Eine Weltkriegs-Biographie mit tragischem Ende

Von: Georg Dünnwald
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Ein Enkel von Maria Helene Weyers: Johannes Kube erzählt vom Leben und Sterben seiner Großmutter, die er nie persönlich kennenlernen durfte. Alles, was er weiß, hat seine Mutter ihm berichtet. Foto: Harald Krömer

Aachen. Maria Helena Weyers hatte nur ein kurzes Leben. Am 14. März 1917 starb die aus dem niederländischen Südlimburg stammende Frau qualvoll an einer schweren Lungenentzündung, die unmittelbar mit den Ereignissen des Ersten Weltkrieges zu tun hatten. An der Westfront tobte der Krieg. Wie die Fliegen starben die Soldaten im Granatenhagel in ihren Schützengräben.

Sie wurden Opfer von Gasangriffen, erschossen oder schwer verletzt. Pardon wurde nicht gegeben. Pardon gab es aber auch nicht für die Bevölkerung in Deutschland und auch nicht für die Belgier, in deren kleinem Königreich die Westfront stag­nierte.

Der Aachener Familientherapeuth Johannes Kube (77), der seit 1980 als Ausländerreferent der Evangelischen Studentengemeinde in Aachen arbeitete und sich seither als Familientherapeuth betätigt, beschreibt tief beeindruckt das nur kurze Leben seiner Großmutter, die aus dem Südlimburgischen stammt. Maria Helena Weyers war die Mutter von Kubes Mutter. Seine Großmutter selbst hat Kube durch die Erzählungen seiner Mutter Marie Elise, die eine der drei Töchter Maria Helena Weyers war, posthum kennen und lieben gelernt.

Sechs Kinder geboren

„Die Oma war eine sehr starke Frau“, sagt Kube. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog es sie als „Fremdarbeiterin“ nach Leverkusen, wo sie in der aufstrebenden Chemiestadt eine Stelle als Köchin antreten wollte. Denn so weit von ihrer Heimat, dem südlimburgischen Wittem-Eys war die Bayer-Stadt ja nun wirklich nicht entfernt. Als 18-Jährige heiratete die lebenslustige Katholikin den eher ernsten deutschen Arbeiter und Anhänger des evangelischen Glaubens, Emil Horn.

Trotz der gegensätzlichen Charaktere verlief das Eheleben glücklich, jährlich gebar die junge Frau ein Kind, darunter Zwillinge. Sie waren die letzten Kinder. „Was mit Sicherheit auch darauf zurückzuführen war, dass die einhergehende drastisch veränderte, politisch und sozial umgepflügte Landschaft in Deutschland und Europa katastatrophale Folgen hatte, weil die Kriegswirtschaft und die Rüstungskosten die immer knapper werdenden Güter und Waren für den täglichen Bedarf exorbitant verteuerten“, erklärt Kube.

Dazu kam noch das Unglück, dass das Einkommen der Familie immer tiefer sank, weil die junge Ehefrau nur noch zeitweise Gelegenheitsarbeiten zugeteilt bekam. Ihr Ehemann, Emil Horn, hatte seine Stelle verloren, als er sich bei einem Unfall sein Bein schwer verletzt hatte. Er blieb sein Leben lang ein Schwerbehinderter und war nicht mehr fähig, zu arbeiten. Allerdings beriet er, der der Arbeiterbewegung nahestand, ehrenamtlich mittellose Kriegsversehrte und Invaliden.

Das Einkommen der Familie Weyers-Horn wurde zunehmend geringer, an Lebensmitteln mangelte es in allen Städten. Selbst die Bezugsscheine waren das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Sehr lange Warteschlangen bildeten sich vor den Geschäften, die nur unzureichend beliefert wurden, Lebensmittel waren kaum noch zu bekommen – Kinder litten bereits an Rachitis und Hungerödemen – für den Schwarzmarkt, auf dem die nötigen Essenswaren für den täglichen Bedarf durchaus, aber nur zu überhöhten Preisen zu bekommen waren, war für die Familie Horn und Millionen anderer Familien gar nicht zu denken.

In den letzten Kriegsjahren sanken die Rationen auf etwa anderthalb Scheiben Brot je Person, ein Pfund (500 Gramm) müssen je Person für eine Woche reichen. Richtig zynisch war die Bemerkung des Reichsamtes für Ernährung in Berlin, für ausgebliebene Brotrationen gebe es kein Fleisch.

Also machte sich Maria Helena Weyers von Leverkusen aus über Aachen mehrfach in die südlimburgische Heimat auf, um dort zu „hamstern“. In Aachen übernachtete sie häufiger bei einer Freundin, ehe sie über Vaals weiter in ihren Heimatort reiste. Denn Kontakt hatte sie immer zu ihren dort lebenden Verwandten gehalten. Allerdings musste die junge Mutter höllisch aufpassen, wenn sie mit Lebensmitteln bepackt wieder zurück nach Deutschland kam. Denn an Bahnhöfen konfiszierten patrouillierende Gendarmen gerne die mühsam gegen den Eintausch von Schmuck und anderen Wertgegenständen erstandenen Lebensmitteln.

Immer weniger Lebensmittel

Für die niederländische „Fremdarbeiterin“ Maria Helena Weyers war die Situation besonders bedrückend. Immerhin verdiente sie als unterbezahlte Kraft das gesamte Einkommen für eine achtköpfige Familie, vor allem das dreijährige Zwillingspärchen Anni und Paul waren schon wegen ihres Alters höchst gefährdet. Oft fuhr die junge Mutter in ihren Heimatort, kam jedoch auch immer häufiger mit immer weniger Lebensmitteln zurück nach Hause. Denn die Niederländer wurden durch die Briten unter Druck gesetzt, ein Zaun an der Grenze errichtet. Den Bürgern wurde verboten, Menschen aus Feindesland Lebensmittel mitzugeben.

Ihre letzte „Brotreise“ unternahm Maria Helena Weyers im Hungerwinter 1917. Beim Rückmarsch an die Grenze geriet sie in eine Schneewehe, brach in ein Grenzbach ein. Passanten befreiten sie aus ihrer schrecklichen Lage. Mit einer schweren Lungenentzüdung wurde sie von ihren Rettern in einen Zug Richtung Leverkusen gesetzt.

Dort versuchte sie, in einem Hospital unterzukommen. Das gelang jedoch nicht – alle Krankenhäuser waren überfüllt, überall lagen Verletzte von der Westfront. Die Schwerstkranke wurde abgewiesen. Nur kurze Zeit später starb die junge Frau im Beisein ihrer sechs Kinder. Sie wurde nur 33 Jahre alt.

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