Eine Prise Zucker für den Herzenswunsch

Von: Nadine Preller
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Endlich vereint: Die „verlore
Endlich vereint: Die „verlorene” Tochter Adelheid-Elisabeth Hahnbück mit Schwester Irene Wuttke und Mutter Christine Deffur Foto: Krömer

Aachen. Als kleines Mädchen streute sie Zucker auf ihre Fensterbank. Jeden Tag eine kleine Prise. Als Lockmittel für den Storch, der ihr ein Geschwisterchen bringen sollte. Eine Tradition eben, und eine kleine Spinnerei der jungen Adelheid-Elisabeth, die noch an Wunder glaubte.

Wer hätte gedacht, dass viele Jahrzehnte später ihr Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Denn mit 66 Jahren traf sie nicht nur zum ersten Mal auf ihre Schwester, sondern auch auf ihre Mutter samt Großfamilie.

Vor rund zwei Monaten war das. Vor einem hübsch verklinkerten Haus in Brand fuhr da ein Wagen vor. Auf dem Rücksitz Christine Deffur, die leibliche Mutter der gebürtigen Düsseldorferin mit dem Mädchennamen Willemsen, die heute Hahnbück heißt und eben dort in Brand wohnt.

Adelheid-Elisabeth Hahnbück wurde adoptiert. Mit acht Monaten kam sie in eine Pflegefamilie. Das war 1946. „Geahnt habe ich irgendwie schon immer, dass da was nicht stimmt”, sagt sie. Da gab es die Hänseleien ihrer Mitschüler auf dem Pausenhof - „Du bist ja ein Heimkind!”. Die Verschwiegenheit ihrer Eltern. Und deren offensichtliches Zurückhalten von Geburtsurkunde und Stammbuch. Erst als die Adoptivmutter starb, erhielt Hahnbück Einsicht in all die bis dato verschlossenen Dokumente. Da war sie bereits 42 Jahre alt. „Meinen Eltern das Schweigen vorwerfen? Nein. Sie mögen ihre Gründe gehabt haben. Vielleicht die Angst, mich zu verlieren?”

Angst hatte sie auch, als in diesem Oktober der Wagen mit dem MG-Kennzeichen vor ihrem Haus hielt. In Mönchengladbach besitzt ihre „richtige” Familie einen Friseursalon, das wusste die Frau. Vor zwei Jahren hatte sie die Initiative ergriffen, einen Suchantrag über das Rote Kreuz gestellt. Jetzt tippelte sie nervös durch die Wohnung. Vom Wohnzimmer über den Flur zur Haustür und wieder zurück. Aufgeregt, „gespannt wie ein Flitzebogen”. Wohnzimmer, Flur, Haustür. Immer wieder.

Gleich würde sie Antworten finden. Ordnung in das jahrelange Gefühlschaos bringen. „Warum hat mich meine Mutter weggegeben? Sehe ich ihr ähnlich? Wie ist sie überhaupt so?” Und da saß sie hinten im Wagen. Mit blonden, kurzen Haaren und einem gewissen Stolz im Blick. Am Steuer Irene Wuttke, die zweite Tochter. Diejenige, die volle 55 Jahre mit der Mutter verbringen durfte. Und die es nicht mehr auf dem Sitz hielt, als sie ihre „verlorene” Schwester durch den Vorgarten kommen sah.

Es dauerte nur Sekunden, da lagen sich die beiden in den Armen. Die eine mit hellem, schulterlangem Haar, die andere mit modisch-dunkler Kurzhaarfrisur. Ähnlich war beiden die Brille. Und das Lachen, durchdringend und hell. So viel Erleichterung lag in diesem Lachen. Und in der Umarmung. Sofort waren die Schwestern einander vertraut. Doch der größte Schritt lag noch vor Hahnbück. Der in Richtung Autotür, hinter der immer noch Christine Deffur wartete. Zaghaft, fast ein wenig reserviert kam das erste „Hallo”. Man reichte sich höflich die Hand.

Fragt man Hahnbück heute nach dem ersten Eindruck, sagt sie: „Ich war angenehm überrascht, von ihrem Aussehen und so.” Keine Sekunde später prustet die Frau ob der Obskurität dieses Satzes los. Die 84-jährige Mutter sitzt fröhlich kichernd daneben, wippt glucksend auf und ab. Vergessen ist längst die Angst, die Schüchternheit. Man sitzt plaudernd am Kaffeetisch. Auch heute wieder stundenlang. Wie viel gibt es doch zu erzählen, aufzuarbeiten.

Und nichts wird verschwiegen. Direkt ist Christine Deffur, wenn es um Erklärungen geht. „Ich bin in einer traditionellen Bauernfamilie großgeworden. Mein Vater war ein Patriarch, wie er im Buche steht”, erzählt sie. „Das kam einem Weltuntergang gleich, als ich mit 17 schwanger wurde. Unverheiratet!” Konsequenz: Die junge Christine wurde in eine Düsseldorfer Hauswirtschaftsschule abgeschoben, das gerade geborene Mädchen der Mutter entrissen und einem Kinderheim überlassen. Die desaströsen Umstände damals, dass sie selbst noch ein Kind war, vollkommen mit der Situation überfordert, sind für die 84-Jährige keine Entschuldigung. „Ich habe jeden Tag meines Lebens an Dich gedacht”, wird sie viele Jahre später ihrer Tochter sagen. Und die wird Tränen in den Augen haben.

„Ich habe mich immer so geschämt”, bekundet Deffur. Vielleicht ist das der Grund, warum sie den Suchbrief des Roten Kreuzes lange geheim hielt. Erhalten hat sie ihn einen Tag vor Weihnachten, im Jahr 2010. „Weggeschmissen habe ich ihn nie.” Nur versteckt, in ihrer Handtasche, bis Tochter Irene Wuttke den Brief fast zehn Monate später fand. Die fackelte nicht lang, griff zum Telefonhörer, erhielt über das Rote Kreuz sofort die Nummer ihrer Schwester und rief sie an. Für diese Hals-über-Kopf-Aktion sind ihr die beiden Frauen bis heute dankbar.

Weit über Äußerlichkeiten geht hinaus, was Mutter und neugewonnene Tochter gemein haben. Fast unter denselben Umständen sind die junge Christine und das Mädchen Adelheid-Elisabeth großgeworden: Im strengen Hause auf einem Bauernhof. „Während die anderen Mädchen auf dem Fahrrad an mir vorbeisausten, nachmittags zum Schwimmen fuhren, kniete ich im Mist, die Hände voll Dreck von der Arbeit auf dem Feld.” Das alte Leben hat Hahnbück robust gemacht, widerstandsfähig, verbunden mit einer Lust am Leben. Eben ganz die Mutter. „Ich bin immer die letzte in der Kneipe”, lacht Deffur. „Ich auch”, johlt ihre Tochter. Dann wieder das zweistimmige laute, herzliche Lachen, das alle Räume des Hauses erfüllt. Als ob Mutter und Tochter die gemeinsamen Stunden, die sie über Jahrzehnte verpasst haben, in einem gewaltigen Freudenmoment loswerden wollten.

Dennoch: Vieles braucht noch Zeit. Hahnbück nennt ihre Mutter „noch” Christine. „Tschüss, mein liebes Kind”, sagt Deffur ihrer Tochter hingegen bei jedem Abschied: „Das geht dann bis in den dicken Zeh”, gesteht die 66-Jährige. Ihnen gegenüber am Tisch nippt die Schwester vergnügt an der Kaffeetasse. In ihrem Blick liegt Rührung, Mitgefühl und Glückseligkeit. Auch sie verrät, dass sie als kleines Mädchen die Fensterbank immer eifrig mit Zucker bestreute. In stetiger Hoffnung, eine Schwester zu bekommen.

Seit 1945 sucht das DRK Vermisste und Verschleppte

Der DRK-Suchdienst betreibt seit 1945 Nachforschungen über Kriegs- und Zivilgefangene, über Vermisste und Verschleppte des 2. Weltkriegs sowie über in den Wirren des Krieges verlorengegangene Kinder.

Eine Ausnahme bildet die Suche nach Familienangehörigen infolge von Adoption. Voraussetzung sind erste Anhaltspunkte wie etwa Geburtsname und -ort oder Anschrift der leiblichen Eltern.

Die Beratungsstelle des DRK-Suchdienstes in Aachen befindet sich in der Robensstraße 49. Beraterin ist Arina Pyrlik, sie ist erreichbar unter Telefon 0241/1802525 oder auch per E-Mail unter arina.pyrlik@drk.ac.
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