Aachen - Geheimes Aachen: Neubeginn auf fünf mal fünf Metern Beton

Geheimes Aachen: Neubeginn auf fünf mal fünf Metern Beton

Von: Thomas Vogel
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Im Maschinenraum hat sich seither nicht viel verändert. Foto: Thomas Vogel
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Ein Versuch, Weltkriegsarchitektur etwas Wohnlichkeit einzuhauchen: Namensschilder an den Türen... Foto: Thomas Vogel
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... und in Tapetenstil bemalte Betonwände sollten dafür etwa sorgen. Foto: Thomas Vogel
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Ein paar Details haben sich in den vergangenen 70 Jahren erhalten aus der Zeit, in der Menschen im Bunker wohnten. Foto: Stadtarchiv Aachen

Aachen. Es ist dunkel und feucht. Es ist kalt und eng und insgesamt wenig wohnlich. Und doch wohnten an diesem Ort jahrelang Menschen – fünf Meter tief unter der Monheimsallee, umgeben von meterdickem Beton und Stahl. Aachens Bunker waren nach Ende des Zweiten Weltkriegs zwar ihre Schutzaufgabe los, ohne Nutzen waren sie deshalb aber noch lange nicht.

Menschen, die der Krieg außer ihrem nackten Leben alles gekostet hatte, fanden unter der Erde vorläufig Obdach.

Der Architektur des Krieges wohnliche Quartiere abzuringen gelang jedoch nur leidlich. An den Wänden der etwa fünf Quadratmeter großen Räume, in denen zeitweise ganze Familien auf eine bessere Zukunft hofften, sind noch heute Reste von Farbe zu erkennen. Die aufgemalten Muster erinnern an Tapete, allerdings nur auf einen ersten flüchtigen Blick. Genauerem Hinsehen hält die Illusion von Wohnlichkeit nicht stand. Privatsphäre konnten Bewohner dort unten kaum erwarten. Dafür hörten sie jeden Mucks aus den Nachbarzellen. Zeitzeugen erinnern sich an Kochgerüche, die in den Fluren standen und an Diebstähle, vor denen die einfachen Holztüren keinen Schutz boten.

Die Namen ehemaliger Bewohner

Steigt man die Stufen eines der Eingänge vom Mittelstreifen der Monheimsallee hinab und hat das modrige Treppenhaus mit seinen verfallenen Handläufen unfallfrei hinter sich gelassen, ist ohne leistungsstarke mobile Lichtquelle erst einmal nichts zu sehen. Der lange Betonschlauch, der als Flur heute wie vor mehr als 70 Jahren dort ruht, wird von gähnender Schwärze bereits nach wenigen Metern völlig verschluckt. Zwar hängen hier und da Lichtschalter und sind Stromleitungen erkennbar, die sich über die Betonwände ziehen, aber in Funktion steht dort unten schon lange nichts mehr.

Links und rechts des Flures zeigen alle paar Meter Eingänge an, dass sich dahinter Räume befinden. Auch die dünnen Holztüren haben die Jahrzehnte überdauert. Die meisten jedenfalls. An einigen sind kleine, daran angeschlagene Schildchen erhalten, auf denen die Namen der ehemaligen Bewohner noch immer zu lesen sind. An einer Stelle, an der sich der Flur zu einem breiteren Teil öffnet, hängt ein Schild unter der niedrigen Decke mit der Aufschrift „Aufenthaltsraum“. Früher war es einmal beleuchtet. Ein Waschbecken ist an der Wand zu sehen, daneben metallene Ablagen mit Wasserhähnen darüber.

Ursprünglich bestand der Bunker nicht aus vielen kleinen Einzelräumen. Gebaut wurde er als Luftschutzbunker kurz nachdem die ersten feindlichen Flugzeuge über der Stadt gesichtet worden waren. Das war im Mai 1940. Im Hinblick darauf, bei Gefahr möglichst viele Menschen unterbringen zu können, wären viele kleine Räume keine sehr ökonomische Aufteilung gewesen. Die Trennwände kamen erst nach Ende des Krieges – zuerst aus dünnem Holz selbst zusammengehämmert, später gemauert.

An einer Metalltür ist noch der Schriftzug „Maschinenraum“ zu lesen, der sein Versprechen bis heute hält. Im Raum hinter der Tür taucht auf, was einmal als Belüftungsanlage diente. Sie sieht einigermaßen komplett aus, die elektrischen Anlagen in der Nachbarschaft dafür hier und da etwas zerrupft. Einfassungen aus Bakelit sind zu erkennen, die alte Lämpchen halten. Sie sollten wohl einmal über den Arbeitszustand der Anlage informieren. Im Großen und Ganzen wirkt die technische Anlage zumindest augenscheinlich kaum beschädigt. Dem widerspricht nur der Rost, der an etlichen Stellen der Anlage an die Oberfläche drängt.

Als der Bunker Wohnung war, ist das mutmaßlich noch anders gewesen. In einem Telefonbuch von 1951 findet sich die Adresse „Bunker Monheimsallee“ – wie bei einer normalen Wohnanschrift. Die letzten Bewohner zogen Mitte der 50er Jahre aus. Im Zuge des Wiederaufbaus war so viel neuer Wohnraum in der Stadt geschaffen worden, dass ein ordentliches Dach über dem Kopf für die meisten Menschen wieder erreichbar wurde.

Heute schläft der Tiefbunker in der Monheimsallee einen Dornröschenschlaf. Für die Öffentlichkeit ist er – wie der Tiefbunker unter dem Salvatorberg, dessen Ein- und Ausgänge sich an der Ludwigsallee befinden – nicht zugänglich. Über Jahrzehnte war er mit Stahlgittern verschlossen, von Vorhängeschlössern fest zugehalten. Offenbar aber nicht fest genug für einige Neugierige. In der jüngeren Vergangenheit habe es Fälle von unerlaubtem Eindringen in die Bunkeranlage gegeben, heißt es aus der städtischen Pressestelle. Folge: Die Gitter vor den Eingängen wurden fest verschweißt. Der Zugang ist in Zukunft nicht mehr ohne ausgedehnten Maschineneinsatz möglich.

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