Aachen - Der Westturm wurde nie gebaut

Der Westturm wurde nie gebaut

Von: Walter Schroeder
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Die ehrwürdigen Mauern der Kirche Herz Jesu haben bereits ein ganzes Jahrhundert erlebt. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wer auf der Erzbergerallee von der Beverau in Richtung Frankenberger Viertel unterwegs ist, stößt automatisch auf die Herz-Jesu-Kirche, die zwischen Turpinstraße und Viktoriaallee gelegen ist.

Zwar existiert die gleichnamige katholische Pfarrgemeinde seit Anfang des Jahres nicht mehr, sie wurde im Zuge der Gemeindeschrumpfungen in die neue Großgemeinde St. Gregor von Burtscheid (dem Burtscheid-Gründer aus Kalabrien) „integriert”.

Doch die Kirche ist als Gottesdienststätte erhalten geblieben - im Unterschied zu den Nachbarkirchen: die Pfarrkirche St. Josef wurde eine Grabeskirche, die evangelische Dreifaltigkeitskirche geschlossen und die Klosterkirche St. Alfons ein Bürohaus.

Vor heute genau 100 Jahren, am 5. Juni 1910, weihte Kardinal Fischer, Erzbischof von Köln, die neue Herz-Jesu-Kirche ein. Damals gehörte Aachen zum Erzbistum Köln. Architekt war der Düsseldorfer Professor Joseph Kleesattel, dessen Entwurf für eine „rheinisch-romanische” Kirche angenommen wurde, nachdem der Plan des Aachener Dombaumeisters Buchkremer für eine neugotische Kirche verworfen wurde.

Bemerkenswert ist, dass im Erzbistum Köln jahrzehntelang fast nur neugotische Kirchen als sakralwürdig genehmigt wurden. Noch 1913 verlangte Kardinal Fischer ausdrücklich die Neugotik als verpflichtenden Stil! Neuromanisch dagegen galt als modern, fast revolutionär.

In Aachen war St. Jakob schon 1886 im neuromanischen Stil erbaut worden. Heute wird über diese Bewegungen mehr oder weniger gelächelt, die doch alle im Denken des Historismus verhaftet blieben. Der seinerzeit gegenwartsorientierte eigenständige Jugendstil fand im deutschen Kirchenbau (außer einigen evangelischen Kirchen sogut wie keine Resonanz. Der Durchbruch kam erst 1930 mit Rudolf Schwarz und seiner Fronleichnamskirche.

Starke Besiedelung

Der Grund für den Neubau einer Kirche lag in der starken Besiedlung des Frankenberger Viertels, das ab 1871 entstand und damals noch zur Stadt Burtscheid gehörte. Dabei hatte man rechtzeitig an zwei Kirchenneubauten gedacht: eine katholische sollte am Neumarkt gebaut werden, das evangelische Pendant entstand in der Zeit zwischen 1891 und 1899 an der Zollernstaße: die Dreifaltigkeitskirche. Der südliche Teil der späteren Pfarre Herz Jesu - die Beverau - war noch nicht besiedelt. Erste Häuser wurden dort erst 1915 gebaut.

Das Gesamtrevier gehörte zur Pfarre St. Michael-Burtscheid, die auch die Verantwortung für den Neubau hatte. Sie verzögerte aber den Bauvorgang mehrfach, obwohl ihr damaliger Oberpfarrer Baurs sich sehr für die Errichtung einsetzte und 1899 einen Kirchbauverein gründete.

Die Vorgeschichte(n) und die Baugeschichte waren teilweise dramatisch und verwirrend. Besonders die Finanzierung machte große Schwierigkeiten. Die Verwirklichung der Pläne verdankte man wesentlich dem Burtscheider Kaplan Dierdorf, der später auch der erste Pastor von Herz Jesu wurde, als sie 1912 zur selbstständigen Pfarrgemeinde erhoben wurde.

Fertig gestellt wurde die Kirche nie! Der große Westturm wurde nie gebaut. Während des Baus wurde die nach Süden orientierte Kirche „geostet”, also das Hauptschiff mit dem Altar-Chorraum (geschmückt mit byzantisierenden Mosaiken) nach Osten ausgerichtet zum Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung und in Richtung Jerusalem, wie es bei den mittelalterlichen Kirchbauten üblich war. Die repräsentative Wirkung des viel gepriesenen Neubaus zeigt sich besonders auf der Nordseite (von der Viktoriaallee her) mit einer mächtigen Doppelturmfassade, während die Ausstattung der südlichen Seite - wo außer Schrebergärten niemand wohnte - vernachlässigt wurde.

So war die Rede „von einer der wenigen Kirchen um die Jahrhundertwende, die nicht âbeleidigt´, sondern in ihren klaren Maßen noch etwas von dem Geist echter romanischer Bauweise verrät.” Sogar Pastorat (und später zwei Kaplaneien) wurden von Kleesattel im romanischen Stil errichtet (1943 durch Brandbomben zerstört, aber wieder aufgebaut und heute noch zu besichtigen, wenn auch nicht mehr klerikal bewohnt).

Weltweit verbreitet

Die Namensgebung „Herz Jesu” würde heute befremdlich wirken, war aber seinerzeit weltweit verbreitet. Die Jahrhunderte alte Herz-Jesu-Verehrung hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreicht - in Deutschland auch als spirituelle Reaktion auf die äußeren Bedrückungen im Kulturkampf Bismarcks gegen den Katholizismus.

So kam es in der Folgezeit zu etlichen Herz-Jesu-Kirchen. Auch in Aachen gab es bereits eine Herz-Jesu-Kirche: die Kirche am Gregoriushaus (Sitz der Kirchenmusikschule) wurde 1897 in der Eynattener Straße im neuromanischen Stil erbaut und eingeweiht, später Rektoratskirche, umgetauft in St. Gregorius, woraus später die Pfarrgemeinde St. Gregorius wurde (1944 durch Bomben zerstört). Und später (1924/25) wurde in Aachen-Lichtenbusch eine Herz-Jesu-Kapelle (heute Pfarrvikarie) erbaut, so dass Aachen drei Herz-Jesu-Kirchen hatte.

Im zweiten Weltkrieg hat die Frankenberger Herz-Jesu-Kirche durch Bomben-, Artillerie- und Sprengschäden sehr gelitten. Sie konnten inzwischen aber durch großzügige Restaurierungsarbeiten in mehreren Etappen behoben werden. Die zeitweilige Hoffnung auf einen vollständigen Ausbau des Kirchengebäudes nach den alten Plänen wurde aber begraben.
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