„Der Klimawandel spielt noch keine Rolle“

Von: Heiner Hautermans
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Für 240 000 Euro wird im Gillesbachtal derzeit eine neue Fußgängerbrücke errichtet. In einem Zug wird dabei auch der Sandfang erneuert, zum Hochwasserschutz. Die Arbeiten dauern drei Monate. Foto: Harald Krömer
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Die Kläranlage Soers nahe der Krefelder Straße stammt aus dem Jahre 1913, sie wird derzeit für 47 Millionen Euro auf Vordermann gebracht. Bis 2016 soll wieder die modernste Anlage Europas sein. Foto: Harald Krömer

Aachen. Im Juni schüttet es wie aus Kübeln, an Pfingstmontag gehen 497 wetterbedingte Notrufe bei der Polizei ein, die Feuerwehr fährt fast ebenso viele Einsätze, Bäume stürzen auf Autos. Ende Juli das nächste sogenannte „Starkregenereignis“: Tagelang gießt es, Straßen und Keller werden überflutet.

Im August 2011 steigt stinkende Fäkalbrühe aus dem überforderten Kanal in die Kita an der Talbotstraße. Das Gebäude muss abgerissen werden, das neue wird erst im Spätherbst 2015 fertig. Sind das Auswirkungen des Klimawandels? Werden derartige Ereignisse auch in Aachen zunehmen? Wie wappnen sich die Verantwortlichen?

Zur Beantwortung dieser komplexen Fragen muss man Zeit mitbringen und sich mit mehreren Verantwortlichen unterhalten. Einer von ihnen ist Robert Steegmans, Dezernent beim Wasserverband Eifel-Rur.

Die Menge der niedergehenden Regenmengen folgt nach seiner Darstellung eher großen Zyklen, die etwa in Abständen von 25 Jahren nach oben oder unten ausschlagen: „Der Jahresniederschlag verändert sich nicht, er bekommt eine andere Verteilung, mehr im Winter, weniger im Sommer.“ Die Werte werden seit 1930 gemessen, in den 30er, 50er und 80er Jahren ging es nach oben, in den 70ern fiel unterdurchschnittlich viel Nass vom Himmel.

Im Talkessel

Das bedeutet für das im Talkessel liegende Aachen, dass mehr und größere Regenrückhaltebecken angelegt werden müssen, aktuell sind etwa Projekte am Haarbach, in der Neuenhofstraße, wo das Rückhaltebecken für den Rödgerbach zu klein ist, und gegenüber der Kläranlage Eilendorf, wo Erde abgegraben wird. In der Soers wurden in der Nähe von Schloss Rahe größere Flächen für den Wildbach geschaffen, vor der Kläranlage Soers mussten ebenfalls 600.000 Kubikmeter abgetragen werden, weil sich die 1913 gebaute Anlage – ausgerechnet – in einem Überschwemmungsgebiet befand.

Gegenüber der JVA wurde so ein – unsichtbares – Rückhaltebecken angelegt, seitdem ist die Anlage, die bis 2016 für 47 Millionen Euro modernisiert wird, hochwassersicher. Allein 7,7 Millionen sind erforderlich für eine neue Rechenanlage, die grobe Elemente wie Faserstoffe, Holz, Lumpen, Plastikfolien und ähnlichen Unrat entfernt.

Das hat zu tun mit einer zweiten Besonderheit Aachens, auch Quellgebiet der Wurm: Die hier entspringenden oder verlaufenden Gewässer, die übrigens alle in der Maas münden (Steegmans: „Wir sind eigentlich Maasländer“), stecken weitgehend im Untergrund, die unterirdischen Rohre für Wurm, Pau & C. sind 25 Kilometer lang. Und auch dort müssen die groben Inhaltsstoffe immer wieder entfernt werden. Beispiel Gillesbachtal: Dort wird momentan nicht nur eine neue Brücke errichtet, um eine Lücke im Wegenetz zu schließen, sondern auch ein neuer und größerer Sandfang, um Verstopfungen zu verhindern.

Hochwasserschutz ist nur ein Ziel, das bei derartigen Planungen zu beachten ist. Der Wasserverband Eifel-Rur, zuständig für ein mehr als 2000 Quadratkilometer großes Einzugsgebiet zwischen Heinsberg bis Hellenthal, Aachen bis Düren mit 1,1 Millionen Menschen, muss viele andere Aufgaben erfüllen, etwa Bürger und Industrie mit Wasser versorgen (was vor allem durch die Unterhaltung von sechs Talsperren möglich ist), Abwässer reinigen, Grundstücke be- und entwässern und Bäche und Flüsse wieder in einen naturnahen Zustand versetzen, etwa den Amstelbach in Horbach, den Wildbach in Laurensberg oder den Haarbach in Haaren. Durch die Talsperren ist die Wasserversorgung auch dann gewährleistet, wenn es zwei Jahre lang trocken bleibt.

Das Renaturierungsprogramm sieht Maßnahmen bis 2027 vor, „eine Generationenaufgabe“, sagt Steegmans. Und weil Wasser nicht an der Grenze halt macht, arbeiten die 530 Mitarbeiter des WVER eng mit den Kollegen in der Niederlanden und Belgien zusammen, gibt es Erfahrungsaustausch mit Partnerverbänden in England und Frankreich, werden immer genauere Niederschlagsabflussmodellrechnungen erstellt. Insgesamt betreibt der Verband rund 50 Hochwasserrückhaltebecken.

Das Profil der Gewässer ist für ein hundertjähriges Hochwasser ausgelegt. Für den Fall, dass dies nicht ausreicht, werden Überschwemmungsgebiete ausgewiesen, in Aachen für Wurm, Inde, Haarbach, Wildbach und Amstelbach.

870 Millimeter Niederschlag fallen im Schnitt in Aachen jedes Jahr, meist von Westwinden herbeigetragen. Im Jahr 2014 war das Winterhalbjahr zu warm und zu trocken, im Sommer kam es jedoch zu extremen Regenfällen. So wurden 16 sogenannte Starkregentage verzeichnet, an denen mehr als 50 Millimeter Regen fällt – im Jahresschnitt sind es nur 12,5. Dr. Gerd Demny, beim WVER zuständig für wasserwirtschaftliche Grundlagen, wertet dies als „hoch, aber nicht außergewöhnlich hoch“. Von gravierenden Wetterveränderungen mag er nicht sprechen, in 100 Jahren gebe es durch den steigenden Trend einen Starkregentag mehr, statt 12,5 Tage dann 13,5: „Der Klimawandel spielt bei den Starkregenereignissen noch keine Rolle. Das sind natürliche Schwankungen.“

Eine neuralgische Stelle an solchen Tagen ist das tiefgelegene Kornelimünster, wo die Inde immer wieder über die Ufer tritt. Dort wurden Brücken erneuert, Mauern erhöht, Schieber installiert, insgesamt zehn Millionen Euro zum Hochwasserschutz ausgegeben. Gebietsingenieur Thomas Meurer: „Die seit zwei Jahren umgesetzten Maßnahmen sind wirkungsvoll.“ Dennoch dringt noch Wasser in die Keller, weil die nicht hundertprozentig dicht sein können: „Die Leute pumpen das ab.“

„Wir unterscheiden zwischen Überschwemmungen und Überflutungen“, sagt Regina Poth, bei der Stadt zuständig für Starkregenereignisse. Die Überschwemmungen seien Sache des WVER, die Überflutungen könnten aus unterschiedlichen Gründen auftreten, etwa durch Oberflächenwasser, das im Hang abfließt.

Kritisch kann es werden, wenn es lange gegossen hat, das Erdreich gesättigt ist und nur noch wenig Wasser versickert. Poth: „Dann ist Eigenschutz gefragt.“ Ganz wichtig seien da die Rückstauklappen im Keller, die verhindern, dass überquellende Kanäle sich in tiefliegende Räume ergießen. Nicht selten werde der Fehler gemacht, Ablaufrohre vom rückwärtigen Dach oder der Hofentwässerung hinter der Rückstauklappe anzuschließen, auch dass kann zu unangenehmen Überraschungen im Keller führen.

Um diese zu vermeiden, sind auch Vorkehrungen an Lichtschächten, Eingängen und Zufahrten erforderlich, so sollten Tiefgaragen durch eine Schwelle an der Einfahrt vor eindringendem Wasser geschützt werden. Die Stadt habe keine Verpflichtung, Oberflächenwasser außerhalb bebauter Flächen abzuführen.

Vorschrift aus dem Jahr 1997

Ihr Kanalnetz hat die Stadt im Jahre 2003 der Stawag übertragen. Bei Neuplanungen werden die Rohre und Schächte auf das 20-jährige Regenereignis ausgelegt. Bauingenieur David Gola, der zuständige Mann bei der Stawag: „Das Wasser darf an der Oberfläche austreten, aber keine Schäden verursachen.“ Bisher hätten die Regelwerke, nach denen vorgegangen wird, nicht auf Klimaveränderung oder ähnliches reagiert. So stammt die DIN-Vorschrift für den Entwurf von Kanalisationssystemen in Wohngebieten aus dem Jahr 1997.

Man könnte schon die Zügel anziehen, etwa von einer Zehn-Jahres-Wahrscheinlichkeit ausgehen. Gola: „Das wären wahnwitzige Kosten. Man müsste einmal mit Kanälen durch die Stadt gehen.“ Schon jetzt gibt es in Aachen, etwa in der Adalbertstraße oder der Malmedyer Straße, unterirdische Sammler, die so groß wie U-Bahn-Tunnel sind. Und schon jetzt müssen gigantische Summen für die Sanierung der Kanäle ausgegeben werden, die stammen nämlich in der Innenstadt teilweise noch aus dem Jahre 1890. Sie erfüllen natürlich auch nicht alle die 20-Jahre-Norm. Und der Starkregen vom August 2011, der die Kita Talbot-straße zum Opfer fiel, war einfach zu viel für die Kanäle.

Auch eine Lösung, die Abteilungsleiterin Poth in Bolivien entdeckte, dürfte in Aachen nicht handhabbar sein. Eine breite Straße war beidseits von hohen Bordsteinen gesäumt, als Überflutungsfläche. „Wenn wir das an der Heinrichsallee machen würden, gäbe es Probleme“, sagt die Frau spitzbübisch, die eine Zeit lang im Entwicklungsdienst gearbeitet hat.

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