Flucht aus Syrien: Die Angst ist weg, jetzt beginnt das Abenteuer

Von: Guido Jansen
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Heilig Abend sind die ersten zwölf Verwandten der Familie Ahmad auf dem Düsseldorfer Flughafen gelandet. Zuvor waren sie aus dem Kriegsgebiet in Aleppo/Syrien geflohen. Zunächst in den Libanon, von da aus nach Deutschland. Jetzt lebt die durch den Krieg lange getrennte Familie in Aachen unter einem Dach. Foto: dpa
Syrien
Krieg und Zerstörung beherrschen den Alltag in Aleppo. Aus diesen Verhältnissen sind zwölf Mitglieder der Familie Ahmad geflohen. Acht weitere sollen folgen. Foto: dpa

Aachen. Am Heiligen Abend steht Dagmar Ahmad (42) vor ihrem Haus im Aachener Süden und sagt ein paar Momente lang immer wieder ein Wort. „Unglaublich.“ Mit ihren Händen, die sie über Mund und Nase hält, erstickt sie das Wort fast. „Unglaublich. Ihr seid alle da“, sagt sie und schüttelt ihren Kopf.

Für sie, ihren Mann Mustafa (42) und einen großen Teil der Familie enden in diesem Moment am Heiligen Abend Tage, Wochen und Monate der Angst und ein großes Abenteuer beginnt. Die ersten zwölf Mitglieder ihrer Familie aus den vom Krieg zerstörten Städten Aleppo und Afrin in Syrien sind in Sicherheit, drei Frauen, neun Kinder haben die von Aachen aus organisierte Flucht heil überstanden.

Jetzt, in diesem unglaublichen Moment, laden sie ihre Koffer aus dem Kleinbus. Sie sind angekommen in ihrer neuen Heimat Aachen, einer Stadt, in der nicht geschossen wird, die Wände nicht ständig zittern, weil irgendwo irgendetwas einschlägt und in der keine Leichen auf den Straßen liegen.

Die zwölf Mitglieder der Familie Ahmad aus Aleppo und Afrin wohnen jetzt unter dem Dach der Ahmads aus Aachen, bei ihrem Cousin oder Onkel Mustafa und seiner deutschen Frau Dagmar. Das Innenministerium hat versprochen, dass es weitere acht Aufenthaltsgenehmigungen für zwei Jahre ausstellt.

Vier der Flüchtlinge, die dann in knapp sechs Wochen ankommen, finden auch noch bei den Ahmads Unterschlupf. Mit den vier kleinen Kindern, die Dagmar und Mustafa Ahmad haben, macht das dann 22 Hausbewohner. Dafür haben die Aachener Ahmads die Komfortzone in ihren eigenen vier Wänden aufgegeben und Platz geschaffen für die Familie. Vier weitere Flüchtlinge leben dann bei Dagmar Ahmads Schwester. Möglich wurde diese Aachener Weihnachtsgeschichte, weil die Ahmads von einer Hilfewelle getragen werden, mit der sie selbst nicht gerechnet haben.

Krieg traumatisiert

Die Menschen, die am Heiligen Abend in Aachen angekommen sind, müssen jetzt lernen zu fühlen, dass der Krieg für sie vorbei ist. Ein unglaubliches Gefühl, das Zeit braucht, bevor es in den Verstand übergeht. Denn Krieg traumatisiert. Das hat Mustafa Ahmad festgestellt, seit er die aus Syrien geflohenen Mitglieder seiner Familie im Libanon vor zwei Wochen in seine Arme schließen konnte. „Sie werden trotzdem mitten in der Nacht wach und weinen“, sagt Mustafa Ahmad.

Im Libanon, der Zwischenstation auf der Flucht nach Aachen, waren sie erstmals seit langer Zeit so etwas wie in Sicherheit. „Das ist für sie einfach unglaublich“, sagt Mustafa Ahmad. So unglaublich, dass das Unterbewusstsein dem Frieden noch nicht traut. Die Familie von Mustafa Ahmad hat unter Dauerbeschuss gelebt. Am 5. Dezember ist Ahmads Tante auf der Straße in Aleppo erschossen worden. Von wem und warum, das weiß die Familie nicht.

Regierungstruppen schießen auf Rebellen und umgekehrt, auf beiden Seiten morden Söldner, die aus dem Ausland bezahlt werden. Wer in die Schusslinie gerät, der ist tot. Zwei Tage nach dem Tod der Tante sind sie aus Aleppo und Afrin geflohen. Nicht in Richtung Türkei, die nur etwa 50 Kilometer weiter nördlich anfängt. Die Grenzen zum nächsten Nachbarland sind für Syrer dicht. Sondern nach Süden, mitten durch die anderen Krisengebiete Syriens wie die Gegend um Homs, in der auch Krieg herrscht.

Das Ziel war der Libanon. Da wird auch geschossen. Aber nicht so viel wie in Syrien. Dort hat Mustafa Ahmad auf die zwölf Mitglieder seiner Familie gewartet, ihre Papiere zusammengestellt und Flüge gebucht. Von Beirut über Istanbul nach Düsseldorf. Mit eigenem Geld, beziehungsweise dem Geld, das er von seinen Freunden bekommen hat, um seine Familie zu befreien. Deutschland übernimmt die Kranken- und die Pflegeversicherung. Alle anderen Kosten tragen die Ahmads. Betten, Kleider, Schulsachen, Essen, Heizkosten, alles. Die Aachener Familie hat nicht angefangen zu rechnen, ob sie das kann. Als NRW am 27. September bekanntgegeben hat, 1000 syrische Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, da haben die Ahmads beschlossen, es zu tun. „Wir haben da nicht mal drüber gesprochen“, sagt Mustafa Ahmad über den Moment der Entscheidung. „Es war einfach klar.“

So hoch war der Leidensdruck, weil die Aachener Ahmads seit dem Ausbruch des Kriegs 2011 hilflos mitverfolgen mussten, wie der Lebensraum ihrer Familie in Syrien zur Front wurde. Seit über einem Jahr versuchen die Aachener, Mustafas Eltern zu sich zu holen. Bisher ohne Erfolg. „Helft uns. Holt uns hier raus.“ Solche Nachrichten haben die jüngeren Familienmitglieder aus Syrien immer wieder geschickt.

Flucht im Kühlwagen

Einige sind auf eigene Faust geflohen. Ein Neffe stand im vergangenen Jahr plötzlich vor der Türe. Er berichtete, wie es läuft, wenn man sein Leben Schleusern anvertraut. Unter einer Lieferung Schotter wurden Flüchtlinge versteckt, oder in einem Kühlwagen. Aschfahl und krank kam der Neffe in Aachen an. Gut 10.000 Euro kostet eine solche Flucht. „Es macht mich unglaublich wütend, wenn ich daran denke, dass Menschen mit der Not anderer Geld verdienen“, sagt Dagmar Ahmad.

Dass die Familie raus muss aus Syrien war schon seit über einem Jahr klar. Bis zum Herbst waren alle Versuche gescheitert. Ein Gefühl der Ohnmacht lag den Aachenern seit Monaten schwer auf der Brust. Bis zu jenem 27. September. „Seitdem ist Mama viel besser gelaunt“, sagt Alan, das älteste Kinder der Ahmads am Abend vor der großen Familienzusammenführung. Seine Mutter lächelt und nickt. „Wir konnten endlich was tun. Diese Hilflosigkeit war weg.“

Die Aachener Ahmads haben Vollgas gegeben. Sie mussten dafür sorgen, dass ihre Familie auf die NRW-Liste kommt. Behördengänge und Papierkrieg haben den Oktober und November bestimmt. Und der Umbau des Hauses. Im Keller  sind zwei Schlafzimmer für vier Personen neu entstanden, auf der zweiten Etage auch. Im Erdgeschoss befindet sich die Küche, im Esszimmer stehen zwei große Tische, an denen Platz für jeden ist, selbst wenn bald alle da sind. Im Wohnzimmer ebenfalls. Auf der ersten Etage leben jetzt die Aachener Ahmads.

Wenn das Ehepaar von den jüngsten Wochen und Monaten erzählt, fällt das eine Wort immer wieder. „Unglaublich.“ Auch heute noch können es die Beiden nicht fassen, wie sie von einer Welle der Hilfsbereitschaft getragen werden, die Familie, Nachbarn, Freunde und Wildfremde losgetreten haben und die sie einfach über die vielen Probleme hinweggetragen hat. Jeder der Flüchtlinge braucht einen Bürgen, der für ihn haftet.

Alleine konnten die Ahmads das nicht leisten. Das Problem war schnell gelöst. Ein Installateur hat Heizungen und Wasserleitungen verlegt, um das Haus auf die Neuankömmlinge vorzubereiten und hat auf seinen Lohn verzichtet. Ein Autohändler hat den Ahmads auf der Flucht seine Wohnung in Libyen zur Verfügung gestellt, sein Bruder hat Busse organisiert für die vielen Transporte bis zum Abflug aus Beirut. Ein ehemaliger Referendar hat Dagmar Ahmad, die Lehrerin ist, sein Auto geschenkt. Nachbarn haben Möbel gekauft. Wildfremde haben ihre Betten zu den Ahmads gebracht. „Und weil sie der Meinung waren, dass die Matratzen zu alt waren, haben sie direkt neue gekauft“, sagt Dagmar Ahmad.

Die Welle der Hilfe, die die Familie trägt, ist stark. Und unglaublich. „Ich musste das erst lernen, das alles anzunehmen“, sagt Dagmar Ahmad. Ein bisschen sei ihr das vorgekommen als würde sie betteln. „Bis ein Nachbar mir mal richtig den Kopf gewaschen hat und mir klar gemacht hat, dass die Leute, die uns helfen, das Gefühl haben, dass sie uns etwas zurückgeben.“ Jetzt beginnt für die gewachsene  Familie das Abenteuer Alltag. Die Ahmads machen damit im Familienverbund genau das, was der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff im Interview mit unserer Zeitung gefordert hat. „Es ist nicht damit getan, die Leute aufzunehmen. Sie müssen sozial abgesichert werden“, sagte Mussinghoff.

Die älteren Neuankömmlinge dürfen arbeiten, weil sie keine Sozialleistungen erhalten. Und sie sollen arbeiten, damit sie in die große gemeinsame Kasse einzahlen können. „Alle sollen mithelfen“, sagen Dagmar und Mustafa Ahmad.  Als Arbeitskraft, im Haushalt, im Alltag. Das Nahziel: Die neue Großfamilie soll funktionieren und in ihrer neuen Heimat Fuß fassen. Die jüngeren Kinder werden eingeschult.

Noch nicht am Ziel

Die, die körperlich und seelisch unter dem Krieg und der Flucht besonders gelitten haben, sollen gesund werden. Dagmar Ahmad kehrt im Februar nach ihrer Babypause zurück in ihren Job als Lehrerin, Mustafa Ahmad ist Gastronom und betreibt ein Café in Aachen. Die Familie muss intakt bleiben, auch wenn das Ehepaar nicht im Haus ist.

Ein Fernziel gibt es nicht. In Aachen dauerhaft ankommen. Oder irgendwann nach Syrien zurückkehren, wenn der Krieg dort nicht mehr tobt. Am Ziel sind die Ahmads noch nicht. In knapp sechs Wochen kommen acht weitere Familienmitglieder. Ob das Übersiedeln der Eltern klappt, ist noch unklar. „Erst wenn das der Fall ist, dann kann ich wirklich beruhigt schlafen“, sagt Mustafa Ahmad. „Ich bin fest davon überzeugt. Ich sehe sie schon an unserem Tisch sitzen“, sagt Ahmad. „Das ist mit wichtig. Unglaublich wichtig.“

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