Aachen - Das bittere Ende einer Traditionsfirma

Das bittere Ende einer Traditionsfirma

Von: Heiner Hautermans
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Die Abwicklung des Getränkeherstellers in der Nähe des Nordbahnhofs ist in vollem Gange. Sollte sich bis Juni nicht doch noch ein Interessent für den Uröcher Sprudel finden, laufen auch die noch verbliebenen zehn Arbeitsverträge aus. Foto: Harald Krömer

Aachen. Es ist ein Verlust für Aachen. Zunächst ein materieller, aber der ist überschaubar: im fünfstelligen Bereich. Die 1884 gegründete Kaiserbrunnen AG zahlt diese Summe an die Stadt, weil sie das Wasser der Kaiserquelle am Büchel nutzt, bis zu 16 Kubikmeter pro Stunde.

Schwerer wiegt der immaterielle Verlust. Schließlich ist ja nicht von ungefähr der europäische Hochadel jahrhundertelang nach Aachen gekommen, um das aus 1500 Meter Tiefe stammende, 53 Grad heiße und 10.000 Jahre alte Nass zu trinken. Ende Dezember hat sich - wie berichtet - die millionenteure Abfüllanlage zum letzten Mal gedreht, wurde die traditionsreiche Produktion eingestellt.

Verdünnt das Blut

Das bedauern zahlreiche Menschen in Aachen, die mit dem Mineralwasser eng verbunden sind und den Kasten „Kaiserbrunnen” im Keller als unverzichtbaren Bestandteil ihres Lebens sehen. Sie können das auch wissenschaftlich untermauern. Prof. Holger Schmid-Schönbein hat nämlich in langwierigen Untersuchungen und Testreihen nachgewiesen, dass Kaiserbrunnen viel langsamer ausgeschieden wird als Vergleichsflüssigkeiten.

Bei den Tests wurden weitere bemerkenswerte Erkenntnisse gewonnen: Das Aachener Mineralwasser verdünnt das Blut und erhöht damit dessen Fließfähigkeit. So kam der Mediziner zu dem Schluss, dass Kaiserbrunnen für die Mehrheit der Menschen „vorbeugende und heilende Wirkung hat”. Nur Patienten mit schwerer Hochdruckerkrankung müssten das im Mineralwasser enthaltene Natrium in die Gesamtmenge einbeziehen, die der Hausarzt empfiehlt.

Hans-Günter Radermacher legt Wert auf die Feststellung, dass sich der RWTH-Physiologe bei ihm gemeldet hat und nicht umgekehrt. Sinnvoll sei das Trinken von Kaiserbrunnen auch bei Senioren, die häufig unter Flüssigkeitsmangel litten. So nimmt es nicht Wunder, dass manche Stammkunden begannen, das begehrte Nass zu horten, als die Kunde vom Ende die Runde machte. „Einige haben sich die Garage vollgestellt,” weiß der langjährige Vorstand Hans-Günter Radermacher. Doch vorläufig ist keine Eile geboten, die Vorräte reichen noch bis Mai.

Und vielleicht geschieht ja auch noch ein Wunder und es findet sich ein Investor, um die Traditionsmarke doch noch zu erhalten, gar zu neuem Leben zu verhelfen. Die Idee hat Vorstand Radermacher schon länger, Interessenten gab es ebenfalls, doch hatten sie entweder nicht das nötige Kleingeld (beziehungsweise konnten es sich bei Banken nicht verschaffen) oder sprangen aus anderen Gründen ab. Eine Art „Bionade” oder „Red Bull” für die Generation 50 plus schwebt dem langjährigen Geschäftsführer vor, mit ausdrücklichen Hinweis noch einmal auf den einzigartigen Gesundheitseffekt des Öcher Sprudels: „Ein Alleinstellungsmerkmal.”

Einmal hätte er fast schon Erfolg gehabt, wollte „Kaiserbrunnen” in Kontakt mit „Kneipp” in Bad Wörishofen bringen, der Deal scheiterte jedoch nach langem Anlauf an Nichtigkeiten. Dennoch gibt es Gespräche mit verbliebenen Interessenten, die jedoch viel Geld in ein neues Erscheinungsbild und eine PR-Kampagne stecken müssten. Bis Ende Juni hat Hans-Günter Radermacher noch Zeit, um einen Nachfolger für das Öcher Urwasser zu finden, so lange wird auch das 27.000 Quadratmeter große Firmengelände an der Lombardenstraße noch zur Verwertung stehen.

Weitergeführt werden auf alle Fälle die anderen Firmenmarken „Granus”, Zisina” oder „Chapelle”, deren Markenrechte an einen mittelständischen Mitbewerber, die „Victoria Heil- und Mineralbrunnen” in Lahnstein in Lizenz übertragen worden sind. Die noch vorhandenen Paletten dieser Produkte in den 7000 Quadratmeter großen Hallen werden aufgebraucht, anschließend übernehmen die Lahnsteiner im fließenden Übergang die weitere Herstellung. Da ihr Mineralbrunnen einen fast identischen Mineralgehalt hat, aus dem „Granus” gewonnen wurde, dürfte sich für den Verbraucher kein großer Geschmacksunterschied ergeben.

Im März 2009 hatten die zwölf Gesellschafter der Aktiengesellschaft beschlossen, die Produktion zum Jahresende zu beenden. Die gesamte Getränkebranche stehe unter Druck, wenige große Anbieter bestimmten mit dem Ausstoß von Milliarden Flaschen die Szene und drückten die Preise, beispielsweise auf 19 Cent für eine 1,5 Literflasche. Radermacher: „Wir sind zu klein für den Markt.” Man wollte die Substanz des Unternehmens nicht gefährden, sich auch nicht den Banken ausliefern: „Wir haben keine Schulden und keine Hypotheken.”

30 Mitarbeiter hatte die Kaiserbrunnen AG zuletzt, in den besten Zeiten nach der Jahrtausendwende waren es doppelt so viele. Für sie war die Schließung natürlich am schlimmsten, doch sie sollten „anständig aus der Sache herauskommen”. So wurde mit dem Betriebsrat ein Sozialplan und Interessenausgleich ausgehandelt, der Abfindungen in beträchtlicher Höhe, eine Gewinnbeteiligung für 2009 und den bezahlten Wechsel in eine Transfergesellschaft für ein Jahr vorsieht. Sollte jemand rasch einen neuen Arbeitsplatz erhalten, bekommt er zusätzlich eine Sprinterprämie.

Zehn arbeiten noch

Zehn Mitarbeiter stehen noch in Lohn und Brot, schließlich muss noch ausgeliefert und fakturiert werden, müssen die Nachfolger für „Granus” oder „Chapelle” bei den Großkunden vorgestellt werden.

Und vielleicht findet sich ja doch noch ein Interessent für die Kernmarke „Kaiserbrunnen”. Denn die kann nur in Aachen abgefüllt werden.
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