Entspannen gleich hinterm Hauptbahnhof

Von: Werner Breuer
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Strandkorb im Urwald? Nein, Birgit Capellmanns Lieblingsplatz in ihrem Garten an der Kasinostraße. Die Sozialpädagogin schätzt ihn als Rückzugsort, auch wenn die deutlich hörbaren Lautsprecher durchsagen des nahen Hauptbahnhofs „manchmal etwas nerven“. Foto: Harald Krömer
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„Wilder Garten“: Rund um den Teich sprießen die Pflanzen, unter Wasser gedeihen die Goldfische, die auch der Fischreiher zu schätzen weiß. Foto: Harald Krömer

Aachen. Ein großer Garten an der Kasinostraße? Klar doch, vielleicht noch ein Gletscher am Brander Wall oder ein Badesee an der Pontstraße? Aber dann fällt der Blick doch auf eine grüne Oase von über 600 Quadratmetern. Die liegt etwas unterhalb eines Kasinostraßen-Hinterhofs und etwas oberhalb von Gleis 9 des Aachener Hauptbahnhofs.

Beete, Blumen, Bäume, ein kleiner Teich, manchmal hört man Vögel zwitschern, doch die domimierende Geräuschkulisse klingt anders: „Achtung an Gleis zwei, Einfahrt hat der Regionalexpress...“, dazu manchmal schrill kreischende Bremsen und andere Lebensäußerungen des Eisenbahnbetriebs. „Manchmal nervt es schon“, sagt Birgit Capellmann.

Trotzdem schätzt die 55-jährige Sozialpädagogin ihren Garten als Rückzugsort. In ihrem Job ist sie meist nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs. Nach Feierabend will sie dann nicht mehr viel reden müssen, sondern ruhig in ihrem Strandkorb sitzen, lesen, die Durchsagen des lauten Nachbarn möglichst überhören.

Dabei ist sie zu dem Garten, der ihr jetzt so wichtig ist, „gekommen wie die Jungfrau zum Kinde“. Als sie vor elf Jahren mit ihrem Mann in die Wohnung im Erdgeschoss zog, lebte die Vermieterin noch in der Etage darüber. Als die Kräfte der alten Dame schwanden, half Birgit Capellmann ihr mit dem Garten, später nicht nur dort. Und als die Eigentümerin starb, blieb der Mieterin der Garten.

Viel daran geändert hat sie nicht. Der Teich wurde entschlammt, ein paar Beete neu angelegt und es wurden einige neue Gewächse angepflanzt. Andere pflanzten sich selbst an. „Was das genau ist, weiß ich manchmal selbst nicht“, räumt Birgit Capellmann ein, „aber wenn ich es schön finde...“ Es sei halt ein „wilder Garten“ – und der macht mehr Arbeit, als die Bezeichnung vermuten lässt. Zu üppig sprießt das Grün. Wenn Birgit Capellmann es nicht im Zaum hält, wächst sie irgendwann zu wie Dornröschen.

Und natürlich muss auch regelmäßig das Gras gemäht werden, obwohl ein englischer Rasen auch damit nicht zu schaffen wäre. „Die alten Bäume, das Wurzelwerk – da wächst das nicht so gut.“ Überhaupt Bäume: Blautanne, Tuja, Zypresse gibt es im Capellmannschen Park, dazu noch Farn, Schilf und Girsch.

Sichtschutz

Das alles bietet ausreichend Sichtschutz in beide Richtungen: Von draußen schaut niemand ungehindert rein, und von drinnen bleibt einem der Blick auf das Verwaltungsgebäude an der Lagerhausstraße, das Parkhaus an der Zollamtstraße und manches andere architektonische Kleinod in der Nachbarschaft erspart. Ohne die regelmäßigen Hinweise auf „voraussichtlich fünfzehn Minuten Verspätung“ oder „Einfahrt hat... (kreisch, quietsch, rumpel)“ könnte der Gartenbesucher glatt vergessen, wo er da gerade die Seele baumeln lässt.

Aber Birgit Capellmann vergisst es nicht so leicht, denn ihr Paradies ist bedroht. Vor etwa zwei Jahren ging das los: Da kam im Zuge der Debatten um den ICE-Halt das Thema Südausgang aufs Tapet, und auf der Suche nach einer weiteren Verbindung zwischen dem Hauptbahnhof und der Kasinostraße nahmen die Planer auch Capellmanns Garten ins Visier.

Seither hatte sie immer wieder mal Besuch von Vertretern der Stadt, auch Oberbürgermeister Marcel Philipp saß schon am Gartenteich. Seinerzeit habe der OB die Notwendigkeit erklärt, die Pläne für den Südausgang umzusetzen, erzählt Birgit Capellmann. Inzwischen hätten die Planer aber bemerkt, dass der Weg durch ihren Garten nicht die Ideallösung wäre. Die wird nun anderswo gesucht. „Im Moment bin ich ganz entspannt“, sagt Birgit Capellmann, „aber das Damoklesschwert hängt immer noch.“

Ein Paradies in der Nachbarschaft der Bahn zu erhalten, ist eine besondere Herausforderung.

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