Die Textilstadt Aachen ist endgültig passé

Von: Gerald Eimer
Letzte Aktualisierung:
Die nächste Herbst/Winter-Kol
Die nächste Herbst/Winter-Kollektion wird die letzte sein, die bei Becker Textil in Niederforstbach produziert wird. Ende September werden die Maschinen abgebaut und die traditionsreiche Tuchfabrik Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das Ende einer Ära wurde am Donnerstag um die Mittagszeit ganz unspektakulär per Fax verkündet. „Die Gesellschafter der Becker Textil GmbH haben beschlossen, das Unternehmen mit sofortiger Wirkung zu liquidieren”, stand zu lesen, „die Betriebsstilllegung ist bis 30.09.2012 geplant.”

Es ist das Datum, an dem der Textilstandort Aachen endgültig Vergangenheit sein wird.

Die Becker Textil GmbH, hervorgegangen aus der 1927 gegründeten Tuchfabrik Wilhelm Becker, ist das letzte noch produzierende Textilunternehmen am Ort. Aktuell sind am Standort in Niederforstbach noch 179 Menschen beschäftigt. In einer Betriebsversammlung wurden sie am Nachmittag mit der bitteren Entwicklung konfrontiert.

„Wie betäubt” haben viele die Nachricht aufgenommen, sagt Betriebsratschef Rolf Winkler. „Die Stimmung war sehr gedrückt.” Kaum jemand habe ein Wort rausgekriegt, einige hatten die Tränen in den Augen. Und manche haben wohl noch gar nicht realisieren können, was auf sie zukommen wird.

Schwierige Arbeitssuche

Das Problem: Ein Großteil der Beschäftigten ist zwischen 45 und 55 Jahre alt, unter ihnen klassische Weber, Stopferinnen oder Warenschauer. Für viele wird es schwer werden, außerhalb der Textilbranche einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Weniger Probleme könnten die Kaufleute und Mechaniker haben, mutmaßt der IG-Metall-Bevollmächtigte Franz-Peter Beckers. Gemeinsam mit der Geschäftsführung und dem Betriebsrat wird er das Liquidationsverfahren erarbeiten, das Ende nächster Woche unterschriftsreif vorliegen müsse. Von einer Einigung gehen alle aus, denn die Alternative zur geordneten Liquidation wäre die sofortige Insolvenz.

Bis Herbst also soll möglichst normal weiterproduziert werden - was angesichts der gedrückten Stimmung schwer genug werden dürfte. Aufträge seien noch vorhanden, neue sollen noch eingeholt werden. „Jetzt muss jeder seinen Teil dazu beitragen, es würdig und vernünftig zu Ende zu bringen”, sagt Geschäftsführer Peter Recker. Er hat in der Tuchfabrik seine Lehre gemacht und ist „mit der Fabrik groß geworden”.

In dieser Zeit hat er mit seinem Geschäftsführerkollegen Christoph Königs eine wechselvolle Geschichte miterlebt - darunter zwei Insolvenzverfahren in den zurückliegenden sieben Jahren. Noch in den sechziger Jahren florierte das damalige Familienunternehmen. In seinen guten Jahren standen mehr als 800 Menschen in Lohn und Brot.
Doch dann begannen die Schwierigkeiten.

Die Gebrüder Becker schlugen einen Expansionskurs ein, der aus heutiger Sicht nur noch als verfehlt bezeichnet werden kann. Es wurden neue Standorte bei Chemnitz und in Litauen erschlossen - aber auch Überkapazitäten geschaffen, die ab 2003 in die Krise mündeten und in der Folge zu ersten schmerzhaften Einschnitten führten.

2004 stieg die Gruppe Daun & Cie als Hauptgeldgeber ein. Sie besitzt Textilunternehmen in ganz Deutschland und in Südafrika. Ein erstes Insolvenzverfahren im Sommer 2005 und ein weiteres im Herbst 2008 konnte aber auch Daun nicht abwenden. Mit einem massiven Arbeitsplatzabbau konnte das Aachener Unternehmen beide Male gerettet werden. Insbesondere die Billigkonkurrenz aus dem asiatischen Raum, aber auch die allgemeine Kaufzurückhaltung machte der Tuchfabrik schwer zu schaffen.

Rund 20 Millionen Euro soll Daun nach Unternehmensangaben in den zurückliegenden Jahren in Aachen investiert haben. Doch nun sei keine Bereitschaft mehr, weiteres Geld zuzuschießen. Dies aber wäre dringend nötig, um überhaupt noch die Umsätze steigern zu können.
Kampf verloren

Recker spricht von einem „sehr harten Verdrängungswettbewerb auf dem Markt”. Im Kampf „gegen den globalen Wettbewerb” müsse man nun aufgeben, zu lange schon hätten alle Beteiligten des Unternehmens Opfer gebracht. Jeder Meter der in Aachen produzierten Stoffe müsste mindestens um ein bis zwei Euro teurer verkauft werden, meint Recker. Die Preise seien jedoch nicht zu erzielen, was wohl auch andernorts noch Firmenschließungen nach sich ziehen wird.

Mit seinen hochwertigen Anzug- und Jeansstoffen beliefert Becker Textil unter anderem so renommierte Marken wie Boss, Strellson oder Escada. Die nächste Herbst/Winter-Kollektion wird nun jedoch die letzte sein, die in Aachen produziert wird.

Bei einigen Kollegen gebe es noch die Resthoffnung, bei guter Auftragslage auch über den Herbst hinaus weiter zu produzieren, sagt Betriebsratschef Winkler. Realistisch aber sei das kaum, meint der 64-Jährige. Auch Gewerkschafter Beckers ist überzeugt: „Es gibt keine Fortführungsperspektive.” Und an das Wunder, dass ein großer Unbekannter einsteigt und die Firma übernimmt, kann er schon gar nicht glauben.

Der jetzigen Geschäftsführung sei kein Vorwurf zu machen, sagt Beckers. Eine Alternative zu dem nun eingeschlagenen Weg sieht er nicht. „Sonst wären die Leute sofort beim Arbeitsamt.” So aber habe man die Chance, sie noch bis Ende September in Lohn zu halten. Wie all das verteilt wird, was während der auslaufenden Produktion bis Ende September noch erwirtschaftet wird, müsse noch verhandelt werden. „Es gibt noch die Chance auf eine kleine Abfindung, wobei die Betonung auf klein liegt”, sagt Beckers.

Für die Becker-Beschäftigten und ihre Familien hätte das neue Jahr kaum schlimmer anfangen können. Für sie ist der Jobverlust existenzbedrohend. Für die Stadt ist es der endgültige Abschied von einer weiteren traditionsreichen Branche: Dem Niedergang der Nadelindustrie folgt nun das Aus für die Tuchproduktion.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert