Geschichte wird wieder lebendig

Von: Martina Rippholz
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Geschichtsvermittlung mit Unte
Geschichtsvermittlung mit Unterhaltungsfaktor: Autor und Verleger Michael Kuhn, Autorin Judith Vogt (links) und Vorleserin Tatjana Lehnen vom Ammianus-Verlag haben Spaß an Foto: Harald Krömer

Aachen. Es hat was von einem Kostümfest, was Michael Kuhn da in seinem Hausflur treibt. Historische Gewänder hängen auf Kleiderbügeln, auf dem Stuhl liegt ein Kettenhemd. In ihren Händen halten Kuhn, Tatjana Lehnen und Judith Vogt echte Schwerter, Lanzen, Helme und Schilder.

Ganz sieht es so aus, als würden sie gleich aufbrechen - zum nächsten Mittelalter-Festival, zum antiken Jahrmarkt oder zum Live-Rollen-Spiel in irgendeinem Waldstück.

Aber für Kuhn und seine Kolleginnen stehen diese Utensilien nicht nur für den reinen Freizeitspaß, der bei oben genannten Veranstaltungsort wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat. Die drei sind Geschichtsfans und -kenner und als solche wollen sie die Vergangenheit wieder lebendig machen, so wie sie - zumindest den Geschichtsbüchern zufolge - tatsächlich gewesen ist. Und das tun sie mit Büchern und szenischen Lese-Events unter dem Namen des 2008 in Aachen gegründeten Verlags Ammianus.

Autor und Verleger ist Michael Kuhn. Er studierte Geschichte und Politik an der RWTH und war viele Jahre in Aachen als Archäologe tätig. Er kennt sich also aus mit der Vergangenheit, auch auf der wissenschaftlichen, tiefergehenden Ebene, die bei Historien-Spektakeln kaum eine Rolle spielt. Schon immer verspürte Kuhn den Drang, sein Wissen und seine Begeisterung für Geschichte - vor allem für die spätantike bis mittelalterliche - mit anderen zu teilen, ihr Interesse zu wecken, ihnen zu zeigen, warum dieses Fach so spannend ist.

Zu Studienzeiten organisierte er historische Autorallyes mit Quizfragen, die es in einer Art Schnitzeljagd zu beantworten galt. Das lief einige Jahre sehr erfolgreich, doch Kuhn wollte mehr, ein breiteres Publikum ansprechen. So kam er zum Schreiben. 2004 entstand nach einer persönlichen Suche auf den Spuren der Römer durch die Eifel sein „Ur-Marcus” - eine Sammlung aus Kurzgeschichten über den römischen Offizier Marcus Junius Maximus, der im vierten Jahrhundert nach Christus im Rheinland lebte.

Diese Sammlung bildete den Grundstock für Kuhns ersten Roman: „Marcus - Soldat Roms”. Auf der Basis von historischen Fakten - Schauplätzen, Figuren, Ereignissen - schrieb er in den vergangenen sieben Jahren insgesamt drei weitere Marcus-Romane. Jüngst erschien Buch Nummer vier, das Auftaktwerk einer neuen historischen Trilogie um den Merowinger Marcellus.

Mit dem Erfolg wechselte Kuhn den Hauptberuf vom Archäologen zum Verleger. Bei Ammianus gibt er seine eigenen Bücher heraus. „Da ich keine typischen Historien-Romane schreibe, war es schwierig einen Fremd-Verlag zu finden”, erklärt Kuhn. „Also veröffentlichte ich auf eigene Faust.” Mit Erfolg. Knapp 10.000 seiner Bücher wurden bisher verkauft. Kuhns Leser schätzen die Besonderheit seiner Romane. Und die liegt in der Genauigkeit und Faktentreue.

Romane als Reiseführer

Kuhn: „Meine Prämisse lautet: Genauso hätte es gewesen sein können.” Entsprechend akribisch fällt auch der Anhang aus, der zu jedem von Kuhns Romanen gehört. Dort sind alle Personen, Stätten und Ereignisse aufgeführt, die die Grundlage seiner Geschichte bilden. So können die Leser die Bücher sogar als Reiseführer nutzen und die Handlung an den echten Schauplätzen nachvollziehen. Obendrein sind archäologische Funde - Waffen, Gefäße, Werkzeuge - oder historische Kleider abgebildet.

Für die Illustrierung ist Tatjana Lehnen zuständig. Sie wuchs mit Kuhn in der Nähe von Mönchengladbach auf, verlor ihn aber lange Zeit aus den Augen. Bei einer seiner Lesungen traf sie ihn wieder. „Michael konnte schon immer gut Geschichten erzählen. Und ich fand es einfach toll, was er machte.” Wenig später war die Idee von Dialog-Lesungen geboren. Seither touren die beiden gemeinsam durch die Republik, lesen aus Kuhns Romanen in verteilten Rollen - in Buchhandlungen, Kultureinrichtungen und bei Epochen- und Mittelalterfesten.

Wichtigstes Merkmal ihrer Veranstaltungen ist der Eventcharakter. Lehnen: „Zu unseren Veranstaltungen kommen wir in Gewandung und bringen gerne auch mal Ausgrabungsstücke wie Münzen und Schwerter mit. Oder wir verbreiten Weihrauch.” Von einer klassischen Lesung sind die beiden also weit entfernt. Sie wollen unterhalten - und gleichzeitig Wissen vermitteln.

Romane über Sagen und Mythen

Diese Mischung hat auch Judith Vogt direkt gefallen. Die Aachener Autorin hat ihr Erstlingswerk im vergangenen Jahr in der bei Fantasy-Fans populären Romanreihe „Das schwarze Auge” veröffentlicht. Fantasy? Dieses Genre scheint zunächst so gar nicht zu Michael Kuhn und seinem Wahrheitsanspruch zu passen. Dennoch wird Vogt im März die erste Autorin sein, die der studierte Geschichtswissenschaftler in seinem Verlag unter Vertrag nimmt.

Bei Ammianus veröffentlicht Vogt dann einen Roman, der eine gegenwärtige Handlung mit verschiedenen Eifeler Mythen und Sagen verknüpft, unter anderem von den sogenannten Matronen. Es ist der Auftakt für eine Trilogie, die im zweiten Teil auch in Aachen spielt. Kuhn: „Sagen gehören zur historischen Überlieferung dazu. Und Judiths Geschichten sind gut recherchiert. Deshalb passt sie zu Ammianus.” Lesen, Lernen und Unterhaltung - das ist Kuhns Erfolgkonzept, das er auch in Zukunft fortführen will.
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