Aachen - „Du sollst nicht langsam sein”: Anstiftung zur Raserei?

„Du sollst nicht langsam sein”: Anstiftung zur Raserei?

Von: Margot Gasper
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„Du sollst nicht langsam sein”: Mit großflächigen Plakaten wirbt der Kabelnetzbetreiber in Aachen für sein schnelles Internet. Schulleiter Jürgen Bartholomy findet die Darstellung nicht in Ordnung. Foto: Harald Krömer

Aachen. Da steht ein Typ in Rennmontur, den Integralhelm auf dem Kopf. Daneben heißt es in großen Lettern: „Du sollst nicht langsam sein”. Auf den ersten Blick könnte man die Plakate für eine Aufforderung zur Raserei halten. Tatsächlich wirbt der Kabelnetzbetreiber Unitymedia mit dem flotten Rennfahrer für sein schnelles Internet.

Jürgen Bartholomy allerdings ärgert sich gewaltig über das Bild mit dem Werbespruch - so sehr, dass er sich ganz offiziell beim Deutschen Werberat beschwert hat. Der Schulleiter des Berufskollegs für Gestaltung und Technik befürchtet, dass durch diese Art der Werbung Kinder und Jugendliche gefährdet werden. Das Plakat, sagt Bartholomy, „enthält keinerlei sachlichen Hinweis auf Übertragungsgeschwindigkeiten im Datennetz”. Suggeriert werde dagegen die Aufforderung zum schnellen Fahren. Auch Berufsgenossenschaften und Unfallkassen verweisen regelmäßig auf die Risikofreude junger Fahrer.

Die Raserei auf den Straßen beschäftigt Bartholomy und sein Kollegium immer wieder. Rund 2300 Schülerinnen und Schüler besuchen das Berufskolleg der Städteregion an der Neuköllner Straße. „70 Prozent der jungen Leute kommen aus der Region, viele mit den eigenen Fahrzeug”, sagt Bartholomy. Das Thema Verkehrssicherheit sei deshalb ein großes Thema an der Schule.

„Wenn ein Schüler am Montag nicht zum Unterricht kommt, dann ist es oft der Geschwindigkeitswahn im Straßenverkehr, dem der junge Mensch zum Opfer gefallen ist”, berichtet Bartholomy, „immer wieder beklagen wir Opfer aus der Schülerschaft.” Regelmäßig kommt die Polizei zu Verkehrssicherheitswochen an die Schule. „Ein zentrales Ziel ist die Sensibilisierung für die Risiken der überhöhten Geschwindigkeit in Straßenverkehr.” Die „massive und unsensible Kampagne” von Unitymedia berge die große Gefahr, diesem Ziel entgegenzuarbeiten, befürchtet er.

Die Unitymedia Group Köln, erklärte dazu auf Anfrage, die Beschwerde habe nach Einschätzung der unternehmenseigenen Rechtsabteilung nur geringe Chancen auf Erfolg. „Dennoch nehmen wir solche Bedenken, insbesondere wenn es um eine mögliche Gefährdung von Jugendlichen geht, sehr ernst”, versichert Pressesprecher Johannes Fuxjäger.

Er verweist darauf, dass es sich bei dem Werbemotiv um einen Rennfahrer handele: „Autorennen finden wie etwa in der Formel 1 auf einer gesonderten Rennstrecke und eingebettet in ein umfassendes Sicherheitskonzept statt. Eine Aufforderung zum Rasen an Autofahrer oder gar Motorrad- und Vespafahrer im Straßenverkehr ist damit definitiv nicht beabsichtigt.”

Auch bei der Aachener Polizei ist man nicht begeistert über die das Plakat. Schließlich bereitet sie gerade eine Kampagne vor, um die Problemgruppe der 18- bis 24-jährigen Autofahrer zu verhaltener Fahrweise anzuregen. Deren Unfallzahlen sind nämlich besorgniserregend gestiegen, überwiegend waren bei schweren Zusammenstößen überhöhte Geschwindigkeit, Alkohol oder illegale Drogen im Spiel. Auch das Gurtanlegen wird - beispielsweise durch das Zeigen von Schockvideos - propagiert. Verkehrsdirektor Ralf Mallmann: „Ich begrüße die Werbekampagne nicht.” Allerdings wolle er auch nicht groß darauf reagieren, „sonst müsste ich dafür einen eigenen Sachbearbeiter abstellen”.

Der Deutsche Werberat hat Unitymedia inzwischen zu einer Stellungnahme aufgefordert. Danach werden die 13 Mitglieder des Werberats entscheiden, ob die Plakatierung zu beanstanden ist.

Der Kabelnetzbetreiber bietet unterdessen an, „mit dem Beschwerdeführer über die Plakatierungen im Umfeld der Schule zu sprechen”. „Sondermaßnahmen im Schulbereich sind aber nicht mein Anliegen”, sagt dazu Jürgen Bartholomy - zumal die Schüler des Berufskollegs nicht nur rund um die Schule unterwegs seien. „Mir geht es darum, zu sensibilisieren für unterschwellige Botschaften.”

Der Deutsche Werberat ist ein Instrument der Selbststeuerung, er versteht sich als „Gewissen der Branche”. 2009 gingen aus der Bevölkerung Beschwerden über 395 Werbekampagnen beim Werberat ein. Zu entscheiden hatte das Gremium letztlich über 255 Vorgänge, für die übrigen Beschwerden war der Werberat aus unterschiedlichen Gründen nicht zuständig. Von Kritik freigesprochen wurden 186 Werbemaßnahmen. Dagegen folgte der Werberat den Protesten in 69 Fällen. 54 Kampagnen wurden daraufhin vom Markt genommen, acht weitere im Sinn der Beanstandung geändert.

„Nur in sieben Fällen musste der Werberat mit Rügen an die Öffentlichkeit gehen”, heißt es im Jahresbericht 2010.

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