Fan-Prügelei: Staatsanwalt fordert sieben Jahre Haft

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. In seinem „letzten Wort” vor dem Urteil der 1. Großen Jugendkammer am Aachener Landgericht, das am Dienstag um 10 Uhr im Saal 0.009 ergeht, hat der Angeklagte Momcilo M. (19) die Unschuld seines Cousins Nikola M. (26) beteuert. Beide sind wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Totschlags angeklagt.

„Ich gebe meinen Anteil an der Tat zu. Und mir tut das sehr leid für das Opfer. Aber weder mein Cousin noch ich haben auf ihn eingetreten.” Momcilo M. selbst hatte im Prozess um eine brutale Fan-Schlägerei am Büchel nach dem WM-Fußballspiel Deutschland-Serbien (Ergebnis 0:1) gestanden, dem Deutschen Tobias B. (20) aus Alsdorf einen Schlag ins Gesicht verpasst zu haben. Das geschah in der aufgeheizten Stimmung bei einem Auto-Korso am Nachmittag nach der Niederlage gegen die Serben. Doch erst nach dem Schlag, der Tobias B. zu Boden streckte, fand die eigentliche, äußerst brutale Tat statt.

Denn da soll der mit einem weißen T-Shirt bekleidete Cousin Nikola den am Boden liegenden Azubi aus Alsdorf mit seinem beschuhten Fuß dermaßen gegen den Kopf getreten haben, dass manche Zeugen heute noch fassungslos über das Erlebte sprechen.

Für den Vertreter der Anklage war die Sache am Montag klar. Es sei Nikola M. gewesen, der „mit großer Wucht und mit Anlauf”, so der Staatsanwalt, quasi einen Volleyschuss mit dem Kopf des am Boden liegenden Opfers vollführte. Er fordert für den Haupttäter Nikola M., der an seinem weißen T-Shirt erkannt wurde, eine Haftstrafe von sieben Jahren wegen versuchten Totschlags. Momcilo M. dagegen habe nichts mehr damit zu tun gehabt und müsse sich „nur” wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der Schlag sei mit einem Jahr Jugendstrafe zur Bewährung abgegolten, lautete der Antrag der Anklage.

Beängstigende Vorführung

Ein Zeuge hatte die Tritte dem Gericht vorgeführt, so, wie sich das Geschehen vom 18. Juni 2010 bei ihm eingebrannt hatte. Die Demonstration war an einem der ersten Verhandlungstage für alle Anwesenden beängstigend und bedrückend zugleich, vor allem deshalb, weil Tobias B., der körperlich wiederhergestellt ist, als Nebenkläger im Saal saß und sich anschauen musste, wie man ihn misshandelt hatte.

B. leidet noch heute unter den psychischen Folgen des Vorfalls, an einzelne Tatumstände kann er sich nicht erinnern. Und mit ihm, so sein Nebenklageanwalt Dieter Ferner, sei die gesamte Familie durch das Geschehen traumatisiert. Dass niemand den Täter genau gesehen hatte, das könnte zur Crux dieses Prozesses werden; die Kammer unter Vorsitz von Richter Gerd Nohl ist bei der Urteilsfindung nicht zu beneiden, hieße es doch eventuell „im Zweifel für den Angeklagten”.

Der Verteidiger beantragte am Montag Freispruch für seinen Mandanten, der die Tat bislang nicht gestanden hat. Der brutale Vorfall hatte anscheinend alle Passanten und Umstehenden so in seinen Bann gezogen, dass sich niemand das Aussehen des Verursachers der beinahe tödlichen „zwei bis vier Tritte” gemerkt hatte.

Die Verteidigung brachte noch vor, ein Zeuge aus dem Umfeld der aus Kroatien stammenden Angeklagten habe den Täter doch erkannt, wolle das nur nicht öffentlich sagen.

Man darf also gespannt sein, wie heute der Urteilsspruch ausfällt und welche Wirkung er entfaltet. Sicher wie das Amen in der Kirche wird es alsbald wieder Fußballspiele geben, nach deren öffentlicher Übertragung sich Sieger und Besiegte feindlich gegenüber stehen, in der Stadt, am Büchel, am Tivoli oder in der Fanmeile Pontstraße.
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