Glöckchen darf vorerst nicht mehr bimmeln

Von: Georg Dünnwald
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Schwester Maria Ursula guckt vorsichtig aus der Dachluke des Klosters an der Kleinmarschierstraße. Die Glocke ist defekt. Foto: Ralf Roeger

Aachen. „Das kann ganz schön gefährlich werden, wenn wir jetzt unser Glöckchen läuten”, weiß Schwester Maria Ursula Schneider. Seit jeher wird die kleine Glocke, die offen im Turm des Klosters der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus an der Kleinmarschier­straße hängt, von Hand geläutet.

„Aber auch wir werden älter”, sagt die Nonne, die als Generalökonomin im Mutterhaus der Schervierschwestern für die Finanzen zuständig ist.

Deshalb riefen die Klosterfrauen, die sich vor allem für Obdachlose einsetzen, die Eifler Glockengießerei in Brockscheid/Südeifel zu Hilfe. Der Meister sollte prüfen, ob es überhaupt möglich sei, die kleine Glocke, die keinen Namen hat, zu elektrifizieren. Damit die immer älter werdenden Ordensfrauen mit dem Glockengeläut keine Probleme mehr haben. Entsetzt stellte der Glockengießer aus der Eifel bei der Begutachtung fest, dass die Aufhängung der Glocke nicht mehr in Ordnung war, dass der Klöppel unregelmäßig an die Glockenwand schlug und auch das Joch, an dem sie hängt, völlig morsch ist.

„Ab sofort ist das Läuten der Glocke untersagt”, bestimmte er. Immerhin, das Gewicht der Glocke liegt bei 250 Kilogramm, der Klöppel ist auch noch rund 15 Kilo schwer. Schwester Maria Ursula: „Nicht auszudenken, wenn die Glocke mit Schwung geläutet wird, sich dann löst und mit Kawuptich in den Garten oder auf die Straße fliegt und dann noch einen Menschen trifft. Schon, wenn sich der Klöppel löst, kann das lebensgefährlich sein.”

Nicht nur die Nonnen des „Klösterchens”, wie das Mutterhaus der Schervierschwestern von den Aachenern liebevoll genannt wird, vermissen das Bimmeln. „Daran orientieren sich die Mitschwestern. Zweimal am Tag wird geläutet, um 12 Uhr und um viertel vor drei zum Nachmittagsgebet”, erläutert die Generalökonomin des Ordens. Das Geläut sei zwar nicht so feierlich wie das des nahen Doms, „aber es hat doch etwas Einzigartiges”. Was auch einige Nachbarn so sehen, die sich besorgt ans Kloster wandten, um zu erfahren, warum sie nichts mehr hören. „Eine Mitschwester wurde auf der Straße auf das fehlende Geläut angesprochen und bekam von der bedauernden Passantin gleich zehn Euro in die Hand gedrückt.”

Nun muss Schwester Maria Ursula viel Geld in die Hand nehmen. Geld, das sie nicht hat. Denn längst sind viele Nonnen wegen des Alters nicht mehr in sogenannten Gestellungsverträgen im sozial-caritativen Dienst tätig, sondern leisten ihre Arbeiten ehrenamtlich. Und das ist nun nicht gerade lukrativ.

„Das Klösterchen hat für viele Aachener eine große Bedeutung. Sie kommen häufig in die Kapelle, um dort ihren Gedanken nachzuhängen, zu meditieren oder einfach nur eine Kerze anzuzünden”, sagt die Ordensfrau. Und zur Bedeutung gehöre auch, dass das Glöckchen bimmelt. „Auf das Morgen- und Abendläuten haben wir schon vor einiger Zeit verzichtet, um die Nachbarschaft nicht zu stören.”

Die Glocke hängt seit Ende des Zweiten Weltkrieges im Turm. Bis dahin läutete die im Wallfahrtsörtchen Banneux/Belgien. Als die deutsche Wehrmacht das Nachbarland überfiel, bat der zuständige Pfarrer die Lütticher Schervierschwestern darum, das Glöckchen zu verstecken, damit es nicht eingeschmolzen werden konnte.

Nach Kriegsende forderte der Pfarrer die Glocke wieder zurück, die Lütticher Kolleginnen jedoch baten ihn, die Glocke ihnen zu überlassen, da ausgerechnet dem Mutterhaus in Aachen ein entsprechendes Geläut fehlte. Zu ihrem Erstaunen sagte der Geistliche sofort ja.

Wer für den Erhalt der kaputten Glocke spenden will, kann das per Überweisung tun: Pax-Bank Aachen, Kontonummer 100 82 480 16, BLZ 370 601 93.
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