Aachen - Durchgestylte Barockfiguren in einer zeitloss-ironischen Welt

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Durchgestylte Barockfiguren in einer zeitloss-ironischen Welt

Von: Heike Nelsen-Minkenberg
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Blankes Entsetzen: Figaro (Christian Backhaus) im Stück „Der tollste Tag” von Peter Turrini, das zurzeit vom Das Da Theater Aachen im Hof von Burg Frankenberg zu sehen ist.

Aachen. „Als das Wasser am Nachmittag einen halben Meter hoch im Innenhof stand, hätten wir niemals gedacht, dass wir heute Abend spielen können”, brachte Tom Hirtz, der Intendant des DasDa-Theaters, die Befürchtungen der Schauspieler und Zuschauer auf den Punkt.

Bis zuletzt war es wegen der ständigen Gewitterschauer eine Zitterpartie, ob die Premiere von Peter Turrinis „Der tollste Tag”, einer Adaption von „Figaros Hochzeit”, am Donnerstagabend auf Burg Frankenberg über die Bühne gehen konnte.

Auch Verena Waltmann hatte damit am Nachmittag noch nicht gerechnet. Doch am Abend war die Sechzehnjährige ebenso wie das gesamte Publikum von der grandiosen Aufführung gefangen.

„Die Kostüme waren toll”, so die Schülerin. Unglaublich phantasievoll hat Kostümbildner Frank Rommerskirchen unter Verwendung moderner Kleidung und von Secondhand-Materialien eine witzige, verspielt-bunte, komplett ironisierte Barock-Gesellschaft geschneidert, á la „H&M goes Rokoko”. Jede Figur ist durchgestylt bis ins letzte Detail, und alles hat eine Aussage.

„Sogar die Ärmellänge gibt eine Auskunft über den Stand der Person”, fiel Martin Theißen auf. So agiert Figaros Braut, die Dienerin Susanna (Elena Lorenzo), mit nackten Armen, während ihre Widersacherin, die alternde Marcelline (Karen Lauenstein), fast meterlange Spitzenrüschen an den Handgelenken mit sich herumschleppt. Und der aufdringliche Graf Almaviva (Jens Eisenbeiser), der gegenüber Susanna sein „Recht der ersten Nacht” geltend machen will, ertrinkt fast unter einer riesigen Perücke, während der Diener Figaro (Christian Backhaus) sich sein Toupet ständig herunterreißt, mit kahlem Kopf auftritt.

Doch das sind nur die optischen I-Tüpfelchen auf der grandiosen schauspielerischen Leistung. „Es war ein absolutes Ensemblestück”, würdigt Marco Sievert. „Ein zeitloses Stück, zeitlos inszeniert, ohne Kitsch und Pathos.”

Dafür mit vielen originellen Einfällen. Besonders bewundert die doppelschalige Drehbühne, die sich innerhalb von Sekunden vom Karussel zum intimen Separe, zum Park, zum Gerichtssaal, zum Appartement der Gräfin wandelte. „Toll, wie die Schauspieler mit dieser Drehbühne gearbeitet haben”, meint Theißen.

Besonders gefiel ihm - ebenso wie Waltmann - der Regieeinfall, dass die Schauspieler in den Arkaden des äußeren Bühnenrunds immer wieder zu Puppen erstarrten, bevor sie erneut in das Geschehen eingriffen. Auch die ständigen „Lauschangriffe” des Grafendieners Bazillus (Mike Kühne) und des Pagen Cherubin (Uwe Dreysel) wurden durch die sich immer wieder öffnenden, schließenden und verschiebenden Fenster wunderbar komödiantisch gelöst.

Wenngleich alle Akteure Großes geleistet haben, beeindruckte Verena Waltmann besonders Patricia Rabs in der Rolle der einsamen Gräfin Almaviva. „Ich fand sie gut und sehr authentisch. Eine große schauspielerische Leistung, besonders in der tragischen Schlussszene.” Denn „das Ende war überraschend”, so Waltmann. Turrinis Stück ist zwar eine Adaption von Figaros Hochzeit.

Doch während die Vorlage von Beaumarchais, die durch Mozarts Oper unsterblich geworden ist, eine reine Komödienhandlung bietet, bricht Turrini die Darstellung. „Die Verhältnisse sind stärker als die Sprache, die Gewalt ist stärker als der Witz”, so der Autor über seine Bearbeitung. Damit findet am Ende auch keine Hochzeit statt. Die Inszenierung besaß „die nötige, vom Autor gewollte Portion Witz gleichzeitig mit der ebenso nötigen Portion Tragik”, resümiert Marco Sievert.
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