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Die Furcht der Kliniken vor brutalen Einschnitten

Von: Thorsten Karbach
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Der blaue Himmel trügt: Über den Universitätskliniken wie dem UK Aachen brauen sich dunkle Wolken zusammen. Die Hälfte der Häuser schreibt tiefrote Zahlen. Alle fordern mehr Geld vom Gesetzgeber. Foto: Steindl
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Sehr Besorgt: UK-Aachen-Vorstandsvorsitzender Thomas Ittel. Foto: Steindl

Aachen. Wenn der Rettungswagen mit Blaulicht vorfährt, dann ist die Not am größten. Der Patient muss schnell versorgt werden, oft zählt jede Minute. Dafür gibt es keine Alternative. Doch: Diese Notfallversorgung ist ein Grund, warum Universitätskliniken in diesen Tagen Alarm schlagen.

Auch wenn es bei schweren Verletzungen schwierig ist, über Geld zu sprechen: Allein die Notfallversorgung sorgt dafür, dass Deutschlands Krankenhäuser im Jahr rund eine Milliarde Euro Defizit machen. Denn ein Patient wird laut Deutscher Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin mit durchschnittlich 30 Euro vergütet.

Die tatsächlichen Kosten pro Patient liegen im Schnitt aber bei 120 Euro. Und das trifft Universitätskliniken besonders hart, denn in den dortigen Notfallambulanzen werden überdurchschnittlich viele Patienten aufgenommen.

Die Zahl stieg von 2007 bis 2012 um 4,1 Prozent, an allen anderen Krankenhäusern nur um 1,8 Prozent. Allein das Aachener Universitätsklinikum (UKA) zählte im letzten Jahr 50.000 Fälle an der Notaufnahme – und es sind vor allem die komplizierten Verletzungen und Erkrankungen, die ankommen, da in einem solchen Universitätsklinikum rund um die Uhr Experten bereit stehen (müssen).

Ein Schädelhirntrauma etwa braucht Experten und spezielle Ausrüstung – und all das kostet Geld, was die Universitätskliniken mehr und mehr vor Probleme stellt. „Die Rahmenbedingungen sind zurückhaltend formuliert nicht günstig“, sagt Thomas Ittel, Vorstandsvorsitzender des UKA.

Akute Not

Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und der Medizinische Fakultätentag haben die laufende Woche zur Aktionswoche Hochschulmedizin ausgerufen. Beide Verbände wollen auf die akute Not der Universitätskliniken aufmerksam machen. Es brauche schnelle Hilfe, denn es geht um nicht weniger als die Funktionsfähigkeit der Kliniken. Denn im laufenden Jahr, so hat eine VUD-Befragung ergeben, wird wohl mehr als die Hälfte der deutschen Universitätskliniken defizitär arbeiten.

55 Prozent erwarten ein Minus von mehr als einer Million Euro. 32 Prozent rechnen mit einer einigermaßen ausgeglichenen Bilanz zwischen einer Million Euro minus und einer Million plus und nur 13 Prozent mit einem Überschuss. „Diese Fehlentwicklung ist besorgniserregend“, erklärt Peter Asché, kaufmännischer Direktor des UKA. Zum Vergleich: 2011 waren es noch 48 Prozent mit positiver und nur 29 Prozent mit negativer Bilanz. Der Trend ist nicht zu übersehen. Und er hat Gründe.

Universitätskliniken werden größtenteils aus zwei Richtungen finanziert: über die Zahlungen der Krankenkassen für die Patientenversorgung und über Zuweisungen des Landes für Forschung und Lehre – hinzu kommen noch Drittmittel für Forschungsprojekte, aber mit denen lässt sich kaum kalkulieren. Sie sind immer projektgebunden.

Laut Statistischem Bundesamt wurde die Hochschulmedizin 2011 insgesamt so finanziert: 12,3 Milliarden Euro gab es für die stationäre Krankenversorgung, 1,3 Milliarden Euro für die ambulante Krankenversorgung, 3,3 Milliarden Euro für Forschung und Lehre – plus 1,5 Milliarden Euro Drittmittel.

Kosten-Erlös-Defizit

Für die Patientenversorgung gibt es einen sogenannten Basisfallwert, der aktuell bei etwas mehr als 3000 Euro liegt. Je nach Behandlung wird der mit einem Faktor multipliziert. Diese Fallwertvergütung wurde seit dem Jahr 2003, wie Statistisches Bundesamt, AOK und VUD gleichermaßen bestätigen, um elf Prozent angehoben. Im gleichen Zeitraum stieg aber die Inflation um 19 Prozent und die Personalausgaben aufgrund neuer Tarifverträge erhöhten sich um 31 Prozent.

Auch die Landeszuschüsse hielten nicht mit der Inflation Schritt. VUD und Medizinischer Fakultätentag sprechen von einem „dramatischen Kosten-Erlös-Defizit“. UKA-Chef Ittel sagt, für viele Häuser sei das Ende der Fahnenstange erreicht. „Die Bahn kann die Preise erhöhen, eine Klinik kann dies nicht. Irgendwann lassen sich Strukturen nicht mehr aufrechterhalten.“

Das Aachener Universitätsklinikum zählt laut Peter Asché zu den Häusern, die mit einer schwarzen Null das Jahr abschließen können. Noch. Denn auch das wird immer schwieriger. Die letzten drei Jahre war die schwarze Null nur durch Umstrukturierungen zu halten. „Wir wissen, dass dies eine enorme Verdichtung der Arbeit für unsere Mitarbeiter bedeutet hat“, sagt Asché. „Wir haben alles angeschaut und umgedreht. Nun können wir nicht mehr viel machen, ohne dass es brutale Einschnitte gibt“, erklärt Stefan Uhlig, Dekan der medizinischen Fakultät der RWTH Aachen.

Keine Chance auf Investitionen

Ob das Aachener Klinikum im nächsten Jahr immer noch eine schwarze Null vorweisen kann, ist auch für die Verantwortlichen fraglich. Schlimmer noch: Wichtige Investitionen sind aus eigener Kraft schon lange nicht mehr zu stemmen.

Die zentralen Operationssäle sind mittlerweile rund 30 Jahre alt. „Wir bräuchten dringend neue“, findet der Dekan. Doch müssten dafür gut und gerne 100, wenn nicht sogar 150 Millionen Euro investiert werden. Das Land hat zwar einen passenden Masterplan aufgestellt, aber bis zu einem fälligen Neubau werden Jahre vergehen.

Natürlich haben Universitätskliniken Sorgen und Nöte, die auch viele andere Krankenhäuser teilen. Über steigende Fallwerte würden sich alle freuen. Auf den ersten Blick sind es die Hochschulambulanzen und der Aufgabenverbund aus Krankenversorgung, Forschung und Lehre, der die Kliniken von den anderen Krankenhäusern in Deutschland unterscheidet. Notfallversorgung etwa, oder auch interdisziplinäre Zentren gibt es auch in anderen Häusern.

Doch auf den zweiten Blick ist die Belastung der Universitätskliniken nicht zu übersehen – sie ist komplexer: Ein Klinikdirektor muss gleichermaßen Innovation, Forschung und Krankenversorgung leisten, kann aber nicht an zwei Orten gleichzeitig sein – er muss sich ständig zwischen seinen Patienten und seinen Studenten entscheiden. Allein am UKA gibt es 34 Fachkliniken, 25 Institute und 38 Lehr- und Forschungsgebiete. Es gibt also eine ganze Reihe Leute, die eigentlich an zwei Orten gleichzeitig sein müssten.

Anderes Beispiel: In einem bundesweiten Ranking, wo besonders schwerwiegende medizinische Fälle behandelt werden, liegen die sechs Universitätskliniken in NRW auf den Plätzen vier bis neun – wegen ihres hohen Spezialisierungsgrads. Die Crux mit dieser Spezialisierung: Sie wird dringend benötigt, braucht aber eine teure sogenannte Vorhaltestruktur.

Es ist letztlich egal, ob Spezialisten in einer Klinik eine oder 50 Lebern im Jahr transplantieren. Die Voraussetzungen für eine Transplantation müssen das ganze Jahr über finanziert werden. Eine Gegenfinanzierung dafür gibt es aber nicht. Auch nicht für Sovaldi Filmtabletten, 400 Gramm. 173 davon wurden von Januar bis August am UKA verschrieben, weil das Medikament unumgänglicher Teil der Therapie bei einer Lebertransplantation ist.

119.625,50 Euro kosten alle Filmtabletten zusammen. Doch dieses, so die Mediziner, alternativlose Mittel wird nicht gegenfinanziert. „Wir reden über 120.000 Euro, die wir nirgendwo herbekommen“, sagt Ittel. Und es ist nur ein Beispiel von vielen: Auch Xofigo 1000 KBQ/ML, Oncaspar 3750, Simulect und andere wichtige Medikamente werden nicht separat vergütet. Die Gesamtkosten solcher Medikamente liegen am UK Aachen nach acht Monaten bei fast 2,5 Millionen Euro. Doch maximale Versorgung bedeutet tatsächlich maximale Versorgung – mit allen Mitteln.

Die Maximalversorger

Die 33 Universitätskliniken in Deutschland sind dabei sogenannte Maximalversorger. Also so etwas wie medizinische Alleskönner. Unter den etwa 2000 Krankenhäusern in Deutschland leisten dies neben den UK nur 60 weitere Einrichtungen. „Die Maximalversorger haben Nachteile“, sagt Ittel. Mit seinen interdisziplinären Zentren kann das UK Aachen Hilfe leisten, wo anderen das Know-how und die Mittel fehlen. Für das Traumazentrum etwa ist rund um die Uhr ein Neurochirurg greifbar.

Das UKA ist, so Ittel, das einzige Krankenhaus in der Region, das Schlaganfälle erkennen, versorgen und behandeln kann. Auch hier braucht es einen 24-Stunden-Dienst – der bezahlt werden muss. Wenn im UKA-Krebszentrum ECCA Experten aus allen erdenklichen Fachgruppen Behandlungen absprechen, gibt es anderswo Stillstand. Und dann erst die geforderte und auch wichtige Dokumentation der Fälle! Ein Euro gibt es pro Fall.

„Wir brauchen nicht darüber reden, dass das nicht kostendeckend ist“, sagt Dekan Uhlig. Zuschläge für Zentren wie die am Aachener Klinikum gibt es nicht. Und die Hochschulambulanzen, die wie der Name schon sagt, nur Hochschulen anbieten können, müssen ebenso intern subventioniert werden und gleichzeitig mit steigenden Überweisungszahlen leben.

Forderung: 15 Prozent mehr

Der VDU und seine Kliniken fordern deswegen einen sogenannten Systemzuschlag, wie es ihn beispielsweise in den Niederlanden gibt: 15 Prozent Bonus für Universitätskliniken. Davon würden auch die Patienten am Ende profitieren.

Deren Zahl ist an den deutschen Universitätsklinken seit 1994 um 19 Prozent gestiegen – die Anzahl der Betten in diesem Zeitraum dabei um zehn Prozent gesunken. Das Aachener Klinikum hat 1400 Betten und versorgt 48.000 stationäre und 165.000 ambulante Fälle im Jahr. Dafür gibt es 6571 Mitarbeiter. Ittel sagt: „Der Ort der Leistung hat Einfluss auf die Art der Leistung.“ Auch wenn dies andere Krankenhäuser bestimmt nicht gerne hören. Er fordert eine dritte Finanzierungssäule für Universitätskliniken.

Doch gibt es Aussicht auf Besserung? Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung findet sich ein Passus, der die Sorgen der Universitätskliniken in Deutschland aufgreift. Allein: Ein Allheilmittel ist auch dort nicht aufgeführt, die geforderte Finanzierung wird nicht in Aussicht gestellt. „Es gibt nichts Spruchreifes“, sagt Ittel.

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