Die depressive Lampe lässt den Kopf hängen

Von: Martina Feldhaus
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„Verrückte Möbel“: Fabian Seibert, Patricia Yasmine Graf und Jessica Bala zeigen ihre Ideen nächste Woche in Mailand. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ein hyperaktiver Stuhl, ein Schrank mit multipler Persönlichkeit und eine depressive Lampe. Wo gibt‘s denn sowas? Das gibt es bei denjenigen, die in Aachen bekannt sind für schräge Ideen, irritierende Aktionen und einfallsreiche Ausstellungen.

Zwei junge Kreative der Desingmetropole Aachen, einem lockeren Zusammenschluss von Leuten der Kreativ-Branche in der Euregio, haben die sogenannten „psycho furnitures“ entworfen. Verrückte Möbelstücke also, die eigentlich menschliche psychische Störungen gewissermaßen angenommen haben.

„Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen. Und wir haben uns einfach mal gefragt, wie es aussieht, wenn sich Möbel mit ihnen infizieren“, erklärt Designerin Patricia Yasmine Graf. So wollen Graf und ihr Kollege Fabian Seibert auf eine bedenkliche Entwicklung hinweisen. Graf: „Obwohl wir in einem der reichsten Länder der Welt leben und es uns eigentlich an nichts fehlt, sind scheinbar viele überfordert von der Leistungsgesellschaft. Und sie werden krank.“

Typische Krankheiten unserer Zeit – Depression, Anorexie, Hyperaktivität – spiegeln sich so in ihren Möbeln wider. Drei Wochen haben die Designer an der Herstellung gearbeitet. „Wir haben einige Handwerksbetriebe mit unserem Kram halb in den Wahnsinn getrieben“, erzählt Fabian Seibert. „Aber alle haben toll mitgeholfen. Und so sind echt gute Ergebnisse dabei rausgekommen.“ Seibert und Graf kam es beim Entwerfen von Kommode, Bett, Stuhl und Co. sehr darauf an, nicht zu übertreiben. Graf: „Wir wollten keine völlig verrückten Stücke schaffen, sondern Möbel, die auch als solche zu gebrauchen sind. Mit minimalen Veränderungen.“

Deshalb gingen die zwei bei allen Stücken von aktuellen Design-Entwürfen aus, die so in vielen Katalogen und Geschäften zu finden sind. Mit bestimmten Farben, kleinen Bearbeitungen der Form oder ungewöhnlichen Maßen wurden aus modernen Möbeln dann „psycho furnitures“. Wie das nur 35 Zentimeter breite, aber zwei Meter lange Bett aus verrostetem Stahl namens „anorexia bed“, das an Schlankheitswahn und Magersucht erinnert. Oder Schrank und Kommode mit multipler Persönlichkeit. Beide haben Schubladen, die sich nach vorne und nach hinten öffnen lassen. Der Gag sind die beiden Frontseiten: die eine passt ins kitschige Mädchenzimmer mit schnörkeligen Knäufen und geschwungenen Beinen, die andere ist gradlinig und schlicht, gehalten im sogenannten „industrial style“.

Den Kopf ziemlich tief hängen lässt die „depressive lamp“, der „hyperactive chair“ ist feuerrot gestrichen und seine Sitzfläche ist irgendwie verschwommen, verzerrt. Wie üblich für die Designmetropole wollen Graf und Seibert ihre Entwürfe nicht nur bierernst nehmen. So könnten die verrückten Möbel auch neue Perspektiven eröffnen, sagt Patricia Graf. Etwa, wenn der gestörte Schrank den Beziehungsstreit um die Wohnungseinrichtung löst. Oder wenn das magersüchtige Bett zur idealen Sitzbank für Freunde wird.

Schon in der nächsten Woche haben die Möbel mit Krankheitsgeschichte einen ganz besonderen Auftritt. Denn ihre Kollektion stellen Graf und Seibert bei der „Salone Internazionale del Mobile“ in Mailand, der weltgrößten Messe für zeitgenössisches Möbel-Design, aus. Bereits im August hatten sie sich dafür beworben und wurden zusammen mit drei weiteren deutschen Jung-Designern aus Hamburg, München und Berlin nach Mailand eingeladen. „Das ist seit dem Studium ein großer Traum von uns“, sagt Graf.

Mit einem gemieteten Sprinter geht‘s am Wochenende los Richtung Italien. Mit im Gepäck haben die zwei auch noch einige Tassen und Untertassen, Design-Stücke versteht sich. Und zwar von Jessica Bala. Die Produkt- und Interaktionsdesignerin gehört ebenfalls zur Designmetropole und hat in Maastricht studiert. Ihre Abschlussarbeit stand unter einem ähnlichen Thema wie die „psycho furnitures“. So hat sie eine übergroße Tasse entworfen, die nicht mehr auf ihre Untertasse passt. „Die Tasse hat einen Größenwahn entwickelt und jetzt hat ihre Untertasse Angst vor ihr“, erklärt Bala mit einem Schmunzeln. Und tatsächlich flieht die Untertasse vor ihrem übermächtigen Gegenstück – sich abstoßende Magneten im Geschirr sorgen dafür.

Die Welt des Designs ist eben immer ein bisschen verrückt.

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