Die Obdachlosen werden immer jünger

Von: Georg Dünnwald
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Ohne Dach überm Kopf: In Hauseingängen oder unter Balkone ziehen sich Wohnungslose oft zurück. Die Obdachlosen werden immer jünger. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Den typischen Clochard mit weitem langen Mantel und langem Vollbart gibt es eigentlich nicht mehr”, stellt Wolfgang Offermann vom Caritas-Regionalverband Aachen-Stadt und Aachen-Land fest. Die Menschen, die auf der Straße lebten, würden immer jünger, „die tragen umgedrehte Baseballkappen”.

Auch das Aachener Sozialamt bestätigt, dass die Klientel jünger wird, viele Menschen seien unter 30. Straßenkinder gebe es in Aachen jedoch nicht.

Die sieben Obdachlosenunterkünfte sind nicht ausgelastet, ungefähr 300 - überwiegend Alleinstehende - sind dort untergebracht, 75 Plätze stehen noch zur Verfügung. Allerdings ist eine bedenkliche Entwicklung zu beobachten: Die Zahl der Menschen ohne Wohnung, ohne festes Einkommen, ohne Perspektive steigt.

Ein Grund dafür ist sicher auch, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Offermann ist sich mit Simone Holzapfel, der Leiterin des Caritas-Obdachlosentreffs Café Plattform in der Hermannstraße, und den Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus, Maria Ursula Jakubowitz und Schwester Veronika Stolz, einig: „Auch die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft trägt zum Problem bei.”

Menschen stünden plötzlich alleine da, Verwandte und Bekannte würden sie nicht mehr auffangen. „In meiner Kindheit war nicht die Frage, bist du organisiert, sondern wo bist du organisiert”, erinnert sich Offermann. Heute werde sich nicht mehr festgelegt. „Events und Neuheiten bestimmen das Bild.”

Wenn ein Kind auf Widerstand im Verein oder sonstwo stoße, wechsle es eben den Verein. „Deshalb ist das Durchhaltevermögen gering”, so Schwester Maria Ursula, die sich im Don Bosco-Heim an der Robert-Koch-Straße um die gesellschaftlich Gestrauchelten kümmert. Die Grenze der Frustrationstoleranz sei wesentlich niedriger, die soziale Kompetenz werde geringer. Das Miteinander verkümmere.

Quer durch die Schichten beginne die Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen „es gibt nicht nur eine tatsächliche Obdachlosigkeit, es gibt auch eine seelische Obdachlosigkeit, eine Wohlstandsverwahrlosung”, stellt Schwester Maria Ursula mit Nachdruck fest. Gerade bei jüngeren Obdachlosen, die aus den unterschiedlichsten Schichten stammen, wie sie und Simone Holzapfel beobachtet haben, sei kaum von einer Resozialisierung zu sprechen. „Da muss man von Sozialisierung reden.”

Die Nonne aus dem „Klösterchen” in der Elisabethstraße, die jahrelang mit verwahrlosten Jugendlichen im russischen Sibirien gearbeitet hat, erklärt: „Die meisten der sehr jungen Obdachlosen haben keinen Tagesrhythmus, wissen nicht einmal, wie man Socken wäscht.” Die Leiterin des Café Plattform bestätigt: „Belastbarkeit ist nicht vorhanden.”

Längst nicht jeder Obdachlose sei wirklich ohne Dach überm Kopf. „So manche Wohnung ist aber nicht größer als ein begehbarer Kleiderschrank”, sagt Schwester Maria Ursula. Die Kommunen seien auch verpflichtet, für eine Unterkunft zu sorgen.

Sie und ihre Mitstreiter fordern mehr strukturelle Hilfe. Aber die braucht Personal, und das kostet Geld. Also eine Forderung, die wahrscheinlich nicht so schnell Gehör findet. „Strukturen schaffen ist schwierig. Bürger spenden eher für die Aktion "Schulranzen für mittellose Kinder" als für Personal”, kommentiert Offermann.

„Erste Hilfe”

Damit wollen er und seine Mitstreiterinnen aber keineswegs ihre eigene Arbeit (Café Plattform, Franziska-Schervier-Stube im „Klösterchen”) und die anderer Hilfsorganisationen wie die Aachener Tafel, die Wabe und, und, und infrage stellen. „Da wird erste Hilfe geleistet.”

Immerhin, die Franziska-Schervier-Stube wird täglich von rund 80 so genannten Obdachlosen, meist Männern, besucht. „Bei uns bekommen die Leute ein ordentliches Frühstück, können sich duschen und mit frischer Wäsche versorgen. Auch können sie unsere Adresse als ihre angeben. Das ist wichtig für den Umgang mit Behörden, zum Beispiel der Arge”, erläutert Schwester Veronika.

Aber: „Die Tafel, unsere Obdachlosentreffs und andere Hilfseinrichtungen sind keine befriedigende sozialpolitische Antwort”, sagt Offermann. Trotzdem seien sie enorm wichtig. Denn sie würden unterstützend eingreifen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben mitten in der Gesellschaft.

„Wir produzieren keine Randgruppen.” Deshalb seien die Obdachlosen-Angebote, die Franziska-Schervier-Stube und das Café Plattform mitten in der Stadt oder in ausgesprochen bürgerlicher Umgebung zu finden. Schwester Maria Ursula dazu: „Man muss auf Augenhöhe mit den Betroffenen kommunizieren.”

Gleichzeitig soll umfangreiche Hilfestellung gegeben werden, etwa die Vermittlung an Schuldnerberatung und Suchtberatung. Denn gerade auch Schulden und Abhängigkeiten von Alkohol und anderen Drogen seien der Grund für ein Leben auf der Straße.

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