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Der alte Tivoli lebt weiter - in neuer Form

Von: Christopher Gerards
Letzte Aktualisierung:
Der alte Tivoli lebt weiter -
Der alte Tivoli lebt weiter - allerdings in neuer Form: Die Studenten Anja Zens (links) und Till de Graaff verarbeiten die Dachträger der überdachten Stehtribüne zum Bodenbelag eines Plus-Energie-Hauses. Foto: C. Gerards

Aachen. In einem grauen Container hinter den Häusern des Templergrabens lagern die Bretter, die für 50 Aachener Studenten die Welt bedeuten.

Vögel zwitschern, Verteiler brummen, Motoren surren, aber keine Schlachtgesänge. Denn die werden diese Holzstücke wohl etwas vermissen. Schließlich haben sie vor ihrer Zeit im Container drei Jahrzehnte lang das Dach der Gegentribüne auf dem alten Tivoli gestemmt und dabei so manchen Schlachtgesang erlebt: „Heeeya, heeeya, Ale-manni-a!” Immer und immer wieder.

Nach dem letzten Spiel im Sommer 2011 wurde das alte Stadioon an der Krefelder Straße im Winter dem Erdboden gleichgemacht. Und doch lebt er weiter, dieser alte Hexenkessel, in den Herzen der Fans, natürlich. Und bald auch im Haus der Zukunft.

Der Wettbewerb, der die Tribünenträger des alten Tivoli wiederbelebt, heißt: „Solar Decathlon”, solarer Zehnkampf. 20 Gruppen sollen ein Plus-Energie-Haus bauen, dessen Energie ausschließlich aus der Sonne stammt. Die CO2-Werte müssen stimmen, das Verhältnis von Energieproduktion und -verbrauch, solche Dinge.

Aus der ganzen Welt kommen die Gruppen, aus Brasilien, aus Japan, und reisen im September zum Finale nach Madrid. Die Aachener Mannschaft nennt sich „Counter Entropy”, gegen Verschwendung, und sie will eine elfte Disziplin einführen bei ihrem Pavillon, sagt Björn Teutriene, der Sprecher der Gruppe: „Wo es geht, wollen wir alte Materialien wiederverwenden.” Materialien, wie die alten Holz-Träger der Tivoli-Tribüne.

Am Anfang war diese vage Idee. „Jemand aus der Gruppe hatte gehört, dass der alte Tivoli abgerissen wird”, erzählt Teutriene. Dann sagte jemand, dass man die Sachen in das Projekt einbauen könnte, als Boden vielleicht. „Einige haben gesagt: Wie geil wäre das denn?!”, erinnert sich Teutriene.

Also verhandelten die Studenten mit der Stadt, nahmen Proben aus dem Holz, gaben sie zur Untersuchung in die Uniklinik. Sie fuhren nach dem Okay wieder zum Tivoli, sammelten, sägten, was die Abrissfirma hatte liegen lassen, brachten es dann mit zwei Lkw ins Lager. Von dort in die Hochschulschreinerei, holen, hieven, sägen, Brett für Brett, immer das Gleiche. Am Ende sollen es mehr als 200 Quadratmeter Boden sein. „Das wird bis Ende März dauern”, sagt Teutriene.

Manchmal büffeln sie sieben Tage die Woche. Mehr als 50 Studierende sind im Team, Architekten, Maschinenbauer, Informatiker und viele mehr. Kommen meist ins Reiff-Museum, das „Headquarter”, dann wird diskutiert, recherchiert, programmiert, natürlich nicht nur über den Boden: Da ist außerdem das Solardach, 150 Quadratmeter groß, ist die Kältzeerzeugung, wichtig in warmen Gefilden wie Madrid, und da ist die Sprach- und Gestensteuerung, etwa um das Licht per Stimme anzuknipsen.

Aufbau zur Probe in Jülich

Im Juli soll das Haus der Zukunft mit dem Tivoli-Boden stehen, nach fast zweijähriger Arbeit, finanziert durch das Bundeswirtschaftsministerium, die RWTH und weitere Sponsoren. In einer Halle des Forschungszentrums in Jülich werden sie das Modell zur Probe aufbauen. Dann wird es demontiert und mit sieben Lastern gen Madrid transportiert, um es dort wieder aufzubauen.

Tausende Zuschauer werden beim Finale durch das Haus gehen, über die alten Tivoli-Träger. Natürlich, sagt Björn Teutriene, wolle man am Ende ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen. Wie es nach den Ausstellungen mit dem Modell weitergeht, sei nicht sicher, sagt Teutriene, da gebe es mehrere Möglichkeiten.

Vielleicht liegt eine davon sogar an alter Wirkungsstätte, denn auf dem Gelände des alten Tivoli entsteht ja bals eine Wohnsiedlung . Das wusste Björn Teutriene bislang noch nicht.
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