Die Geschichten der Migranten in der Nadelfabrik

Von: Christopher Gerards
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Auf zwölf eckigen Pfeilern so
Auf zwölf eckigen Pfeilern sowie vielen Wandtafeln in der ehemaligen Nadelfabrik sind die Geschichte der Migration und die Geschichten der Migranten erläutert. Schon am ersten Tag der Ausstellung strömen zahlreiche Besucher in das restaurierte Gebäude am Reichsweg. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ein Zettel an der Stellwand fragt: „Menschen aus anderen Ländern sind in Aachen...”, und mancher Besucher hat seine Antwort schon dahinter geschrieben. „Immer noch Außenseiter”, meint einer, ein anderer schreibt: „Bereicherung des kulturellen Lebens”.

Vor allem aber sind Menschen aus anderen Ländern ein Teil von Aachen, sagen auch die Macher der Ausstellung „Bewegung - Migration in Aachen seit 1945”. Diese ist am Sonntag in der ehemaligen Nadelfabrik am Reichsweg eröffnet worden. Jetzt, 50 Jahre nachdem Deutschland und die Türkei ihr Anwerberabkommen unterzeichnet hatten.

Schon am ersten Tag strömten viele Besucher in den Aachener Osten, um sich die Ausstellung anzuschauen. Einige von ihnen sind mit ihrer Migrationsgeschichte Teil der Schau, Carmelo Licitra von der Partei „Europäische Liste Aachen” etwa. Auch Mario Guedes, Trainer von Box-Weltmeisterin Jessica Balogun, war unter Gästen, jedoch ohne seinen Schützling. Doch die roten Boxhandschuhe der Weltergewichtlerin stehen in einer Vitrine am Eingang. Und auf einer Info-Wand beschreibt Balogun ihren Weg aus Nigeria nach Aachen bis zur Weltmeisterin.

Auch Ismail Celiks ist dort zu sehen. Er hat es nicht zum Weltmeistertitel gebracht, aber doch verlief sein Weg steil nach oben: Celik war gerade 16, als er aus der Türkei nach Deutschland kam. Abgebrochene Berglehre in Duisburg, einfacher Arbeiter bei Uniroyal, dann Schichtleiter bei dem Reifenhersteller. Heute ist Celik selbstständig, beschäftigt 32 Mitarbeiter in einem Restaurant und einer Spedition. Celik sagt: „Dieses Land hat mir etwas gegeben, was ich mir niemals erträumt hätte.” Ein Zitat des deutschen Schriftstellers Max Frisch bringt es auf den Punkt: „Wir riefen Gastarbeiter, und es kamen Menschen.”

Neben solchen Geschichten und einer Chronologie beleuchten zwölf eckige Pfeiler die Facetten der Migration in Aachen: Politik, Chancen, Leben und Arbeit. Darauf zu sehen sind Texte, Zeitungsartikel, Fotos oder Diagramme. Sie zeigen die Entwicklung der Moscheen in Aachen oder etwa wie Migranten sich als Unternehmer versuchten: Griechisches Restaurant hier, spanisches Geschäft da, IT-Unternehmen und, und, und...

Aber auch einige hässliche Kapitel in Sachen Migration sind zu sehen, Thema: Ausländerfeindlichkeit. „Ausländer raus” steht auf einer Hauswand, daneben ist eine Reaktion auf einen Leserbrief zur Lockerung des Ladenschlussgesetzes zu sehen. Der Verfasser fordert darin, der Leserbrief-Autor solle sich entschuldigen. „Dazu fehlt Ihnen wohl der Anstand (...) vielleicht auch durch Ihre Herkunft.” Der Brief ging an Ismail Celik.

Schon bei den alten Römern

Konzipiert haben die Ausstellung Carmelita Lindemann von der Volkshochschule, sowie Christoph A. Rass, Leiter des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Uni Osnabrück. Rass sagt: „Das Thema Migration nach 1945 ist in der Aachener Stadtgeschichte weitgehend undokumentiert”. Zuwanderungsprozesse habe es jedoch schon immer gegeben seit Aachen existiert, sagt er mit Blick auf die Römerzeit.

Die Römer sind Vergangenheit, ein Zettel an der Stellwand lässt nach vorne blicken: „Das zukünftige Zusammenleben in Aachen erfordert...”, steht da. Auch hier haben Besucher schon ihre Meinung eingetragen: „Toleranz”, ist dort etwa zu lesen, oder: „Respekt vor jedem Menschen.”

Kostenlose Führungen mit der Volkshochschule

Die Ausstellung „Bewegung - Migration in Aachen seit 1945” ist noch bis zum 28. Februar in der Nadelfabrik zu sehen. Montags bis freitags öffnet sie ihre Tore kostenlos von 9 bis 17 Uhr.

Außerdem bietet die Volkshochschule kostenlose Führungen an: Mittwoch, 9. November, 17 Uhr; Montag, 21. November, 18 Uhr; Mittwoch, 30. November, 17 Uhr; Sonntag, 11. Dezember, 11 Uhr; Mittwoch, 18. Januar, 17 Uhr; Montag, 30. Januar, 18 Uhr.

Infos und Anmeldung bei der VHS per E-Mail an: vhs.bewegung.ausstellung@mail.aachen.de oder unter Tel. 0241/4792-227. Auch Schulklassen (Alter: ab 14 Jahren) können sich anmelden.

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