„Du bist aus Aachen wenn...“: Eine Facebook-Gruppe driftet nach rechts

Von: Gerald Eimer
Letzte Aktualisierung:
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Sieht harmlos aus, ist es aber auch Sicht vieler Mitglieder längst nicht mehr: Die Facebook-Gruppe „Du bist aus Aachen wenn...“ hat sich in letzter Zeit unter Mithilfe des Administrators immer stärker auch zu einem Forum für rechtes Gedankengut entwickelt. Foto: Sarah-Lena Gombert

Aachen. Bilder aus dem alten Aachen, Erinnerungen an Öcher Originale, Hinweise auf gute Adressen in der Stadt – das war die Grundidee für die Facebook-Gruppe „Du bist aus Aachen wenn...“, die vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde und heute knapp 19.000 Mitglieder zählt.

Als „Gruppe für jedermann aus Aachen zum Austauschen von alten Erinnerungen und all dem, was den Öcher interessiert“, stellt sie sich selbst dar. Doch seit einigen Monaten wird die Kritik immer lauter, dass die vermeintlich harmlose Gruppe unter Mithilfe des Administrators für rechte Stimmungsmache und Hetze gegen Muslime, Ausländer und speziell auch Flüchtlinge missbraucht wird.

Es scheint eine überschaubare Zahl von Mitgliedern zu sein, die inzwischen die Diskussionshoheit über die Gruppe übernommen hat und jeden, der sich nicht auf den rüden Tonfall, rassistische Satirebildchen oder die mehr oder minder offene AfD-Wahlwerbung einlassen will, regelrecht wegmobbt. Während den Nutzern auf der Startseite noch „viel Spaß“ in der Gruppe gewünscht wird, in der es angeblich „vielmehr um das Mit­ein­ander als das Gegeneinander gehen sollte“, wird ihnen schnell klargemacht, was die Wortführer darunter verstehen.

Geduldet und gutgeheißen

Was immer in der rechten Szene gerade angesagt ist, schlägt sich inzwischen in der Gruppe nieder – meist ohne jeglichen Aachen-Bezug. Flüchtlinge werden als Scheinasylanten diffamiert, die Bundesregierung wird als „BRD-GmbH-Volksverräter-Mafia“ bezeichnet, Frauen in Burka-Verschleierung zeigen Sprüche wie: „Heute leben wir von Eurem Geld. Morgen nehmen wir uns Euer Land“.

Besonders lustig fanden einige Mitglieder zuletzt offenbar auch den Spruch: „Regen ist doch ein seltsames Wort. Vorwärts geschrieben, lässt es die Baumwolle wachsen und rückwärts geschrieben pflückt es sie.“ Geduldet und offenbar auch gutgeheißen wird all das von einem Administrator, der sich selbst bereits als AfD-Wähler zu erkennen gegeben hat und der die jeweiligen Debatten zusätzlich anheizt.

Wer darauf drängt, die rassistischen Postings zu entfernen, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein „Denunziant“ oder eine „Meldemuschi“ zu sein, ein Ausdruck, der in dieser Szene offenbar als besonders originell empfunden wird. Hartnäckige Kritiker schließt der Administrator umstandslos aus der Gruppe aus – eine Erfahrung, die in den letzten Monaten etliche Gruppenmitglieder machen mussten und die gruppenintern als „verdammte Gutmenschen“ oder „links-grüne Meinungsterroristen“ beschimpft werden.

Die Rechte inszeniert sich in diesem Forum als Hüter der Meinungsfreiheit und ist offenbar überzeugt davon, dass dies auch menschenverachtende Sprüche und Aufrufe zur Selbstjustiz einschließt. Auch solche Sätze waren dort über den Umgang mit Flüchtlingen schon wortwörtlich nachzulesen: „also meine Meinung man bewaffnet sich mit schönen Schlag Stöcke, man verfolgt sie treibt sie in die enge, dann bekommen Sie eine Tracht Prügel bis sie nicht mehr laufen können.“

Facebook reagiert

Lange Zeit haben die Facebook-Verantwortlichen das Treiben trotz entsprechender Hinweise entsetzter Gruppenmitglieder durchgehen lassen. Seit einigen Tagen aber löscht nun auch Facebook die übelsten Passagen.

Strafanzeigen, wie es sie in anderen Städten bereits gegen ähnlich ausgerichtete Seiten gegeben hat, liegen der Aachener Polizei bislang nicht vor. Man stufe die geschlossene, aber gleichwohl weit verbreitete Gruppe „Du bist aus Aachen wenn...“ als „lokal orientiert“ und „grundsätzlich unpolitisch“ ein, teilt die Polzeipressestelle auf Anfrage mit. Einen Grund, die Facebook-Seite zu beobachten, gebe es aus strafrechtlicher Sicht nicht.

Derweil rufen politisch Aktive inzwischen verstärkt die 18.677 Mitglieder (Stand Montag) auf, die Gruppe zu verlassen. Denn viele wissen vermutlich gar nicht, welcher Ton dort inzwischen herrscht. So auch Oberbürgermeister Marcel Philipp, der bis vor kurzem noch als Mitglied bei „Du bist aus Aachen wenn...“ verzeichnet war, aufgrund eines Hinweises der „Nachrichten“ aber sofort seinen Austritt erklärt hat.

Er habe die Veröffentlichungen dort nicht mehr verfolgt, sagt Philipp. Und wie ihm dürfte es auch vielen anderen Aachenern gehen. Sie alle geben der augenscheinlich rechts unterwanderten Gruppe eine Bedeutung, die ihr nicht mehr zustehe, heißt es in den im Internet kursierenden Boykottaufrufen.

Die Bitte der „Nachrichten“ um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen, ließ der Administrator unbeantwortet. Stattdessen postete er die Anfrage in der Gruppe und empörte sich einmal mehr über das Denunziantentum. „Ich als Admin würde die Hand für die meisten hier ins Feuer legen, dass hier niemand Rechts ist“, kommentierte er dort. Auch seine Anhängerschaft fühlte sich umgehend mit angegriffen und warf den „Nachrichten“ ungerechtfertigte Stimmungsmache und Hetze gegen die Gruppe vor.

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