Für Rollis ist die Pontstraße der Härtefall

Von: Nina Krüsmann
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Gemeinsam auf der Suche nach barrierefreien Wegen durch die Innenstadt: Rollstuhlfahrer Dzenan Dzafic, sein Assistent Danny Baumeister, Masterstudent Yavuz Kücük und Probandin Lea Heuser. Foto: Nina Krüsmann

Aachen. Es ist eigentlich der ganz normale Spaziergang eines Studenten: Nach der Vorlesung im Audimax geht es über die Wüllner­straße auf die Pontstraße in Richtung Markt. Irgendwo eine Kleinigkeit essen, Freunde treffen und schauen, was so los ist. Doch für Studierende mit einer Behinderung ist dieser typische Weg durch die Amüsiermeile ein Hindernislauf.

Der RWTH-Masterstudent Yavuz Kücük untersucht die Problemstellung derzeit mit einem sogenannten Stresstest, schickt seine Probanden mit einer Videobrille und einem Smartband am Handgelenk auf die „Ponte“. Das Szenario ist immer identisch, die Testpersonen bewegen sich alleine durch das Getümmel.

Fehlende Orientierung

„Man hat keine Orientierung, denn es fehlen Leitlinien zur Orientierung für sehbehinderte Menschen. Da muss man ständig alle Sinne beisammen halten und aufpassen, dass man nichts umwirft. Es ist einfach fürchterlich. Deshalb meide ich die Pontstraße und bin den Weg lange nicht alleine gegangen“, erzählt Probandin Lea Heuser.

Sie ist blind und kann nur noch hell und dunkel unterscheiden. Welche Verbesserungen sie sich wünschen würde? „Schwierig. Auf jeden Fall müsste das Kopfsteinpflaster geglättet werden. Mit Barrierefreiheit hat das derzeit nichts zu tun“, sagt Heuser.

Insgesamt 15 Menschen mit Behinderung haben an der wissenschaftlichen Untersuchung teilgenommen. Das Smartband misst dabei die Hauttemperatur und die Hautleitfähigkeit, also die Anzeichen von Schweißentwicklung. „Beide Faktoren geben Anzeichen dafür, ob Menschen in Stress geraten“, sagt Kücük.

Seine Versuche laufen bereits seit fünf Wochen. Eine Videobrille zeichnet alle Schritte seiner Versuchspersonen auf. Sie ist mit einem GPS-System vernetzt. So gelingt Kücük, der am Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr forscht, im Anschluss eine perfekte Auswertung der Daten. „Die Verortung von Barrieren an der Pont­straße mittels Smartband-Technologie“ lautet der Arbeitstitel seiner Untersuchung.

„Auf der Teststrecke sind alle Hindernisse vorhanden, die der Alltag für uns bereithält, ein absoluter Härtefall“, stellt Rollstuhlfahrer Dzenan Dzafic fest.

Aufsehenerregende Idee

Der 31-jährige Informatiker und wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für eingebettete Systeme ist Tetraspastiker und promoviert derzeit an der RWTH. Seine Arme und Beine sind seit seiner Geburt gelähmt. Sein bisheriges Leben im Rollstuhl brachte ihn auf eine aufsehenerregende Idee: Er entwickelte ein Navigationssystem, das Rollstuhlfahrern die Fortbewegung in der Innenstadt erleichtern soll.

Das „eNav“ berechnet unter Berücksichtigung von Steigungen, Bodenbeschaffenheit und anderen Hindernissen den besten – und damit nicht automatisch kürzesten – Weg zum Ziel. Es versucht beispielsweise das störende Kopfsteinpflaster zu umgehen. Unterstützt wird Dzafic dabei von seinem Assistenten Danny Baumeister.

„Die Zusammenarbeit mit Yavuz Kücük ist ein absoluter Glücksfall. Natürlich habe ich mich auch schon dem Stresstest unterzogen. Mein Ziel ist, das „eNav“-System für Rollstuhlfahrer bis Jahresende zu präsentieren. Kücüks Ergebnisse könnten meine Software in Zukunft ergänzen“, erklärt Dzafic. Soziale Teilhabe, ein Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, so dass sich alle sicher bewegen und auch amüsieren können, ist sein Wunsch.

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