Aachen - Geduldsprobe beim Warten auf die Freunde und Helfer

Geduldsprobe beim Warten auf die Freunde und Helfer

Von: Werner Breuer
Letzte Aktualisierung:
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Mit Blaulicht zum Einsatz: Nicht jeder Alarm ist für die Polizei gleich dringend. Foto: ddp

Aachen. Gegen Viertel vor Vier in der Nacht riss „Fritz” (sein wirklicher Name tut nichts zur Sache) der Geduldsfaden. Wie lange er denn noch auf einen Streifenwagen warten müsse, wollte der Zeitungszusteller von der Leitstelle der Polizei wissen. Er hielt etwas Eile für durchaus geboten angesichts der unklaren Situation.

In die war Fritz Ende vergangener Woche geraten, als er bei seiner Tour gegen 3.30 Uhr plötzlich einen Mann auf einer kleinen Nebenstraße im Aachener Westen liegen sah. „Ich hätte ihn beinahe überfahren, der lag mitten auf der Fahrbahn”, berichtet der Bote. Aus dem Auto aussteigen wollte der 65-Jährige an dieser dunklen Ecke aber lieber nicht. „Ich habe mich nicht getraut, weil ich ja nicht wusste was los ist.”

Zu viel hatte er schon gelesen über fingierte Unfälle oder Pannen, bei denen der nahende Helfer unversehends in eine Falle tappt und ausgeraubt wird. Und so fürchtete Fritz, dass der am Boden liegende Mann „plötzlich aufsteht und mir was über den Kopf gibt”. Deshalb rief er über sein Handy die Polizei. Dann wartete er.

Die Zeit verstrich. Inzwischen hatte sich der Mann auf der Straße hochgerappelt und war zum Wagen des Zeitungszustellers getorkelt, dessen Befürchtungen sich deswegen etwas zerstreuten. „Der suchte nur die Wärme”, meint Fritz. Er ließ ihn ins geheizte Auto und stieg selbst aus. Dann griff er erneut zum Handy, um bei der Leitstelle der Polizei aufs Tempo zu drücken.

Eher harmlos

Immerhin war seit seinem ersten Anruf schon eine Viertelstunde vergangen, „und es hätte ja was Schlimmes sein können.” Dass es eher harmlos war, erfuhr er später von der Besatzung eines Rettungswagens, der bald darauf um die Ecke bog. Der junge Mann sei wohl betrunken auf der Straße eingeschlafen und werde nun heim gebracht, teilten die Retter nach der Erstversorgung mit.

Inzwischen war auch ein Streifenwagen erschienen, „nach über 20 Minuten”, wie Fritz betont. „Das darf es doch nicht geben”, meint er. Jeder habe ein Recht auf Hilfe, „ob besoffen oder nicht”. Das bestätigt auch Polizei-Pressesprecher Michael Houba. Er verweist allerdings auf die Reihenfolge, die von den Freunden und Helfern beim Abarbeiten ihrer Einsätze zu beachten ist.

Da rangiert natürlich der Banküberfall vor der verbeulten Stoßstange. Wie lange die Aachener im Falle des Falles auf die Ordnungshüter warten müssten, hänge eben immer vom Fall ab. „Lagebedingt”, sagt Houba, es müssten halt „verschiedene bedrohte Rechtsgüter” abgewogen werden, was sich letztlich auch in „Sonder- und Wegerechten niederschlägt”. So rücke die Polizei bei schweren Verkehrsunfällen mit Blaulicht an. Auch wenn Täter womöglich noch gefasst werden könnten, sei natürlich Eile geboten.

Und auf dieser komplizierten Prioritätenliste rangierte der von Fritz auf der Straße gefundene Mann als „hilflose Person” und damit noch hinter „verletzte Person”. Bei hilflosen Personen werde „nicht angenommen, dass für sie selbst oder andere Personen eine unmittelbare Gefahr besteht”, so der Polizeisprecher. Natürlich kümmerten sich die Beamten auch um solche Leute, „die stark alkoholisiert sind und nicht mehr auf den Beinen stehen”. Aber in der Reihenfolge stünden „verletzte Personen” eben vor ihnen. Als Fritz den Mann auf der Fahrbahn fand, war das noch nicht klar. „Man hätte ja zuerst schonmal einen Krankenwagen schicken können”, meint er. Der wurde aber erst nach seinem zweiten Anruf in Marsch gesetzt. Da sei wohl ein „Kommunikationsfehler” passiert, meint Houba, und der lasse sich nun kaum noch nachvollziehen.

Keinesfalls aber habe sich der alarmierende Zeitungsbote etwa wegen einer zu dünnen Personaldecke gedulden müssen, sagt der Polizeisprecher. Mit 1220 Beamten sei die Behörde durchaus in der Lage, ihre Aufgaben in Stadt und Städteregion zu erfüllen. „Natürlich wären wir froh, wenn es mehr wären”, so Houba, „die wüsten wir schon sinnvoll einzusetzen”.

„Es sind zu wenig”, meint hingegen Wilhelm Jensch, der Aachener Kreisvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er verweist auf die „gestiegene Qualität” der Polizeiarbeit, „heute wird intensiver ermittelt”. Zwar hätten im vergangenen Jahr 89 Neulinge ihre Ausbildung bei der Aachener Polizei begonnen, 97 waren es im Jahr 2008. Angesichts der großen Zahl von Kollegen, die in den nächsten Jahren pensioniert würden, müsse aber noch stärker für Nachwuchs gesorgt werden, fordert Stephan Hegger, der Pressesprecher des GdP-Landesverbands NRW. Dass die Landesregierung die Einstellungszahlen mehr als verdoppelt hat - von 500 auf jetzt 1100 pro Jahr -, wertet er als einen „Schritt in die richtige Richtung, dem aber weitere folgen müssen”.
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