eine Theke gibt Informationen zur Station „Europa” und zur Route Charlemagne. Links davon gibt es Räume für das Europe-­Direct-Büro und das Karlspreisdirektorium.

Regelmäßige Öffnungszeiten wie im Museum wird es nicht geben. „Das ist organisatorisch nicht zu stemmen”, erklärt Müller. „Aber es wird Führungen geben.” Wie das ungewöhnliche Zusammenspiel von neugotischem Bau und junger Europa-Werkstatt am Ende aussehen wird, das wird frühestens im Sommer 2014 feststehen. Mit dem Baubeginn rechnet das Gebäudemanagement im März 2013.
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