Essstörungen: Leidensweg mit vielen Ängsten

Von: Martina Stöhr
Letzte Aktualisierung:
gewicht_bu
Gegen den Schlankheitswahn: Gudrun Jelich, Geschäftsführerin der Suchthilfe Aachen (links), und Ministerin Ulla Schmidt bei der Auftaktveranstaltung. Foto: Heike Lachmann

Aachen. „Du sollst dich nicht vergleichen”, das könnte laut Bernhard Verhoelen, Geschäftsführer des Caritasverbandes Aachen, das elfte Gebot sein. Denn wer immer auf andere schaue und meine, dass sie schöner, schlanker, heiterer oder lockerer sind, der vergehe sich an sich selbst.

„Wir wollen Mädchen und Frauen in ihrer Einmaligkeit bestärken”, sagt er und findet damit einen passenden Einstieg in die Auftaktveranstaltung der Suchthilfe zum Kampf gegen den Schlankheitswahn.

„Leben hat Gewicht” lautet der Titel einer Initiative der Bundesregierung, in deren Rahmen die Suchthilfe Aachen bereits im vergangenen Jahr ein Modellprojekt für Mädchen und Frauen mit Essstörungen startete.

„Wir waren vor 20 Jahren in Aachen die ersten, die dieses Problem thematisiert haben”, so Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die die Initiative als Schirmherrin unterstützt. Heute bietet die Suchthilfe den Betroffenen in zwei neuen Gruppen frühe und unbürokratische Hilfe, um Magersucht, Bulimie oder latente Essstörungen in den Griff zu bekommen. Denn das geht ohne professionelle Unterstützung nicht. „Bulimie und Magersucht sind psychische Erkrankungen”, betonte die Ministerin, eine Behandlung sei also unbedingt erforderlich.

Gestörtes Essverhalten

In der Suchthilfe an der Hermannstraße bekommen junge Frauen in zwei nach Alter getrennten Gruppen die Chance, an ihrem Problem zu arbeiten. Und das mit Erfolg, wie Doris Schindel und Ruth Schwalbach von der Fachstelle Essstörung eindrucksvoll darlegten. Sie bieten den Betroffenen ein Therapieprogramm, das ihnen dabei hilft, ihr gestörtes Essverhalten schrittweise zu kontrollieren. Die Teilnehmerinnen lernen unter anderem, ihren Körper realistisch wahrzunehmen, eine eigene weibliche Identität zu entwickeln und ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen. Und schon nach zehn Sitzungen im „Basismodul” zeichnen sich erste Erfolge ab, erzählen die Therapeutinnen. Die ersten Teilnehmerinnen haben gelernt, mit ihren Ängsten umzugehen, Stress abzubauen und ihre Fress- oder Brechattacken zu kontrollieren. In Aufbaumodulen können sie später je nach Bedarf das Gelernte vertiefen.

Langer Leidensweg

Gerade die über 20-Jährigen haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. „Sie kommen mit großen Ängsten in die Gruppe”, erzählt Doris Schindel. Doch sobald sie spürten, dass sie mit ihren Ängsten ernst genommen werden, könnten sie sich öffnen.

„Ich will einmal ganz normal mit meinem Freund essen gehen” oder „Ich will nicht immer nur ans Essen denken” sind laut Schindel Beispiele für Wünsche, die sie zu Beginn der Gruppenarbeit äußern.

Viele leiden unter Depressionen und Angststörungen und in der Therapie lernen sie, Stress und Ängste zu bewältigen. Die meisten von ihnen haben ein hohes Bildungsniveau, sind sehr leistungsorientiert und haben ein großes, kreatives Potenzial. „Dennoch glauben sie, ânicht richtig zu sein´”, sagt Ruth Schwalbach. Der Mangel an Selbstbewusstsein mache sie zu Opfern des Schlankheitswahns. Und Sendungen wie „Germany´s next topmodel” bestärkten sie in ihrem Irrglauben, dass „schlank und schön sein” der Garant für Erfolg sei, meinen die Spezialisten. Es sei also auch Aufgabe der Gesellschaft, diesem Zerrbild etwas entgegenzusetzen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert