Sporter des Jahres Freisteller Sportlerwahl Sportlergala Freisteller

Für 2000 Kinder werden die Weichen gestellt

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
zeugnis_22_bu
Wenn das Halbjahreszeugnis mal nicht so gut ausfallen sollte, kann bis zur Versetzung noch viel aufgeholt werden. Foto: Ingo Latotzki

Aachen. Für fast 2000 Familien in Aachen sind das jetzt spannende Zeiten. Die Anmeldungen für die weiterführenden Schulen stehen bevor. Am Freitag gibt es Halbjahreszeugnisse, und die Viertklässler erhalten mit diesem Zeugnis die Empfehlung für die künftige Schulform.

Und da soll es nun Grundschullehrer geben, die schreiben dem Kind zwar die Eignung fürs Gymnasium ins Zeugnis, unter vier Augen aber sagen sie den Eltern: Lassen Sie lieber die Finger vom Gymnasium, mit G8 und Turboabitur wird das nur elender Stress. Schicken Sie ihr Kind lieber auf eine Gesamtschule oder eine Realschule. Abitur sei auf dem Weg ja auch möglich, nur eben nach neun Jahren.

Berthold Winterlich, Schulleiter am Anne-Frank-Gymnasium, berichtet, dass ihm in den vergangenen Tagen in Elterngesprächen gleich dreimal so eine Geschichte erzählt wurde. Winterlich kann sich darüber gewaltig aufregen. „Wer so etwas unter der Hand sagt, der untergräbt das System.” Die Eltern seien natürlich völlig verunsichert. „Warum schreiben Lehrer Gymnasium in die Empfehlung, wenn sie es nicht so meinen?”, fragt er.

Dass Lehrer still und heimlich vom Gymnasium abraten, hat Josef Els so noch nicht gehört. „Es wäre aber bedenklich”, sagt er. Sehr wohl bestätigt der Schulleiter des Pius-Gymnasiums, dass viele Eltern angesichts der Schulzeitverkürzung reichlich verunsichert sind. „In bestimmten Jahrgangsstufen sind die Anforderungen an die Kinder ja auch in der Tat größer. So wird die zweite Fremdsprache bereits in Klasse 6 eingeführt.” Deshalb kann sich Els durchaus vorstellen, dass Eltern von sich aus sagen: Da tun wir das Kind doch lieber auf eine Gesamtschule oder eine Realschule.

„Die Angst vor G8 ist eigentlich nicht berechtigt”, betont Klaus Becker, Schulleiter am Geschwister-Scholl-Gymnasium. „Die Schulen in unseren europäischen Nachbarländern führen schließlich auch alle in acht Jahren zum Abitur.” Außerdem, sagt Becker, habe das Gymnasium auch den Auftrag, vorübergehende Defizite der Schüler aufzuarbeiten. Und die eine oder andere Startschwierigkeit der verkürzten Schulzeit sei mittlerweile behoben. „Die Kernlehrpläne sind weitgehend entrümpelt, und die Schulbücher sind auf G8 abgestimmt.”

Beckers Rat an verunsicherte Eltern ist eindeutig: „Wenn ein Grundschullehrer nach vier Jahren zu dem Schluss kommt, dass ein Kind fürs Gymnasium geeignet ist, dann kann dieses Kind auch aufs Gymnasium gehen.”

Dieter Spillner, Schulleiter am Einhard-Gymnasium, hält die anhaltende G8-Debatte eher für „gefühltes Drama”. Ob die Umsetzung der Schulzeitverkürzung der Stein der Weisen sei, darüber lasse sich trefflich streiten. „Aber was unsere Schülern in der G8 leisten müssen, ist immer noch weit von dem entfernt, was Schülern im europäischen Umfeld abverlangt wird.” Seinen Schülern werde das immer bewusst, wenn sie die Partnerschule im französischen Metz besuchen und erleben, was die Kinder dort leisten müssen.

Auch Spillner betont: „Wenn ein Kind eindeutig fürs Gymnasium empfohlen wird, dann ist das auch machbar.” Bei einer eingeschränkten Empfehlung fürs Gymnasium müsse die passende Schule allerdings sehr genau ausgesucht werden. „Dann ist irgendwo ein Defizit, das die Grundschullehrer unsicher macht”, so Spillner. Kinder mit Zuwanderungsgeschichte sind womöglich in allen Fächern top, haben aber im Deutschen Probleme. „Dann muss die Frage sein: Hat die Schule Förderkurse für Kinder mit Sprachproblemen?”

Elterliche Ängste erlebt auch Jochen Geradts, Schulleiter am Rhein-Maas-Gymnasium, häufig. Aber wenn tatsächlich Grundschullehrer heimlich vom Gymnasium abraten, „dann wäre das ein verlogenes Ding.” Erklären kann er sich solche Manöver nur mit der Angst vor den Eltern, die ihr Kind mit einer Gymnasialempfehlung in die bestmögliche Startposition bringen wollen. „Manche Eltern treten ja schon sehr militant auf.”

Und dann kommt die Pubertät

Auch Geradts rät Eltern, einer eindeutigen Empfehlung auch zu folgen. „Die Schulen haben heute so viele Fördermechanismen, um Kindern individuell zu helfen.” Das Rhein-Maas-Gymnasium mache gute Erfahrungen mit seinem Ganztagskonzept. „Für unsere Schule ist das sehr belebend.”

Holprig kann es allerdings in jeder Schulkarriere mal werden, das wissen alle Schulleiter. „Irgendwann schlägt die Biologie durch”, sagt Dieter Spillner: Irrungen und Wirrungen der Pubertät kann auch eine ausgewogene Grundschulempfehlung nicht verhindern.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert