Aachen - Dieter Kaspari wird 70 Jahre alt

Dieter Kaspari wird 70 Jahre alt

Von: Werner Czempas
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„Oche, ich nemm dich övverall hen met“: In seinen Liedern besingt Dieter Kaspari seine Heimatstadt, er lebt aber seit rund 30 Jahren mit seiner Frau, vier Katzen, Hühnern, Kaninchen und seiner Hündin Loa in Alsdorf-Busch. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Wenn du einen großen Teil des Lebens abgeschlossen hast, dann haste was zu erzählen.“ Der das sagt, hat tausend und mehr Geschichten drauf. Wenn er auf reinster Aachener Mundart erzählt, spielt seine Gitarre und Mundharmonika den Blues dazu. Es ist der „Öcher Blues“ des Dieter Kaspari. Am Donnerstag, 7. Dezember, wird Dieter Kaspari 70 Jahre alt.

Gewarnt sei, wer zu später Stunde einen Song des Dieter Kaspari auflegt. Er geht unausgeschlafen in den neuen Tag. Der „Öcher Blues“ macht süchtig. Noch eine Geschichte und noch eine und die letzte und allerletzte, bevor die Vögel ihre Morgengrüße anstimmen und einem die Songs des Dieter Kaspari lange nicht mehr aus dem Kopf wollen.

Da ist einer, der genau beobach-tet. Einer, der mit einfachen Worten den Alltag beschreibt, über die kleinen Leute und die kleinen Dinge erzählt. Wenn er mitnimmt auf Streifzüge durch Straßen und Gassen und Viertel der Jugend, lebt das alte Aachen auf. Heimatliebend, grüblerisch, feinsinnig, melancholisch, lustig, lachend, frech, frivol (selten), wissend, weise, philosophierend. Das Lied vom „Dröümer“ (Träumer), ein Meisterwerk, „geht unter die Haut“, wie Stadt-Pressesprecher Bernd Büttgens treffend erfühlte.

Rund 50 Lieder hat Dieter Kaspari bisher komponiert und getextet. Vier CDs liegen vor – „De Pau erav“, „Blues mich jet“, „Hongsdag“, „Chreßfess“ –, alle auf bestem Öcher Platt. „Öcher Platt ist extrem bluestauglich, viel besser als Englisch“, sagt der Platt-Poet. Für 60 weitere Songs liegt der Stoff auf Halde. „Ich habe die Geschichten im Kopf, aber du brauchst für den Blues einen guten Refrain, der ist die halbe Miete“, lässt Kaspari auf neue Geschichten hoffen.

Gitarre aus dem Versandhaus

Wie alles anfing? Seemann wollte Dieter werden, da war er vierzehn. Raus in die Welt, raus aus dem Westviertel, wo er mit den Eltern und zwei Brüdern in der Hanbrucher Straße lebte und, geboren im Marianneninstitut, als waschechter Öcher aufwuchs. Die Straßen um St. Jakob, das Rosviertel und der Westpark waren das Revier der Kindheit. Die Eltern beendeten das Seemannsgarn des Sohnemanns. Fortan war Jung-Dieter besessen vom Rock’n’Roll, von Jimmy Hendrix, Elvis, Little Richard, den Beatles. Eine Gitarre musste her. Die gabe_SSRqs 1964, bestellt in einem Versandhaus und abgestottert. Ein Jahr später passiert es. In London pfuschte sich der Öcher Jong in ein Konzert der Rolling Stones. „Die Initialzündung. Ich wollte Popstar werden.“ Mit 18 nannte sich Dieter Kaspari „Profimusiker“. Ohne einen blassen Schimmer von Noten? „Dat musste im Gehör haben.“

Es folgten zwölf Jahre „on the road“ mit Bands durch Deutschland und Europa, darunter drei besondere Jahre mit der amerikanischen Blueslegende Champion Jack Dupree. Die mischten sogar drei Tage lang die legendäre Hamburger „Fabrik“ auf. Legendären Ruf genießt noch heute die Band „Truss“, von Kaspari und Charly Büchel, 1969 in Aachen gegründet. „Wir haben auf jedem Festival die Bude gerockt. Wir haben nicht nur Rock’n’Roll gespielt, wir haben ihn auch gelebt.“ Sein „68er Blues“ lässt einiges ahnen. Wilde Jahre, tausend Geschichten. 1978 ist Schluss mit lustig. Familiäres.

Kaspari startet eine zweite Karriere. Es ist purer Zufall. Er macht schon immer besondere Fotos, gewinnt einen Wettbewerb in einer Zeitschrift, der spätere Stern-Fotograf Dirk Reinartz erkennt die Qualität und empfiehlt ihn einer Kaufhauskette. Von nun an verdient er seine Brötchen als Werbefotograf – „für die Kette in ganz Deutschland, ich hätte rund um die Uhr arbeiten können“. Eigene Ausstellungen, Fotobände. Erst 2010 lässt er die Werbe- und Industriefotografie „langsam ausklingen“.

Freunde schütteln ungläubig den Kopf, als Dieter Kaspari Ende der 80er nach Alsdorf-Busch zieht, ins elterliche Haus von Ehefrau Margot. Das Städtchen wird viel später zum Segen für den „Öcher Blues“. Als es mit der Werbefotografie ruhiger wird, kramt Kaspari einen uralten Text aus den 70ern hervor und komponiert 2007 den „Thieke Blues“. Der Theken-Blues wird einer seiner ganz großen Songs. Es geht wieder los mit der Musik, und Dieter Kaspari singt: „Ich han der Blues.“ Heute marschiert er jeden Tag in aller Frühe „zwei Stunden mit meiner Freundin Lola“ durch Feld und Flur rund um Alsdorf. Lola ist seine sechs Jahre alte Retriever-Hündin. Die morgendliche Ruhe ist die Stunde des Blues. „Ich kann da gut nachdenken“, sagt Dieter Kaspari.

Das glaubt aufs Wort, wer in seinem jüngsten Werk blättert. Im kleinen Buch „Heämet“ verknüpft er 16 seiner Liedtexte mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos zur Geschichte des Bergbaus und der Menschen im Aachener Revier. Wer die ästhetisch qualitätsvollen Bilder schaut, empfindet die Melancholie, das unwiderruflich Vergangene. Der kleine Schnellimbiss „Zur dicken Fritte“ vor der riesigen schwarzen Halde singt den Kaspari-Blues. Auf den morgendlichen Märschen mit dem Smartphone aufgenommene Farbfotos von Wolken, Bäumen, Wiesen, Windkrafträdern, Morgendunst, Rapsfeldern, Sonnenaufgängen und Hund Lola sind „Heämet“. Sie erzählen den „good morning blues“, wie Kaspari seine Fotoserie betitelt, zu bewundern auch auf Facebook.

Wer fragt, wie das passt, hier der „weltoffene Ur-Öcher“ (Kaspari über Kaspari), der liebevoll Aachen besingt, dort der sich in Alsdorf-Busch mit Frau, vier Katzen, Hühnern, Kaninchen und der großen Liebe Lola und nahebei zwei Kindern und drei Enkeln seit 30 Jahren wohlfühlende und „dies Stückchen Erde mögende“ Künstler, erfährt von „zwei Heimaten“ und hört eine weitere Antwort im Ohrwurm „Oche“: „Oche du bes ming Stadt,/ hej ben ich jebore, hej seng ich op Platt,/ Oche du weäds mich net mieh quitt. Oche, ich nemm dich övveral hen met.“

„Der Blues ist niemals vorbei“

Im Jahr 2014 wurde Dieter Kaspari verdientermaßen mit dem Mundart-„Thouetpriis“ geehrt. Er glänzt seit zehn Jahren im Stockpuppen-Kabarett „Pech & Schwefel“. In „Kabarett & Blues“ macht ihn die Zusammenarbeit mit Kabarettist Wendelin Haverkamp „glücklich und zufrieden“. Dieter Kasparis „Blues Bajásch“ wird gefeiert. Bis Weihnachten hat er noch viele Auftritte in der Region.

„Der Blues ist niemals vorbei“, sagt einer der besten Interpreten der Öcher Heämetsproech.

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