Aachen - Eigenes Klingelsignal warnt vor Amoklauf

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Eigenes Klingelsignal warnt vor Amoklauf

Von: Heiner Hautermans
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Aachen. Die schreckliche Bluttat von Winnenden wird spätestens heute Thema in allen Aachener Schulen sein, am Mittwoch war sie es schon in tausenden Gesprächen in Familien, Firmen oder Supermärkten.

Und neben dem Entsetzen und der Fassungslosigkeit über die Monstrosität des Geschehens schwang oft die besorgte Frage mit, ob so etwas auch im Dreiländereck passieren kann. Die Vorkehrungen, die Chancen für derartige Amokläufe zu minimieren, sollen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden.

So werden beispielsweise alle Schulgebäude mit einem sogenannten „Roten Telefon” ausgestattet, die ausschließlich zur Alarmierung in Notfällen bestimmt sind. Außerdem werden sämtliche Türschilder, 24.000 an der Zahl, in den Gebäuden nach einem einheitlichen und bestimmten System erneuert. Die siebenstelligen Nummern enthalten beispielsweise Angaben zur Lage in dem Objekt.

Darüberhinaus erhalten die Ordnungshüter eine Objektakte mit Grundrissen und Plänen, „damit man sich im Krisenfall gut orientieren kann”, sagt Björn Gürtler, Sprecher der Stadt Aachen. Diese Mappen werden anschließend ständig aktualisiert.

Ferner wird in den Aachener Schulen ein neues, drittes Klingelsignal installiert, das neben den akustischen Zeichen für Pause und Feueralarm auf den Ausnahmezustand hinweist. Das Klingelzeichen hält die Stadt für effizienter als etwa verschlüsselte Durchsagen über die interne Lautsprecheranlage mit entsprechenden codierten Sätzen, die die jeweiligen Lehrer dazu anhalten sollen, die Türen zu schließen und die Kinder unter den Tischen sich ducken zu lassen. 213.000 Euro werden diese Neuerungen kosten, weiß Gürtler: „Die Maßnahmen werden in diesem Jahr noch umgesetzt.”

Im letzten Jahr wurde die Aachener Polizei an die 30 Mal auf mögliche Ausraster aufmerksam gemacht, meist durch Mitschüler der Betreffenden. Die hatten Drohungen ins Internet gestellt, auf Toilettentüren geschmiert oder mit dem Besitz von Waffen geprahlt. Kemen: „Jedem, aber auch jedem Verdacht wird aufwendig nachgegangen. Ein großer Polizeiapparat wird in Bewegung gesetzt.”

Das geht ins Geld. „Der grobe Unfug kostet Familien 4000 bis 14.000 Euro. Diese Summen werden derzeit in Raten abbezahlt.” Dazu komme noch die strafrechtliche Bewertung wie Bedrohung oder Nötigung. Ernsthafte Verdachtsfälle hat es 2008 aber nicht gegeben, teilt Sprecher Kemen weiter mit.

In nur wenigen Fällen habe man zusammen mit den Eltern sogenannte Gefährderansprachen ansetzen müssen. Wichtig sei, dass man sensibel und mit höchster Konzentration an dem Thema dranbleibe: „Das Melden eines Verdachtsfalles ist kein Anschwärzen, sondern klassische Vorbeugung.”

Ähnlich argumentiert Jörg Mülhausen, Vorsitzender des Philologenverbands Aachen-Stadt und -Land. „Man kann nur an alle am Schulleben Beteiligten appellieren, die Augen offen zu halten und beim kleinsten Anzeichen von Unregelmäßigkeiten zu reagieren. Allerdings darf man aus Schulen auch keine Festungen machen.”

Mühlhausen reagierte mit großer Betroffenheit und Erschütterung: „Angesichts dieser abscheulichen Tat und des großen Leidens dürfen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.”

Das will auch Marcus Lube nicht, Mitglied der Sprechergruppe der Stadtschulpflegschaft und Vater von drei schulpflichtigen Kindern. Für ihn ist das ganze Schulsystem defizitär.

Realitätsferne Bildungspolitiker hätten nach dem Pisa-Schock hektische Reformen, etwa die Verkürzung der Gymnasialzeit, auf den Weg gebracht und so erheblichen Druck auf die Kinder und Jugendlichen erzeugt.

„Wenn ich mit ansehe, wie lange mein 14-jähriger Sohn arbeiten muss, nur um seinen Schnitt zu halten. Da bleibt kaum noch Freizeit, vernünftige Pausen gibt es nicht. Wenn ich das in meinem Betrieb machen würde, hätte ich die Berufsgenossenschaft am Hals”, formuliert es der Unternehmer und Bildungsberater.

Hohe Sensibilität

Lehrer würden gezwungen, Defizite zu suchen, dadurch sei Misserfolg vorgezeichnet: „Dagegen tut kein Mensch etwas.” Hauptschülern etwa werde nur vermittelt, dass ihr Abschluss nichts wert sei.

Da könne es schon sein, dass jemand völlig durchdrehe, wenn er nicht in stabilen Verhältnissen lebe. Aktuell bescheinigt Marcus Lube jedoch den Verantwortlichen in Aachen, etwa Feuerwehr und Polizei, eine hohe Sensibilität: „Ich glaube, dass das Thema seitens der Behörden sehr ernst genommen wird.”
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