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Deutscher mit falscher Hautfarbe: Lesung an der Gesamtschule

Von: Nina Krüsmann
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Gefragter Zeitzeuge: Theodor Wonja Michael (Mitte) schilderte den Schülern, wie er selbst als Afro-Deutscher in der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzt wurde. Er musste die Schule verlassen und schlug sich als Komparse durch. Foto: Heike Lachmann
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„Deutsch sein und schwarz dazu“: Das Buch von Theodor Wonja Michael stieß bei den jungen Leuten auf großes Interesse.

Aachen. Beeindruckend war der Vormittag mit Theodor Wonja Michael – und äußerst sympathisch präsentierte sich der 89-Jährige den Schülern in der Heinrich-Heine-Gesamtschule. Zehn Tage lang hatte eine Gruppe ausgewählter Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 bis 12 sowie aus der Schülervertretung die Begegnung mit dem Zeitzeugen des Nationalsozialismus vorbereitet.

Der Kölner Afro-Deutsche erzählt in seinem 2013 erschienenen Buch „Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen“, wie er die Nazizeit in Deutschland überlebt hat. Seine Lesung, die er immer wieder mit Erzählungen auflockert, ist ein authentisches und fesselndes Stück Zeitgeschichte. Lehrer Hans Borger und der didaktische Leiter der Schule, Stephan Saffer, begleiteten den besonderen Gast.

Vater aus Kamerun

„Wir haben hier Schüler aus 30 Nationen, darunter auch einige afroamerikanische Jugendliche“, erklärt Saffer, warum die Begegnung für viele Zuhörer besonders spannend ist.

Michael ist 1925 in Berlin als viertes und jüngstes Kind des Kolonialmigranten Theophilius Wonja Michael aus Kamerun und seiner deutschen Frau Martha geboren. Der Vater war vor dem Ersten Weltkrieg aus Kamerun, damals „deutsches Schutzgebiet“, nach Deutschland gekommen und wurde wie andere Kolonialmigranten freundlich aufgenommen. Er heiratete eine Deutsche und gründete eine Familie. Doch schon während der Weimarer Republik meinte man, die Dunkelhäutigen würden den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Bald konnten sie nur noch in den sehr beliebten „Völkerschauen“ unterkommen. In der Nazizeit wurden ihnen dann die deutschen Pässe entzogen. Nur als stumme Komparsen in den zahlreichen Kolonialfilmen waren sie noch gefragt.

Ergreifend ist es, wenn Michael schildert, wie er die Schule aufgrund eines Befehls der Hitler-Regierung nicht mehr besuchen durfte: „Ich ging tief betroffen nach Hause, ohne noch einmal meine Klasse wiederzusehen.“

Nach der Volksschule konnte er aufgrund seiner Hautfarbe keine weitere Ausbildung machen und schlug sich als Page, Portier und Komparse durch, bis er 1943 in einem Arbeitslager interniert wurde, wo er auch die Befreiung erlebte. „Nach dem Krieg gründete ich eine Familie mit einer jungen Schlesierin, war als Dolmetscher und Schauspieler tätig, studierte auf dem zweiten Bildungsweg Volkswirtschaft“, erzählt Michael. Als anerkannter Afrika-Spezialist wurde er schließlich vom BND angeworben. Nach seiner Pensionierung war er wieder als Schauspieler tätig und engagierte sich in der afro-deutschen Community.

Während Michael in Auszügen seine bewegende Biografie schildert, kann man im Raum eine Stecknadel fallen hören. „Haben Sie als Kind verstanden, warum man Sie von der Schule weggeschickt hat?“ will eine Schülerin in der anschließenden Fragerunde wissen. „Nein, natürlich nicht. Ich habe es akzeptieren müssen und musste mich darauf einstellen. Aber verstehen kann man das überhaupt nicht und Rassismus sowieso nicht. Schließlich entstammen wir Menschen alle einer Wurzel“, brachte es Michael treffend auf den Punkt.

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