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Ende März werden alle Turnhallen wieder regulär genutzt

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
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Bis Ende März können alle dem Land zur Verfügung gestellten Hallen wieder regulär genutzt werden. Foto: Caroline Seidel/dpa
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Widmet sich mit ganzer Kraft den Problemen, die durch den Zustrom von Flüchtlingen entstehen: Heinrich Emonts. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Wie nennen wir die Menschen, die von woanders her zu uns flüchten?“ fragt in einer Hamburger Schulklasse die Lehrerin. „Menschen!“, antwortet ein Mädchen. Im Sozialausschuss erzählt Sevim Dogan, Teamleiterin des Aachener Kommunalen Integrationszentrums (KI), diese berührende Geschichte.

Ja, es kommen Menschen. Schutzsuchende, getrieben und vertrieben von Bomben und Hunger, Elend satt und genug. Wie die Stadt Aachen sie aufnimmt und hilft und hilft, darüber berichtet im Ausschuss für Soziales, Integration und Demographie immer wieder Heinrich Emonts. Heinrich Emonts ist der Leiter des Fachbereichs Soziales. Er ist bis in die letzten Fasern seines Herzens durchdrungen von der Mammut-Aufgabe.

Wenn er erzählt aus den Notunterkünften, über die „rasante Entwicklung“ der Flüchtlingszahlen, wenn er mit der „Fallzahlprognose“ jongliert, ruhig, bedächtig, wie nach innen blickend, wo sich die ganze Not abspult, dann spürt jeder im Raum: Ein Mensch spricht über Menschen. Das Elend nimmt den Heinrich Emonts mit – und er nimmt seine Zuhörer mit. Am Ende schaut er still vor sich hin – und seufzt tief durch. In diesem Seufzer liegt alles. Man möchte aufspringen und den Mann spontan umarmen. Er macht einen phantastischen Job.

Dann darf er auch einmal glücklich sein und in all seiner Bescheidenheit auch stolz. „Wir haben gesät, jetzt kommt die Ernte“, sagt Heinrich Emonts leise. Der Satz ist gleichsam das Motto für die Sitzung, die sich mit den Schutzsuchenden und ihrer Integration befasst. Die Ernte: Die Unterkunft für Flüchtlinge am Westbahnhof, eine Landeseinrichtung für bis zu 1000 Menschen, steht seit Mittwoch einzugsbereit. Bei der Zuweisung von Flüchtlingen an die Stadt werden die 1000 Plätze angerechnet. Die Notunterkünfte in Turnhallen konnten geschlossen werden. Bis Ende März können alle dem Land zur Verfügung gestellten Hallen wieder regulär genutzt werden. Auch diese Plätze rechnet das Land bei der Zuweisung an. Aachen hat die Hausaufgaben gemacht. „Wir sind sozusagen in Vorleistung gegangen“, sagt Heinrich Emonts, „das mit den Turnhallen haben wir Gottseidank hinter uns.“

Die Fallzahlprognose: In diesem Monat beherbergt Aachen 2955 Flüchtlinge. Jeden Monat kommen 75 hinzu. Ende Juli werden es also 3330 Menschen sein. Für sie werden in städtischen Unterkünften, in Projekten der Gewoge und von Privatinvestoren sowie in an-gemieteten Wohnungen 3617 Plätze bereitstehen. Die „Überkapazität“ an Plätzen soll ein „dringend erforderlicher Puffer“ sein.

Aber was heißt schon „Überkapazität“? Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel prognostiziert 500.000 Flüchtlinge pro Jahr bis 2020. Trifft das zu, rechnet Heinrich Emonts mit mehr Zuweisungen jährlich auch für Aachen. Dann dürften es bei jetzt 900 pro Jahr 1388 jährlich sein. „Keiner kann groß in die Zukunft gucken“, seufzt Heinrich Emonts wieder. „Für die Bedarfe ab August/September haben wir noch keine Lösung. Wir sind weiterhin gut beraten, möglichst viel Wohnraum zu schaffen.“ Das gelte auch für die einheimische Bevölkerung.

Natürlich ist es nicht der Heinrich Emonts allein, der sich kümmert. Da sind die vielen fleißigen ehrenamtlichen Helfer, aufmerksame Nachbarn, pensionierte wie aktive Lehrer, sich einbringende Schulen. Nicht nur das Sozialamt, die Stadtverwaltung ist engagiert, angeführt von einem immer wieder und überall die „Willkommenskultur“ stützenden Oberbürgermeister Marcel Philipp.

Da ist beispielsweise das Kommunale Integrationszentrum. Im Sozialausschuss berichtet Teamleiterin Sevim Dogan. Alle Kinder/Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren sind schulpflichtig, auch die ausländischen. „SeiteneinsteigerInnen“ nennt das Gesetz die von ihnen, die kein Deutsch sprechen. Die Aufgabe, ihnen einen Schulplatz zu vermitteln, hat das Schulamt an das KI delegiert.

Immer mehr Kinder zwischen acht und neun Jahren kommen, die Zahl syrischer Kinder „wächst und wächst, morgen gibt es schon wieder andere Zahlen“, sagt Frau Dogan. Plötzlich stehe eine Flüchtlingsfamilie mit zehn Kindern vor der Tür, „dann geht die Arbeit los“. Die Zahl der „SeiteneinsteigerIn-nen“ hat sich vom Schuljahr 2011/2012 bis zum vorigen Jahr um das 4,5-fache erhöht, 532 zugezogene Kinder wurden an den Schulen untergebracht, aktuell liegt die Zahl bei 660. Für eine gezielte Deutsch-Förderung hat Aachen Deutsch-Intensivkurse für je 15 Schüler an sechs Grundschulen eingerichtet, die Kurse sind voll. Mit 17 internationalen Klassen starteten Aachener Schulen 2014, heute sind es 40, nach den Osterferien kommen acht hinzu.

Von einer „extrem hohen Lernmotivation“ der ausländischen Kinder spricht Sevim Dogan. Auch bei ihr ist die innere Anteilnahme am Schicksal der Kinder zu spüren. Kinder, „die Erfahrungen mitbringen“, Kinder und Jugendliche, die ein halbes Jahr und mehr auf der Straße lagen auf ihrem weiten Weg zu uns, aus Eritrea, Afghanistan, Syrien und, und, und. „Wir geben unser Bestes“, sagt Sevim Dogan. „In Aachen ist das ganz toll, alle Schulformen machen mit.“ Und auch das sagt sie: „Wir sind alle Menschen dieser Erde.“

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