Aachen - Geschichten so alt wie die Phantasie

Geschichten so alt wie die Phantasie

Von: Heinrich Schauerte
Letzte Aktualisierung:
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Sie erzählen alte Geschichten und Legenden im Stil der Troubadoure (vl.): Der Flame Joe Baele, die Aachenerin Regina Sommer und der englisch-afrikanische Musik-Erzähler Tuup. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das älteste Gewerbe der Welt ist vermutlich das der Geschichtenerzähler, also der Vorläufer unserer heutigen Popstars. So war es für Jahrhunderte auch in Aachen und Umgebung, wo erst 1953 die Gilde des fahrenden Volkes von der Handwerkskammer geschlossen wurde.

Am Wochenende waren sie wieder da zum Erzählfestival, mit ihren Geschichten, Legenden, alten Märchen und der Kunde von sagenhaften Begebenheiten.

Sie erzählten in der Art der alten Troubadoure, Travellers oder Fabulatori, und das ganz stilecht, von der Kleidung bis hin zu dem einzigartigen Gefährt, mit dem sie angereist waren: einem hundert Jahre alten englischen Zigeunerwagen, gezogen von einem wahren Musenross namens Lotus.

„Stories on wheels” nannte sich daher die Veranstaltung, und sie bildete den Abschluss des Kulturfestivals „across the borders”.

Von innen gemütlich beheizt

Allein dieser Zigeunerwagen war einen Besuch wert, ein innen winziges, überreich verziertes Gefährt, ausgerüstet mit bunt angemalten Möbeln, beleuchtet von zwei Kandelabern und wunderbar gemütlich beheizt von einem kleinen Kanonenofen. Bis vor wenigen Jahren war damit ein altes englisches Ehepaar noch „on wheels”.

Dann kaufte es der flämische Geschichtenerzähler Joe Baele. Der kompakte irische Kaltblüter Lotus, eine eigens hierfür gezüchtete Rasse, hat das verwunschene Mobilheim jetzt schon seit einer Woche durch die Region gezogen, von Hückelhoven bis in die Soers, wo man bei einem netten Herrn logiert, der Pferde züchtet und eine Wiese hat.

Abends suchten und fanden die Reisenden Unterschlupf bei Bauern, denen sie zum Dank Geschichten erzählten.

Am Tag legte man im Schitt um die 25 Kilometer zurück, je nach Wegen und Steigungen. Auch bei Markus Stockhausen in seinem Anwesen bei Zülpich hat die Truppe übernachtet, der eine Geschichte auf der Trompete zurückerzählte.

Ursprünglich war die Veranstaltung am Freitag und Samstag an verschiedenen Orten der Aachener Innenstadt angekündigt. Dann war es den Verantwortlichen aber wohl zu gefährlich, mit dem Pferdewagen etwa durch die enge Schmiedstraße direkt an den Tischen vorbei zu fahren. Also beschränkte man sich auf den Markt.

Dort bekam Lotus erst mal sein Heu, und danach fing er an, sich ungerührt an der Rathausfassade seinen Hals zu kratzen. Die Geschichten kennt er ja schon. Nicht so die Kinder, die bald zahlreich erschienen. Regina Sommer, die Aachener Stadterzählerin, machte ihnen die historischen Irrungen und Wirrungen rund um Dom und Rathaus lebendig, und daraus konnte auch mancher Erwachsene noch lernen.

Ganz andere Welten tauchten auf, wenn der englisch-afrikanische Musik-Erzähler Tuup loslegte. In stilechte Gewänder bis hin zu Fellschuhen gehüllt, schöpfte er aus seinem reichen Repertoire an Legenden und Mythen der brasilianischen Indianer, der Buschmänner Afrikas und der Aborigines.

Er erzählt etwa die traurige, aber letztlich doch hoffnungsvolle Geschichte eines armen Vogels, der geschossen wurde, gebraten wird und nun gegessen werden soll. Aber immer wieder singt er trotzdem sein Lied weiter, und am Ende wachsen ihm gar neue Federn und er fliegt davon -Êstets singend, wie es sich für einen afrikanischen Vogel gehört.

Und die Kinder sangen mit. Obwohl sie vermutlich kein Englisch verstehen, waren sie doch gebannt von dem mitreißenden, pantomimisch untermalten Vortrag, und da scheint die Sprache wohl egal. Ein Phänomen, auf das die Truppe immer wieder trifft.

Ein komplettes Schauspiel lieferte der ehemalige Clown Joe Baele zu seinen sagenhaften Begebenheiten, und er konnte ebenso eine wiederkäuende Kuh lebendig machen wie ein opulentes Frühstück oder einen frierenden Mann, der einem scheinbar Toten die Stiefel stibitzt. Bis der dann wieder auftaucht...

Das Ganze wurde stets in herrlichstem Deutsch-Flämisch kommentiert, und hier lief es nicht nur den Kindern manchmal kalt den Rücken herunter. So ging das zwei Nachmittage lang, wie es zu allen Zeiten gewesen ist, mit Liedern und immer neuen Geschichten, die so alt sind wie die menschliche Phantasie.
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