Der Ahnherr des Reitturniers im Zwielicht

Von: unserem Redakteur Gerald Eimer
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Aachen. Mit der vor einem Monat beschlossenen Umbenennung der Graf-Schwerin-Straße und Diemstraße sind die Änderungen im Aachener Straßenverzeichnis längst nicht abgeschlossen. Noch weiß niemand genau, wie lang die Liste der Straßen wirklich ist, die nach Personen benannt sind, die im Dritten Reich das Verbrecherregime mitgetragen und im Sinne der Nazis gehandelt haben.

Nach den Herbstferien wird eine vom Rat eingesetzte Arbeitsgruppe weitere umstrittene Persönlichkeiten unter die Lupe nehmen. Genug Arbeit liegt noch vor ihr, denn umstrittene Figuren gibt es reichlich. Eine aber hat die Arbeitsgruppe bislang noch gar nicht auf ihrer Agenda: Hubert Wienen (1875-1943), Gründervater des Aachener Reitturniers und langjähriger Präsident des ALRV.

Überraschend ist das insofern, weil seit drei Jahren eine Doktorarbeit vorliegt, die sich ausführlich mit der Geschichte des Reitturniers befasst und nicht zuletzt dessen Bedeutung für das NS-Regime untersucht hat: „Wie man ein Weltfest des Pferdesports erfindet - Das Aachener Spring-, Reit- und Fahrturnier von 1924 bis 1939” von Annette Fusenig.

Auf mehr als 300 Seiten hat die ehemalige Stadtführerin und jetzige Pressesprecherin des Pharmaunternehmens Grünenthal darin das Material zusammengetragen, das deutlich zeigt, wie das Aachener Reitturnier unter Wienens Präsidentschaft von der NS-Propaganda genutzt werden konnte und der politischen Inszenierung der damaligen Machthaber diente. Sport und Politik gingen auch damals schon eine enge Allianz ein.

Das Jahr 1933 habe der Katholik Wienen als „Jahr der herrlichen nationalen Erhebung Deutschlands” begrüßt, heißt es in Fusenigs Arbeit. Der Maschinenfabrikant, der sich auch in der Erholungsgesellschaft, im Golfclub und für die Rotarier engagierte, ist wenige Monate nach dem Wahlsieg der NSDAP in die Partei eingetreten, mindestens bis 1938 müsse er als überzeugter Nationalsozialist gesehen werden.

„Er war einer der treibenden Kräfte, wenn es in dieser Zeit darum ging, hohe Parteispitzen zum Turnier einzuladen bzw. für die Mitgliedschaft im Ehrenpräsidium zu gewinnen. Nur allzu gerne stellte sich der Löwe von Aachen mit der Nazi-Prominenz ins Rampenlicht.” Seine Begeisterung für das Nazi-Regime und für Hitler habe er offen zur Schau getragen. Auch „rüde antisemitische Töne” hätten ihm keine Probleme bereitet.

Trotz dieser klaren Aussagen, tut sich Fusenig schwer mit einem Urteil über Wienen. Sie sieht ihn als sehr widersprüchlichen Menschen, kühl kalkulierend, gläubig und konservativ. Wie ein Großteil der damaligen Eliten sei auch er ohne Skrupel gewesen, mit dem NS-Regime zu kooperieren.

Der völkisch-rassische Sprachgebrauch sei für Wienen auch ein Weg gewesen, etwas Positives für das Turnier und für Aachen zu bewirken, sagt Fusenig. Nach ihren Erkenntnissen war er zwar ein überzeugter Nazi, aber er habe weder Verbrechen begangen, noch zu Verbrechen beigetragen. „Aus meiner Sicht besteht kein Bedarf, deswegen die Straße umzubenennen”, meint Fusenig, „da gibt es sicher ganz andere Fälle.”

Ähnlich zurückhaltend urteilt ihr Doktorvater Prof. Armin Heinen, Historiker an der RWTH, und Mitglied in der Arbeitsgruppe, die derzeit die Straßennamen aufarbeitet. Heinen beschreibt Wienen als „problematische Figur” und „Opportunisten sondergleichen”, aber „er war nicht der klassische Täter”. Ob Wienen anderen Menschen geschadet hat, könne er zurzeit nicht überblicken. Dies aber wäre ein Kriterium für eine mögliche Straßenumbenennung - neben der klaren Identifizierung mit der NS-Ideologie.

Am Fall Hubert Wienen zeigt sich aber auch, wie schwierig sich das weitere Vorgehen für die Arbeitsgruppe gestaltet, der Wissenschaftler, Politiker und Verwaltungsmitarbeiter angehören. Abgesehen davon, dass immer noch niemand genau weiß, wie viele Aachener Straßennamen genau untersucht werden müssen, verbirgt sich hinter jedem einzelnen Namen ein eigenständiger Forschungsauftrag, der Zeit und Geld kostet.

Nur zu wenigen Personen liegt eine derart umfangreiche Materialsammlung vor, wie zu Hubert Wienen. Umso überraschender, dass dieser spannende Einblick in die Stadtgeschichte und das bürgerliche Aachen jener Zeit trotz vereinzelter Vorträge der Verfasserin bislang kaum zur Kenntnis genommen worden ist.

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