Der Nachbar, dein Freund oder Feind

Von: Isabelle Hennes
Letzte Aktualisierung:
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„Nachbarrecht ist kompliziert“: Viele der Besucher bewegt das Thema emotional. Sie fühlen sich in ihrer Privatsphäre gestört und wissen keinen Ausweg. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Christiane Kalatzi rutscht nervös auf ihrem Stuhl herum. Sie ist eine von knapp 400 Besuchern, die zum Forum ins Justizzentrum Aachen zum Thema „Welche Rechte und Pflichten habe ich als Nachbar?“ gekommen sind. Allen brennen Fragen auf den Nägeln, auch Kalatzi.

Und tatsächlich: Moderator Manfred Kutsch, Redakteur dieser Zeitung, hält ihr kurz vor Ende der Diskussion das Mi­krofon entgegen. „Was sind das für Leute, die diese Gesetze machen?“, will Kalatzi wissen. Ein Schmunzeln ist zu hören. „Bei so viel Spielraum in der Rechtsprechung ist doch Ärger programmiert“, sagt Kalatzi. Susanne Fischer, eine der Experten auf dem Podium, antwortet trocken: „Das ist Föderalismus.“

Schlichtung abgebrochen

Alles andere als trocken ist die Stimmung im Publikum. Viele beschäftigt der Streit mit dem Nachbarn seit Jahren, sie bewegt dieses Thema emotional. So auch Christiane Kalatzi, 52 Jahre alt, aus Aachen. Bei ihrem Streit geht es um den Walnussbaum ihres Nachbarn. Sie fühlt sich beeinträchtigt von der Größe des Baums. Eine abgebrochene Schlichtung hat sie schon hinter sich. „Ich will nicht mit jemandem verhandeln, der um jeden Preis versucht, Recht zu bekommen“, sagt Kalatzi ruhig.

Sie und ihr Mann haben beschlossen, das Problem mit Humor zu nehmen. Was sie aber vor allem ärgere, sei die uneindeutige Rechtsprechung. Wenn sich jemand nicht an geltende Gesetze halte, müsse die Schuldfrage doch eigentlich klar sein. Aber so klar ist sie offenbar nicht. Das zeigen die Antworten der Experten am Mittwochabend deutlich. Beim Nachbarrecht in NRW gibt es kein Schwarz oder Weiß. Ob die Höhe einer Hecke, die Lautstärke der Musik oder der Qualm des Grills eine Beeinträchtigung ist, muss immer im Einzelfall entschieden werden. Für die meisten Besucher des Forums, die zum Teil Fotos und Zeichnungen von ihren Gärten mitgebracht haben, ist das wenig zufriedenstellend. Trotzdem ist Kalatzis Frage nicht die letzte, die an diesem Abend beantwortet werden muss.

Nach der Veranstaltung werden die Experten Rainer Handlos, Guido Jacobs, Christoph Peter, Susanne Fischer (Rechtsanwälte) und Gudrun Gildhoff von der Schlichtungsstelle des Aachener Anwaltvereins regelrecht belagert. Nicht jeder bleibt dabei so gelassen wie Kalatzi. Wer trägt die Kosten, wenn ein Baum beseitigt werden muss? Wer bezahlt, wenn die Mauer wegen der Thuja-Hecke Schäden davon trägt? Was tun, wenn sich die Nachbarin und ihre Töchter von morgens bis abends im Klavierspielen üben? Die Antwort: Der Einzelfall ist entscheidend.

In jedem Land andere Regeln

So auch beim Walnussbaum. Kalatzi hat sich viel mit dem Thema beschäftigt. In jedem Bundesland gelten andere Regeln. In NRW zählt der Baum zu den Obstbäumen, in Süddeutschland nicht. „Manchmal hatte ich das Gefühl, eine Doktorarbeit schreiben zu können.“ Christoph Peter gesteht bei seinen Ausführungen zum Thema „Grenzüberschreitende Wärmedämmung“: „Nachbarrecht ist kompliziert.“ Offenbar so kompliziert, dass selbst die Schlichtungsstelle wenig Chancen hat: Nur 10 bis 15 Prozent beträgt die Erfolgsquote. „Oft liegen jahrelange Verwerfungen hinter den Parteien – das hat viel mit Psychologie zu tun“, sagt Susanne Fischer.

Kalatzi redet nicht mehr mit ihrem Nachbarn. Ihr graut es schon jetzt davor, falls in Zukunft mal Arbeiten am Grundstück anstehen.

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