Aachen - Deutsch lernen auch mit den „Nachrichten“

Staukarte

Deutsch lernen auch mit den „Nachrichten“

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
5815333.jpg
Unterricht ganz individuell: Klassenlehrer Jörg Schoenen muss für jeden seiner Schüler passgenaues Lernmaterial bereitstellen.
5815334.jpg
Unfallmeldungen und mehr: Auch der Lokalteil der „Nachrichten“ dient als Unterrichtsmaterial. Die jungen Leute sind intensiv bei der Sache. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Heißt es „der Zeitung“, „die Zeitung“ oder „das Zeitung“? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Die Zeitung!“ Und warum ist das so? „Weil das Wort auf -ung endet!“ Es ist nicht selbstverständlich, dass die jungen Leute die verzwickte deutsche Grammatik so gut beherrschen. Manche von ihnen lernen erst seit wenigen Wochen Deutsch.

Und vermutlich wissen auch manche Deutsche nicht einmal, dass es zum Gebrauch des bestimmten Artikels Grammatik-Regeln gibt.

Am Couven-Gymnasium kämpfen 16 junge Leute jeden Tag mit Artikeln und anderen Tücken der deutschen Sprache. Die Schule hat im vergangenen September als erstes Gymnasium in Aachen eine Internationale Förderklasse eingerichtet. Kinder, die aus dem Ausland zuziehen und kein Deutsch sprechen, werden hier auf den Unterricht in einer deutschen Schule vorbereitet. Solche Förderklassen gab es in Aachen bis dahin nur an Hauptschulen.

„Auch in der Vergangenheit kamen vereinzelt Kinder ohne Sprachkenntnisse, aber mit Potenzial fürs Gymnasium zu uns“, berichtet Schulleiter Günther Sonnen. „Die haben wir mehr oder weniger improvisiert vorangebracht. Mit der Internationalen Förderklasse konnten wir das professionalisieren und systematisieren.“

Der Mann fürs Professionelle ist Jörg Schoenen. Der Lehrer für Deutsch und Geschichte hat das Konzept für die Internationale Förderklasse erarbeitet und leitet die Klasse zusammen mit seiner Kollegin Birgit Thäle. Der Unterricht ist in höchstem Maße differenziert, denn er muss ganz unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Schließlich lernen in der Klasse Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren. Sie kommen aus so unterschiedlichen Ländern wie etwa Ägypten, Südafrika, Tschechien, Kirgisien, Italien, Großbritannien oder Kroatien. Und sie bringen ganz unterschiedliche schulische und sprachliche Voraussetzungen mit.

Wetter und Unfälle

Manche sind schon seit September 2012 dabei, manche kamen im Januar, und Marie aus England zum Beispiel lernt hier erst seit zwei Monaten Deutsch. Jörg Schoenen schnürt für jedes Kind ein möglichst passgenaues Lernpaket. Als jetzt am Beispiel der „Aachener Nachrichten“ über die Tageszeitung gesprochen wird, da befassen sich die jüngeren Kinder mit dem Wetterbericht oder einer Unfallmeldung im Lokalteil, die älteren informieren sich über den EU-Beitritt Kroatiens.

Die Internationale Förderklasse ist sozusagen das sprachliche Tor in die Schule. Alle Kinder hier sind ihrem Alter entsprechend auch bereits einer Stammklasse zugeordnet. „Sprachunterricht bekommen sie so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich“, sagt Günther Sonnen. „In Fächern wie Sport, Kunst und auch Mathematik können viele schon schnell dem normalen Unterricht folgen.“ Schließlich sollen die jungen „Seiteneinsteiger“ flott Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen. Marko Karetic, der mit seinen beiden Brüdern aus Kroatien nach Aachen gekommen ist, rechnete schon mit seinen deutschen Mitschülern im Mathe­unterricht, als er noch kaum ein Wort Deutsch konnte.

Als Flüchtling in Aachen

Die allermeisten Schülerinnen und Schüler kamen nach Aachen, weil ihre Eltern hierhin gezogen sind. „Viele Eltern sind an den Hochschulen tätig“, berichtet Sonnen. Viele arbeiten auch für große Firmen in der Region. Flüchtlingskinder dagegen sind in der internationalen Klasse am Couven-Gymnasium eher die Ausnahme. Die beiden jungen Männer aus Bangladesch allerdings sind auf ihrer Flucht an der belgischen Grenze gestrandet und damit wie so viele in Aachen gelandet.

„Beide sind aus politischen Gründen geflüchtet“, weiß Jörg Schoenen. Kennengelernt haben sie sich auf ihrer Flucht irgendwo in Europa. In Aachen sind sie nun zusammen untergebracht. Und in der Förderklasse sitzen sie als Team nebeneinander.

Alle Schüler sind sehr leistungsbereit, berichtet ihr Klassenlehrer. Bei den Flüchtlingen aber ist die Motivation riesig. „Die Flüchtlinge wissen um ihre Chance“, sagt Schoenen. „Sie haben das Ziel Abitur klar vor Augen.“ Dafür lernen die jungen Männer aus Bangladesch sogar in den Pausen und bitten von sich aus um Hausaufgaben.

Eines ist Günther Sonnen wichtig: Die internationalen Schüler, sagt er, profitieren nicht nur, sie sind auch ein großer Gewinn für die Schule: „Unsere Schüler erleben, wie bereichernd es ist, auf Menschen aus anderen Kulturen zu treffen.“

Unterdessen fängt Jörg Schoenen wieder einmal ganz von vorne an. Gerade ist eine neue Schülerin in die Internationale Förderklasse gekommen. Sie kommt aus Griechenland. Und sie spricht – noch – kein Wort Deutsch.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert