Aachen - Gastro-Branche: Vollzeitjobs sind Mangelware

Gastro-Branche: Vollzeitjobs sind Mangelware

Von: Nicola Gottfroh
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Tausende Biere hat auch Rita R
Tausende Biere hat auch Rita Rütz gezapft. Für eine Festanstellung hat es dennoch bislang nicht gereicht. „In einigen Betrieben, in denen ich in den vergangenen Jahren gearbeitet habe, bestand die Belegschaft zu zwei Dritteln aus 400-Euro-Jobbern”, ärgert sie sich. Foto: Imago/Seeliger
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Bildnummer 55497425 Date 07 05 2011 Copyright Imago Seeliger Beer cones in a Berlin Pub Society ger Berlin Gastronomy Bar symbol xng 2011 horizontal Highlight o0 Economy Waitress Wirt world of work Society

Aachen. Wie oft sie schon abends und am Wochenende hinter der Theke stand und wie viele Biere Rita Rütz in ihrem Leben schon gezapft hat, das weiß sie nicht. Gezählt hat sie sie nicht, aber es müssen wohl Tausende sein.

„Mit Sicherheit waren es nicht weniger, als bei so mancher Vollzeitkraft”, sagt sie. Und genau das macht sie sauer. Denn Rita Rütz hat unzählige Male versucht, über einen 400-Euro-Job eine Festanstellung zu bekommen - immer wieder auch in der Gastro-Branche. Und sie ist immer wieder gescheitert.

„In der Gastro-Branche wird es für Beschäftigte immer schwerer, einen Vollzeitjob zu bekommen”, sagt Peter Mogga, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in der Region Aachen. Die Arbeitsagentur habe im vergangenen Jahr in der Städteregion knapp 6140 Mini-Jobber in der Hotel- und Gaststättenbranche registriert. Damit habe sich die Zahl der geringfügig Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Auch die Teilzeitarbeit habe laut NGG drastisch zugenommen: Von der Köchin bis zum Kellner hatten mehr als 1260 Menschen in der Städteregion im vergangenen Jahr lediglich einen Teilzeitjob.

„Die Gastro-Branche setzt bewusst auf Patchwork-Belegschaften mit Mini-Verträgen”, sagt Peter Mogga. Damit sparten die Arbeitgeber Sozialabgaben. Mogga: „Und Mini-Jobbern werden häufig tarifliche Leistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld, tariflicher Urlaub und Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, die ihnen eigentlich zustehen, vorenthalten.”

Diese Erfahrung hat auch Rita Rütz gemacht. „Wenn ich mal Urlaub hatte, dann war die Lohntüte in diesem Monat halt eben leerer”, erzählt sie. Gleichzeitig sollte sie jederzeit erreichbar sein: „Die Arbeitgeber haben von uns 400-Euro-Kräften verlangt, dass wir auf Abruf bereits stehen und springen, wie es gerade nötig ist. Und der Pool, aus dem sie schöpfen konnten, war groß: In einigen Betrieben, in denen ich in den vergangenen Jahren gearbeitet habe, bestand die Belegschaft zu zwei Dritteln aus 400-Euro-Jobbern”, sagt Rütz. Bei Betrieben mit Außenterrasse oder bei Eisdielen könne sie sogar nachvollziehen, dass die Mitarbeiter auf Abruf bereit stehen müssen. „Das sind Bereiche, in denen das Wetter eine große Rolle spielt. Wenn die Sonne scheint brummt da das Geschäft natürlich”, sagt sie.

Das Wetter sei aber lediglich eins von vielen Argumenten für die Beschäftigung von 400-Euro-Jobbern im Gastro-Gewerbe, sagt Dirk Deutz, Inhaber der Aachener Gaststätte Im Alten Zollhaus und Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. „In der Gastronomie gibt es halt eben nicht die typischen Acht-Stunden-Jobs; man kann doch nicht für zwei Stunden Mittags- und vier Stunden Abendgeschäft mehrere Vollzeitkräfte einstellen”, sagt Deutz. „Der Arbeitsanfall reicht oft einfach nicht für eine Vollbeschäftigung”. Ebenso wie die Servicekraft im Restaurant nur dann gebraucht wird, wenn Gäste da sind, wird der Kellner in der Disko nur am Wochenende gebraucht und die Thekenkraft in der Bar, so wie Rita Rütz, nur am Abend. „Dafür braucht man zu den Stoßzeiten samstags und sonntags dann noch mal Extra-Kräfte, die dann aber unter der Woche nicht benötigt werden”, erklärt Deutz das Problem. „Es würde viele Gastronomen die Existenz kosten, wenn die 400-Euro-Jobs abgeschafft würden”, sagt er.

Für die NGG zieht dieses Argument nicht. „Der Trend, den Beschäftigten lediglich kleine und zudem oft auch noch befristete Arbeitsverträge zu geben, wirft ein denkbar schlechtes Licht auf die Branche”, sagt Peter Mogga. Schon jetzt seien Hotellerie und Gastronomie Schlusslichter bei den Löhnen und beim Ranking der Ausbildungsberufe. „Mit diesen Arbeitsbedingungen wird es keinem Hoteldirektor und keiner Restaurantchefin gelingen, einen Betrieb auf Dauer erfolgreich zu führen”, sagt er und betont: „Wer arbeitet, der muss davon auch leben können.”

Tarifrunde der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in voller Fahrt

„Die Tarifverhandlungen nehmen mittlerweile auch in den Zuständigkeitsbereichen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) richtig Fahrt auf”, erklärt Peter Mogga, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG-Region Aachen.

In der Zuckerwirtschaft konnte bereits Mitte März eine gute Steilvorlage erreicht werden: Seit 1. April bekommen die Beschäftigten der Jülicher Zuckerfabrik Pfeifer & Langen 3,6 Prozent mehr Gehalt.

In der Obst- und Gemüseverarbeitenden Industrie, der auch die Zentis GmbH aus Aachen mit knapp 1400 Beschäftigten angehört, findet am Dienstag die erste Verhandlung in Krefeld statt. Die Forderung lautet: sechs Prozent mehr für ein Jahr.

Im Hotel- und Gaststättengewerbe und Bäckerhandwerk erwartet Mogga die „härtesten Verhandlungen des letzten Jahrzehnts”. Bekanntlich befinden sich die Einkommen beider Branchen vom Niveau her im unteren Drittel. Auch hier geht es um mindestens sechs Prozent mehr.

Die erste Verhandlungsrunde für das Gastgewerbe hat am Freitag in Neuss begonnen, die Bäcker gehen am 7. Mai bereits in die zweite Runde.

Bei der Kronenbrot KG trifft sich eine Kommission am 3. Mai, um die Forderungen für den Firmentarifvertrag aufzustellen.

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