Gates: „600 Arbeitsplätze fallen weg”

Von: Heiner Hautermans
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Hatte Verständnis für Wut und Enttäuschung der Betroffenen, warnte dennoch vor „Harakiri-Aktionen” wie Werkbesetzungen: Dennis Radtke, Gewerkschaftssekretär der IGBCE. Foto: Ralf Roeger

Aachen. So richtig verstehen können es die Betroffenen immer noch nicht, doch die Wahl der Worte wird deutlicher. Pervers sei es, ein florierendes Werk zu schließen, das im letzten Jahr noch ein Rekordergebnis eingefahren habe, zynisch nannte es ein anderer Redner.

Am Mittwoch kamen zur Kundgebung rund 400 Menschen vor das Werkstor des Automobilzulieferers Gates am Eisenbahnweg, doppelt so viele wie zum Auftakt der Mahnwache am Montag.

Zusätzlich zu den brennenden Fackeln und Fässern wurde der Gehweg gegen 18 Uhr auch von Grablichtern gesäumt - ein Zeichen der Resignation? Keineswegs, so der einhellige Tenor aller Ansprachen und auch des Banners am Lkw der IGBCE. „Wir wehren uns.”

Gewerkschaftssekretär Dennis Radtke gab die Marschrichtung vor. „Lasst uns versuchen zu retten, was noch zu retten ist.” Er verstehe die Wut und Enttäuschung, halte jedoch nichts von Harakiri-Aktionen wie Werkbesetzung, die vorgeschlagen wurde.

Gegenvorschläge

So sei man dabei, Gegenvorschläge zu erarbeiten und der Konzernleitung vorzulegen, zusammen mit der Stadt Aachen. Auf einer Aktionärsversammlung nächste Woche in London wolle man vertreten sein und das Aachener Anliegen schildern, notfalls sollen Aktien des Mutterkonzern Tomkins PLC erworben werden. „Wenn man mit dem Arsch an der Wand steht, gibt es nur eine Blickrichtung: nach vorne.” Der Gewerkschafter zitierte den Maler Max Liebermann, anlässlich eines SA-Aufzugs vor seinem Haus: „Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.”

Schließlich sei es bei Gates immer nur bergauf gegangen, schreibe man derart schwarze Zahlen, dass die noch „einen Schatten im Keller werfen” und sei das Werk in Aachen als bestes in Europa belobigt worden. Die Begründung für die Schließung der Produktion in Aachen, dass im Billiglohnstandort Izmir der Stundenlohn nur 2,60 Euro betrage sei zynisch. Dennoch müsse man jetzt zusammenstehen und „bis zum Umfallen kämpfen”, solange die Türe noch einen Spalt offenstehe. Allerdings handele es sich um einen „Karnevalsscherz der allerübelsten Sorte”, dass Verantwortliche in der gegenwärtigen Situation die Belegschaft noch zu Überstunden aufforderten.

Betriebsratsvorsitzender Klaus Meyer bedankte sich für die Solidarität, die von allen Seiten komme: „Wir kriegen Post aus allen Richtungen.” Er schätzte die Zahl der wegfallenden Arbeitsplätze, etwa bei kleinen Lieferanten oder Dienstleistern, auf insgesamt 500 bis 600, also weit mehr als die 350, die bei Gates gestrichen werden sollen und kündigte ebenfalls Widerstand an: „Wir werden alle möglichen Register ziehen.”

Franz-Peter Beckers, 1. Bevollmächtigter der IG Metall, nannte das Vorhaben, in einem hochprofitablen Unternehmen Arbeitsplätze zu vernichten, ein „kapitalistisches Kriegsgewinnlertum”. Er habe schon viele Schließungen erlebt, immer es sei es darum gegangen, alles so geräuschlos wie möglich über die Bühne zu bringen. So sei im Bildröhrenwerk bis zum letzten Tag produziert worden, wofür die Verantwortlichen hohe Prämien bekommen hätten: „Das ist nur in Deutschland möglich.” Im Werk in Frankreich hätte es nämlich größeren Widerstand gegeben. Schließungen in Deutschland müssten so teuer werden, dass sie sich nicht mehr lohnten.

Aufmunternde Worte kamen auch von Regionaldekan Josef Voß für das Bistum Aachen („Ich finde das eine Ungeheuerlichkeit, was hier passiert.”) und den Oberbürgermeisterkandidaten von CDU und SPD, Marcel Philipp und Karl Schultheis. Sie rieten dazu, wie eine Familie zusammenzustehen und Moral und Ethik von Unternehmen einzufordern. „Wir wollen nicht, dass sich die Führung durch das Schlüsselloch verabschieden kann.”
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