Aachen - Ein Lehrer-Brief mit Konsequenzen

Ein Lehrer-Brief mit Konsequenzen

Von: Marlon Gego
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Aachen. Das Ziel war, auf ein Problem aufmerksam zu machen, auf die Auswirkungen für die Schüler, doch die Angelegenheit endete in einem kleinen Desaster. Sämtliche Leiter der etwa 40 Förderschulen in der Städteregion Aachen schrieben kurz vor den Sommerferien einen Brief an alle zehn Bürgermeister der Städteregion, in dem sie auf die sich verschärfende Personalnot an ihren Schulen aufmerksam machten, nachdem Diskussionen mit der Bezirksregierung Köln jahrelang zu keinem Ergebnis geführt hatten.

Doch statt mehr Personal erhielt ein Drittel der Unterzeichner einen Eintrag in die Personalakte, die anderen Unterzeichner wurden getadelt, und der Vorgesetzte sämtlicher Förderschullehrer in der Städteregion, Schulamtsdirektor Norbert Greuel, wurde von der Bezirksregierung suspendiert. Möglich, dass er nicht wieder zum Dienst zugelassen wird.

Unter den in der Städteregion angestellten Förderschullehrern herrscht zum Teil blankes Entsetzen über das drastische Vorgehen, hinter vorgehaltener Hand wird von „einem Maulkorb von der Bezirksregierung“ gesprochen. Da die Lehrer Beamte sind, dürfen sie sich über Berufliches nicht öffentlich beschweren.

Viele haben Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen und wollen nicht über die Angelegenheit sprechen. Andere sind so erbost über das Verhalten der Bezirksregierung, dass sie doch erzählen, was passiert ist. Sie sprechen von einem Versuch, mit den Bürgermeistern, die ja größtenteils Träger der Schulen in ihren Städten und Gemeinden sind, zum Wohl der Schüler zusammenzuarbeiten. Dass die Bezirksregierung den Versuch einer Kooperation im Interesse der Schüler als dienstrechtliches Vergehen betrachtet, können nicht alle Lehrer nachvollziehen. Sie sprechen von „Paragraphenreiterei zum Nachteil der Schüler“. Zitieren lassen möchte sich niemand.

Eingeschränkte Meinungsfreiheit

Der Bezirksregierung ist der Personalmangel an den Förderschulen in der Städteregion bewusst, immer wieder gab es diesbezügliche Gespräche mit Norbert Greuel. Die nicht besetzten Stellen seien stets vorschriftsgemäß ausgeschrieben worden, konnten aber nicht besetzt werden, erklärte gestern ein Sprecher der Bezirksregierung auf Anfrage unserer Zeitung. Es mangele an Bewerbern. Ein Problem ist, dass Sonderpädagogik zwar an der Universität Köln ein Studienfach ist, nicht aber an der RWTH Aachen. Viele Sonderpädagogen bleiben nach dem Studium lieber in Köln, als sich in die Städteregion versetzen zu lassen.

Nachdem die Bezirksregierung während der Sommerferien Kenntnis von dem Schreiben der Schulleiter erhielt, bestellte sie alle Unterzeichner ein und belehrte sie über die nach Auffassung der zuständigen Abteilung eindeutige Rechtslage. Beamte haben lediglich eine eingeschränkte Meinungsfreiheit und auch kein Demonstrationsrecht. Probleme müssen mit den zuständigen Behörden geklärt werden, selbst die Bürgermeister als Schulträger dürfen nicht über Probleme informiert werden. Die anschließend geforderte schriftliche Stellungnahme der Unterzeichner entschied letztlich darüber, ob die Bezirksregierung lediglich einen Tadel aussprach oder eine förmliche Missbilligung in die Personalakten eintrug. „Wer genügend Reue zeigte, hat Glück gehabt“, sagt ein Lehrer aus der Städteregion.

Nach Informationen unserer Zeitung geht die Bezirksregierung davon aus, dass Norbert Greuel der Initiator dieses Briefes sein könnte. Wie lange Greuel suspendiert bleibt oder ob er jemals wieder seinen Dienst aufnehmen darf, ist im Moment völlig offen.

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