Es ging tatsächlich ohne Faxe und Mails

Von: Alfred Stoffels
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Manfred Beissel im Ratssitzungssaal: Am 1. April ist der Oberverwaltungsrat seit 45 Jahren in städtischen Diensten, seit zehn Jahren im OB-Büro. Dort macht er dem Rat die Termine. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Am 1. April ist „Messinghochzeit”, dann steht Manfred Beissel seit exakt 45 Jahren in Diensten der Stadt Aachen. Ein langes Zusammensein also, aus Sicht des Oberverwaltungsrats dennoch ein kurzweiliges - „wo ist die Zeit geblieben? Besonders die vergangenen zehn Jahre sind nur so verflogen”.

Seit 1999 wirkt Beissel (61) als „Fachberater für Rat und Ausschüsse” im OB-Büro, nebenher führt er die Chronik der Stadt Aachen, Tag für Tag und akkurat, wie das ein Pflichtmensch nun einmal macht.

Ein überaus toleranter, humorbegabter und eloquenter Pflichtmensch allerdings, der zudem die eigene Meinung keineswegs beim Betreten der Amtsstube an der Garderobe abgibt.

Was ihn allerdings nicht dazu verleitet, das Gebot der Neutralität und der Gleichbehandlung auch nur ansatzweise zu verletzen.

Das wäre auch extrem unklug in seiner Position, denn wer so nahe an der Politik arbeitet und so viel mit den Ratsmitgliedern zu tun hat, hätte ganz flott ganz großen Ärger, wenn sich eine Fraktion übervorteilt fühlte. Bisher nicht geschehen.

Parteibücher helfen bisweilen beim Aufbau der Karriere. Beissel hat keins, und spätestens im Februar 1993 erwies sich das als Vorteil: Die Stadt suchte einen Leiter des Amtes für Statistik und Wahlen, der natürlich politisch ungebunden sein musste.

Beissel bekam den Job - und hatte gleich eine ordentliche Bewährungsprobe vor sich: 1994 fielen Kommunal- und Bundestagswahl auf denselben Tag.

Da war er schon ein gestandener Verwaltungsmann: mit 28 jüngster Abteilungsleiter (im Personalamt, wo er „aufgrund einer glücklichen Fügung” als junger Inspektor angefangen hatte), dann 15 Jahre lang leitend tätig in der Datenverarbeitung, Chef des Amtes für Verteidigungslasten.

Im Wahlamt begann er, die Aachen-Chronik zu führen, dieses ihm liebgewonnene „Kind” nahm er dann mit hinüber ins Büro des Oberbürgermeisters.

„Spannend und abwechslungsreich” nennt er seine Arbeit dort, vom Verfertigen der Ratssitzungspläne bis zur Sichtung der gesamten OB-Post.

Ohne eine gesunde Vertrauensbasis zwischen oberstem Dienstherrn und Fachberater läuft da gar nichts. Beissel: „Jürgen Linden ist ein kritischer, aber gerechter Chef. Wir arbeiten sehr gerne zusammen, die Chemie hat einfach gestimmt.”

Dass der OB im Herbst definitiv aufhört, kommentiert er so: „Ich respektiere die Entscheidung, aber es tut mit leid” - so muss ein anderer Oberbürgermeister im Jahr 2012 die Verabschiedung Beissels in den Ruhestand übernehmen.

Vieles ändert sich von Grund auf im Lauf der Jahre - sogar Verwaltung? Gerade die, sagt der Fachmann, und erinnert sich an die Tage, als es noch eine Bürowelt ohne Faxe und E-Mails gab.

Folgen der modernen Kommunikationsmöglichkeiten laut Beissel: Der Stress am Arbeitsplatz wird immer größer, die zwischenmenschlichen Beziehungen verkümmern, „alles wird unpersönlicher. Man muss aufpassen, dass man sich von der Technik nicht vereinnahmen lässt, sonst wird man zum willenlosen Spielzeug”.

Als Manfred Beissel am 1. April 1964 als Praktikant anfing bei der Stadt, da ging es im Rat noch übersichtlich zu: Dort gab es CDU, SPD und FDP (und die auch nicht immer).

Heute tummeln sich fünf Fraktionen im Sitzungssaal, garniert vom einen oder anderen Einzelkämpfer. Sorgt das für mehr Debattenkultur, eine höhere Qualität in der politischen Auseinandersetzung - oder eher nicht?

Das mag Beissel nicht beurteilen, aber eins weiß er: Die Qualität der Bürgerfragestunde vor der Ratssitzung hat rapide abgenommen. „Immer öfter ein Podium für Leute, die sich wichtig machen”, sei aus dieser durchaus sinnvollen Einrichtung geworden, „viele Anfragen sind bestellt”, richtig übel gehe es da manchmal zu, „die Köttel auf dem Lousberg” würden zum Teil thematisiert, wirklich „inhaltsschwere Fragen” seien eher selten geworden.

Doch der Ärger verraucht schnell, lieber spricht der „leidenschaftliche Aachener”, der inzwischen mit seiner Frau in Würselen wohnt, dann wieder über die schöne und natürlich gut verwaltete Stadt Aachen, die auch in Zeiten knappen Geldes „gut aufgestellt” sei.

Manfred Beissel kann das noch aus einem anderen als berufsbedingten Gründen beurteilen: In seiner Freizeit liest er bevorzugt „Romane mit politischem Hintergrund”.
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