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Gebärdensprache in Bilder umgesetzt

Von: unserer Mitarbeiterin Sabine Busse
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Maximiliane taucht ihre Hand in den Topf mit der blauen Farbe, zögert einen Moment und drückt die Faust auf das Blatt. Die dick beschmierten Fingerknochen hinterlassen einen satten Abdruck auf dem gelb-orangenen Grund.

Das Zeichen für sankt oder heilig ist fertig. Jetzt malt sie mit den Fingern die Umrisse einer Nonnenhaube. So wird in der Gebärdensprache ein kirchlicher Orden dargestellt. Maximiliane bringt den Namen „St. Ursula-Gymnasium” in einer Art zweidimensionalen Gebärdensprache zu Papier.

Die fachkundige Anleitung dazu kommt von Dieter Fricke. Der gehörlose Künstler ist für drei Tage aus Flörsheim bei Frankfurt nach Aachen gekommen, um mit einer Gruppe von 16 Schülerinnen das Projekt „Gebärdensprache - das sichtbare Unsichtbare” durchzuführen.

Fingeralphabet

Die Idee dazu hatte Lehrerin Anke Lensges. Es ist bereits ihr drittes Projekt zu dem Thema und auch die Arbeitsgemeinschaften an zwei Nachmittagen in der Woche gehen auf ihre Initiative zurück. Die Biologie- und Mathematiklehrerin beherrscht mittlerweile selbst die Gesten, freut sich aber über die Unterstützung von AG-Leiter Lars Pesch.

An diesem Tag haben die Schülerinnen schon das Fingeralphabet gelernt, können sich mit Gesten begrüßen, ihren Namen angeben und eine einfache Frage stellen. Diese Übungen haben das Eis gebrochen, Unsicherheiten im Umgang mit Gehörlosen abgebaut und verdeutlicht, wie lautlose Kommunikation funktioniert.

„Bei der Beschäftigung mit der Gebärdensprache kommen auch eher zurückhaltende Mädchen aus sich heraus”, beschreibt Anke Lensges. Denn wer sich durch Mimik und Gestik verständlich machen will, braucht den Blickkontakt des Gegenübers. Für Künstler Dieter Fricke ist die Gebärdensprache mehr als eine Möglichkeit sich mit Eingeweihten zu unterhalten. Er ist seit Babyalter gehörlos, hat lange als technischer Zeichner gearbeitet und sich in Kursen und einem Fernstudium künstlerisch fortgebildet, da ihm andere Bildungswege versperrt waren.

Lange malte er Landschaften und Stillleben, bis er das Gefühl hatte in einer Sackgasse gelandet zu sein. Dann entwickelte er seine eigene Formensprache, übersetzte Gebärden in Zeichen und abstrakte Bilder und fand so einen Weg, Hörende und Gehörlose anzusprechen.

Die Grundlage der Bilder des 61-Jährigen sind oft Zitate oder Sätze voller Poesie. Fricke setzt die Gesten und Bewegungen in Linien um und komponiert daraus sehr dichte, abstrakte oder ornamentale Bilder. Manche Darstellungen erinnern an exotische Schriftzeichen. Da er Stimmungen sehr bewusst mit Farbe untermalt, brauchen Betrachter keinen Übersetzer.

Dieter Fricke will auf die Situation von Gehörlosen aufmerksam machen, die oft durch Isolation geprägt ist. Dabei sehen sie sich nicht als Behinderte, sondern als Angehörige einer sprachlichen Minderheit. Wer die Gebärdensprache erlernt, bekommt wie durch jede Fremdsprache Zugang zu interessanten Menschen und Biographien sowie zu einer vielfältigen Kultur.

Leuchtendes Gelb

Jetzt hat sich Dieter Fricke ein neues Paar Einmalhandschuhe übergestreift und demonstriert mit wenigen Strichen einen neuen Satz in leuchtendem Gelb: Ich liebe dich. Den sollte man eigentlich in allen Sprachen beherrschen.

Die Ergebnisse des Projektes und einige Bilder von Dieter Fricke waren am vergangenen Samstag im St. Ursula-Gymnasium beim Tag der offenen Tür zu sehen.

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