Gerichtsurteil beschert der Aseag ein 19 Millionen-Loch

Von: Gerald Eimer
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Der Herr der Roten Flotte: Ase
Der Herr der Roten Flotte: Aseag-Vorstand Michael Carmincke muss mit einem ungeplanten Millionendefizit Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Der neue Aseag-Chef Michael Carmincke hätte sich sicherlich einen besseren Einstieg gewünscht. Doch derzeit muss er sich mit den Folgen eines Arbeitsgerichtsurteils befassen, das dem Nahverkehrsunternehmen die Jahresbilanz verhagelt und ein zusätzliches Minus von rund 19 Millionen Euro beschert hat.

Noch ist die Hoffnung in der Chefetage groß, das Urteil in der nächsten Instanz revidieren zu können.

Die üblichen Verluste der Aseag von jährlich rund 17 Millionen Euro schnellten somit im aktuellen Jahresbericht auf schwindelerregende 36,6 Millionen Euro hoch, wobei Carmincke betont, dass es sich vorerst nur um eine Vorsorgemaßnahme in einem laufenden Verfahren handelt.

Die ganze Tragweite des Richterspruchs, der sich mit der Gleichbehandlung von gewerblichen und kaufmännischen Angestellten befasst, ist derzeit noch gar nicht zu überblicken.

Hintergrund ist ein Urteil der Verfassungsrichter aus dem Jahr 1990, wonach gewerbliche und kaufmännische Angestellte tariflich gleichbehandelt werden müssen. Auswirkungen hat dies unter anderem auch auf die Berechnung der Altersversorgung der Beschäftigten - was allerdings womöglich nicht nur in Aachen über Jahre hinweg versäumt oder vergessen wurde.

In der Folge begann vor zwei Jahren ein Rechtsstreit zwischen der Aseag und einem langjährigen Beschäftigten, wobei Letzterer am Arbeitsgericht Aachen erfolgreich eine Neuberechnung seiner Betriebsrente durchsetzen konnte - mit möglicherweise weitreichenden Folgen.

Von einem Präzedenzfall will Carmincke zwar noch nicht sprechen, denkbar aber ist, dass die Betriebsrenten für einige hundert Mitarbeiter über viele Jahre hinweg nach oben korrigiert werden müssen. Im Einzelfall geht es dabei monatlich eher um zwei- als dreistellige Euro-Beträge - in der Summe aber geht es für das Unternehmen um die 19 Millionen Euro, die nun zurückgelegt werden mussten.

Das sei eine kaufmännische Vorsichtsmaßnahme, sagt Carmincke, denn noch sind er und die Anwälte des Unternehmens überzeugt, dass Rentennachforderungen im großen Stil nicht gerechtfertigt und nicht zu erwarten seien. „Wir werden das in allen Instanzen klären lassen.”

Das dürften auch andere deutsche Nahverkehrsunternehmen interessiert verfolgen, denen wegen Versäumnissen bei den Berechnungen für Busfahrer und andere Kollegen ebenfalls deutlich höhere Pensionsrückstellungen drohen könnten. In Kürze soll sich das Landesarbeitsgericht mit dem Aachener Fall befassen.

Ausgeglichen wird der zweistellige Millionenverlust über die Konzernmutter E.V.A., unter deren Dach sich auch die gewinnbringende Stawag befindet. Natürlich könne man 19 Millionen Euro nicht einfach irgendwoher zaubern, sagt Carmincke. Dennoch sei die Zusatzbelastung beherrschbar, ist er überzeugt.

Auswirkungen unklar

Unmittelbare Folgen für Fahrgäste sind seiner Meinung nacheher unwahrscheinlich. Fahrpreiserhöhungen seien „zum jetzigen Zeitpunkt” nicht zu erwarten. Auch werde man nicht auf geplante Investitionen in die Rote Flotte verzichten. Der Aseag-Chef verweist darauf, dass die Summe - sollte sie tatsächlich fällig werden - ja nicht auf einen Schlag fällig ist, sondern über viele Jahre hinweg ratenweise ausbezahlt wird. Neuer Aseag-Chef Michael Carmincke will Unternehmen „moderner aufstellen”

Seit September 2010 steht Michael Carmincke (43) an der Spitze des Aachener Nahverkehrsunternehmens Aseag. Als Nachfolger des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Hans Peter Appel wechselte er von Leipzig nach Aachen. Der gebürtige Niedersachse ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Familie wird ihm zum Schuljahreswechsel von Leipzig nach Aachen folgen.

Hektische Entscheidungen seien nicht nötig, sagt Carmincke. Die Aseag sei gut aufgestellt und biete „Dienstleistungen auf hohem Niveau”. Er verfolge jedoch Ansätze, das Unternehmen „moderner aufzustellen”. Die Aseag müsse „Mobilität mitgestalten”, trendige Themen wie E-Mobilität, Hybridtechnologien aber auch neue Informationstechnologien für Fahrgäste - Stichworte Handyticket und dynamische Fahrgastinformationen - aufgreifen. Anders als sein Vorgänger Appel will er keine Position zur geplanten Stadtbahn einnehmen. Er sehe sich als „fachlicher Berater”, entscheiden müsse die Politik.

Die Aseag befördert jährlich rund 65 Millionen Menschen in Stadt und Städteregion. Das gesamte Streckennetz ist gut 1200 Kilometer lang, auf aktuell 66 Linien sind etwa 440 Busfahrerinnen und -fahrer unterwegs, die annähernd 2100 Haltestellen ansteuern.
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