Ein Aachener im Dienste seiner Majestät in Ostasien

Von: Martina Feldhaus
Letzte Aktualisierung:
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Mit Tabakpfeife und Kartenmaterial: Hermann Consten als junger Forscher im Jahr 1910.
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Seine erste Reise in die Mongolei: Der Aachener Hermann Consten 1907 in den Weiten des ostasiatischen Landes.

Aachen. „Es gibt keinen Mann, mit dem ich mich intensiver beschäftigt habe als mit ihm“, sagt Doris Götting. Nicht über ihren Ehemann. Oder ihren Vater. Nein, gemeint ist einer, den sie persönlich gar nicht kannte. Einer, der schon lange nicht mehr lebt, der Ende des 19. Jahrhunderts in Aachen geboren wurde. Und von dort in die Welt hinauszog – als Forscher, als Abenteurer und Jäger und – nicht zuletzt – als Geheimagent.

Was sich anhört wie die Vorlage für einen Thrillers ist die wahre Geschichte von Hermann Consten. Die Münsteraner Journalistin Doris Götting, die viele Jahre für die Deutsche Welle in Ostasien arbeitete, hat sie aufgeschrieben. Es ist die fast unglaubliche Geschichte eines Mannes, der aus bürgerlichen Verhältnissen flieht, angetrieben von Fernweh und der Sehnsucht nach Ruhm und Ehre. Beides führte ihn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Ostafrika, Moskau, in die Mongolei, den mittleren Osten und nach Japan und China.

Dabei ist Consten ein Öcher. 1878 wird er in Aachen geboren als Sohn von Hermann Josef Consten, der in der Peterstraße eine florierende Schankwirtschaft betreibt. In Aachen fühlt sich Consten Junior aber nie wirklich wohl, bringt erst schlechte Schulnoten nach Hause und stürzt sich dann ins Studentenleben. Am Templer- und Karlsgraben ist er Dauergast in den Kneipen und Tanzsälen wie „Kloubert“ und „Kolonialkaffee“. Doch das wird ihm schnell zu langweilig. Er will raus in die Welt.

Auf der Plantage in Mombasa

Und landet erst mal – nach dem Besuch einer Kolonialschule – als Plantagenassistent im ostafrikanischen Mombasa. Später zieht er zum Studium um nach Moskau und beschäftigt sich dort mit zentralasiatischen Sprachen, Geografie und Anthropologie. Hier wird der Grundstein gelegt für einen Hermann Consten, der vor dem ersten Weltkrieg in das weltpolitische Gezerre um ostasiatische Bodenschätze gerät – und sich selbst genau dort bereichern will.

Von einem Moskauer Professor bekommt er den Auftrag, in der Mongolei „Menschenköpfe“ von Verstorbenen zu sammeln – für anthropologische Studien. Damit reist er 1907 durch Sibirien und den Ural in die Mongolei, ein Land, das ihn für viele Jahre nicht mehr loslässt. Die Forschung gerät schnell in den Hintergrund. Denn Consten avanciert zum Informanten für die deutsche Botschaft in Moskau. Er berichtet regelmäßig, welche Machtverschiebungen es in Ostasien gibt, welche Bestrebungen China, Japan und Russland in der Mongolei haben. Denn das Land ist reich an Bodenschätzen, und auch das Deutsche Reich ist interessiert. Consten – trotz seines ungewöhnlichen Lebenswandels ganz konservativer Patriot – will Kaiser Wilhelm II. strategisch ins Spiel um die wirtschaftliche Vormacht in der Mongolei bringen.

Rückkehr nach Aachen

Letztlich aber hat Consten vor allem einen großen Anteil an der Entstehung der modernen Mongolei, die 1911 unabhängig von China wird. Die abenteuerliche Geschichte des Aacheners ist damit lang nicht zu Ende. Er fährt noch mehrmals in die Mongolei, wird während des Ersten Weltkriegs, dessen Beginn er in Aachen erlebt, verstrickt in eine geheime deutsch-türkische Afghanistan-Expedition. Später, in den 1920er Jahren, lernt er in China seine Frau Eleanor von Erdberg kennen, mit der er nach der Ausweisung aus Peking 1950 bis zu seinem Tod 1957 in Aachen lebt. Sie arbeitet später als Professorin an der RWTH und stirbt 2002.

Das Leben Hermann Constens in all seiner Fülle hat Doris Götting in ihrem 600 Seiten starken Buch „‘Etzel‘: Forscher, Abenteurer und Agent“ beschrieben. Fünf Jahre lang hat sie daran gearbeitet, seine Biografie in akribischer Recherche anhand von Nachlässen – Fotos, Briefen und Literatur – rekonstruiert. Und das Ganze angefüttert mit tiefen Einblicken in die politischen Konflikte dieser Zeit. Götting war selbst beruflich viel in der Mongolei unterwegs, per Zufall fiel ihr Anfang der 1990er Jahre das Buch „Weideplätze der Mongolen“ von Consten in die Hände. „Das habe ich mit großem Interesse gelesen. Und daraus entwickelte sich die Idee: Über diesen Mann muss man ein Buch schreiben“, erzählt sie.

Mit ihrer Pensionierung ging Götting – studierte Germanistin und Slawistin – ihr Lebensprojekt an, durchforschte Botschaftsbibliotheken, reiste mehrfach nach Ulaanbaatar, sprach mit Constens Witwe in Aachen, tat Nachfahren und hilfreiche Dokumente auf, erlas sich komplexe historische Zusammenhänge. „Dann setzte ich mich hin und dachte, jetzt musst Du mal anfangen zu schreiben“, sagt sie. „Aber was? Eine wissenschaftliche Abhandlung? Einen Roman?“ Herausgekommen ist letztendlich eine interessante Mischung. Denn die Quellenlage zu Consten bleibt trotz der aufwendigen Recherche recht dünn – und ist nicht immer glaubwürdig. Zumal er sich selbst in Romanen und Briefen als Held und Unschuldslamm stilisierte.

Spannend und lebendig

So ist Göttings Werk alles in einem: Geschichtsbuch, Biografie, Roman, Brief-Tagebuch und Reportage. Und darum lesen sich die 600 Seiten über einen den meisten wohl unbekannten Mongoleiforscher spannend, lebendig und lehrreich zugleich. Die Faszination Consten springt über. Und Doris Götting sagt: „Ich bin sehr froh, dass nun von ihm eine Lebensgeschichte existiert.“ Doch sie kommt nur langsam von ihm los….

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