Erzieherinnen: „Wir sind doch keine Packesel”

Von: Margot Gasper
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„Wir streiken”: Rund 700 Erzieherinnen demonstrierten in Aachen lautstark für besser Arbeitsbedingungen. Allein in Aachen blieben 48 städtische Kindertagesstätten geschlossen. Foto: Harald Krömer

Aachen. So haben die Aachener ihren „Lennet Kann” wohl noch nie gehört. Rund 700 Erzieherinnen und Sozialarbeiter zogen am Freitag protestierend durch die Stadt. Auf die Klänge des ehrwürdigen Karnevalslieds machten sie sich ihren eigenen Reim: „Wir sind von Verdi! Wir streiken den ganzen Tag!”

Nahezu flächendeckend ist das Personal der städtischen Kindertagesstätten am Freitag in den Ausstand getreten. 48 Kitas in kommunaler Trägerschaft blieben in Aachen geschlossen. Lediglich zehn Tagesstätten hatten - für Notfälle - geöffnet. Darauf hatten sich Stadtverwaltung und Gewerkschaft im Vorfeld geeinigt.

Gemeinsam mit den Aachenern zogen Erzieherinnen und Sozialarbeiter aus Düren, Stolberg und Eschweiler durch die Stadt. Zu überhören war der Protest nicht: Mit Topfdeckeln, Rasseln und Trillerpfeifen machte das Kita-Personal aufmerksam auf seine Forderungen: bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Quer durch die Stadt zog der große Protestzug zum Markt.

Verdi-Mitglied Karola Hoch, heute stellvertretende Personalratsvorsitzende bei der Stadt, hat selbst viele Jahre als Erzieherin gearbeitet. Sie bekam leuchtende Augen angesichts der großen Resonanz: „Erzieherinnen gehen für ihre Gesundheit auf die Straße. Darauf habe ich immer gewartet. Endlich wehren die sich.”

Und die Liste der Klagen ist lang: Kurze Pausenzeiten, große Gruppen, knappes Personal, Lärm und immer mehr Stress beklagen die Erzieherinnen. Auch beim Thema Kinderbildungsgesetz nehmen sie kein Blatt vor den Mund. „Seit Kibiz ist alles noch schlechter”, befanden Erzieherinnen aus Düren am Rande des Protestzugs klipp und klar.

Das Thema Gesundheit fängt schon beim Mobiliar an: „Ich bin seit 30 Jahren in dem Job. Und ich sitze seit 30 Jahren auf zu kleinen Stühlen”, erklärte eine Erzieherin - und erntete donnernden Applaus ihrer Kolleginnen.

Es geht aber keineswegs nur ums Sitzen oder um die Lautstärke in den Kitas. Die zunehmende Ganztagsbetreuung in den Tagesstätten lasse eine vernünftige Pausenregelung nicht mehr zu, beklagen die Beschäftigten. „Und wenn eine von uns krank wird, bricht der Laden fast zusammen.” In den Kitas würden immer jüngere Kinder betreut. „Die Kleinen brauchen immer mehr von unserer Arbeitskraft und immer mehr von unserer Aufmerksamkeit.”

Die Entscheidung zum Streik ist vielen nicht leichtgefallen. „Es gab massiven Gegenwind, aber wir haben das durchgestanden”, berichtete eine Erzieherin aus Eschweiler, „wir sind doch keine Packesel, auf die man immer noch mehr draufpackt.” Eine Abgesandte der Erzieherinnen aus Düren bedankte sich ausdrücklich bei jenen Kolleginnen, die mit Zeitverträgen arbeiten und nicht einmal wissen, ob sie weiterbeschäftigt werden. „Sie haben besonders viel Mut bewiesen.”

Ulrike Timmers, Leiterin der Kindertagesstätte Franz-Wallraff-Straße in Brand, ergriff stellvertretend für die Aachener Kolleginnen das Wort. „Wenn wir jetzt nicht standhaft sind, dann haben wir verloren”, beschwor sie die Protestler. Jetzt müsse gestreikt werden, „solange es nötig ist”.

Die Haltung der Arbeitgeber, erklärte Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Corinna Groß, sei eine „Frechheit”. „Die haben Euch bis jetzt ignoriert.” Aber die Aktionen am Freitag seien erst der Anfang, „der erste Schritt zu einer Veränderung der Arbeitsbedingungen”.

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) machte Gewerkschaftssekretär Karl Panitz den Streikenden Mut. Für Montag und Dienstag hat Verdi Erzieherinnen aus Aachen, Stolberg, Eschweiler und Herzogenrath zum Streik aufgerufen.

Am Montag gibt es ab 9 Uhr im Verdi-Haus in der Aachener Harscampstraße ein Streik-Frühstück. „Eure Fahnen könnt ihr hier vorne abstellen”, sagte Verdi-Fachsekretär Viktor Petje am Freitag am Ende der Kundgebung. „Die brauchen wir noch für die nächsten Aktionen.”

Plätze für den Notfall

Auch bei der Stadt Aachen stellte man sich am Freitag auf weitere Streiktage ein. Neben den Kitas könnten auch die Jugendberufshilfe, der allgemeine Sozialdienst oder die Offene Ganztagsschule betroffen sein, hieß es.

Für Eltern, die beim Kita-Streik keinerlei Betreuung für ihr Kind haben, gibt es auch nächste Woche nur wenige Betreuungsplätze. Erkundigen können sich Eltern bei Call Aachen unter 432-0. Erneut erging der Appell der Stadt an die Eltern: „Bitte nur in wirklich dringenden Fällen!”
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