Dämmung der Bunkermauer reicht nicht

Von: Heiner Hautermans
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Mit schwerem Gerät rücken die Bauleute derzeit den massiven Mauern des Bunkers an der Lütticher Straße zu Leibe – nicht gerade angenehm für die Nachbarn. Im Erdgeschoss soll bis Ende dieses Jahres ein Supermarkt einziehen. Foto: Harald Krömer
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So soll dasselbe Gebäude nach der Metamorphose im Frühjahr nächsten Jahres aussehen – 16 Wohnungen in den beiden Obergeschossen, darüber vier Penthäuser. Entwurf: Architekturbüro Cortis

Aachen. Da sind die Wände des ehemaligen Bunkers schon zwei Meter dick und müssen doch noch mit 16 Zentimeter Dämmmaterial abgedichtet werden. Architekt Benjamin Cortis: „Die Dämmeigenschaften sind nicht ausreichend gewesen.“ Doch das sind nicht die einzigen Besonderheiten der Baustelle hinter der Bebauung an der Lütticher Straße.

Vater Günter Cortis war bei der Planung dabei und kann sich noch an das erste Mal erinnern, als er das massive Gebäude betreten hatte: „Im Keller lagen in einer Ecke nur Schuhe, das war schon ein merkwürdiges Gefühl“. Seine Mutter könne sich das Gebäude noch genau erinnern: „Sie war in dem Bunker drin.“ Cortis kennt das Gebäude in- und auswendig. Er hatte zunächst den Auftrag, das Gebäude daraufhin zu untersuchen, ob das Stadtarchiv dort einziehen konnte.

Das wanderte bekanntlich woanders hin, an den Reichsweg. Die Stadt verkaufte den Bunker, Cortis hatte die Idee, auf dem Dach vier Häuser zu errichten und erhielt beim Investorenwettbewerb den Zuschlag – übrigens für mehr als den symbolischen Euro. Inzwischen hat er das Projekt mit viel Vergangenheit an andere Investoren verkauft.

Der Bunker an der Lütticher Straße mit einer Grundfläche von 800 Quadratmetern und drei Etagen gehört zur ersten Generation von Luftschutzgebäuden im Zweiten Weltkrieg, weitere befinden sich an der Goffart-, Kasino- oder Sandkaulstraße und stehen teilweise unter Denkmalschutz. Im Mai 1940 flog wohl der erste britische Bomber über Aachen. Die Nazis legten deshalb ein Eilprogramm zum Schutz der Zivilbevölkerung auf. Die dicken Mauer boten den Bürgern genügend Schutz, allerdings zeugen zahlreiche Geschosseinschläge an der Außenmauer von den erbitterten Kampfhandlungen.

Aachen ergab sich bekanntlich als erste deutsche Großstadt im Oktober 1944 den Alliierten. Da die Wohnungsnot in Aachen groß war, wurden die Luftschutzbunker bis weit in die 50er Jahre als Notunterkünfte genutzt. In dem Gebäude an der Lütticher Straße war noch 1947 das Ehrendienstbüro untergebracht, von dort aus wurden die Aufräumarbeiten in der stark zerstörten Stadt Aachen organisiert. Besonders in den oberen Etagen sind einige Zimmer heute noch wohnlich eingerichtet, berichtet Architekt Günter Cortis.

Anfang der 80er Jahre sprayte der Aachener Wandmaler Klaus Paier das Werk „Lauft schneller, die alte Zeit ist hinter uns her“ auf eine Außenwand. Drei andere Luftschutzgebäude werden als Probenräume von Musikern genutzt, im Tiefbunker am Hauptbahnhof befindet sich das Autonome Zentrum. Um das Kriegsrelikt einer neuen Verwendung zuzuführen, sind mutige Bauherren, darunter Björn Schlun von der gleichnamigen Bauunternehmung, und viele Anstrengungen notwendig.

Insgesamt müssen rund 20 großformatige Öffnungen in die dicken Mauern geschnitten werden, dabei spielen diamantbesetzte Seilsägen eine tragende Rolle. Architekt Cortis: „Die Aufschnitte sind so groß, dass viel Licht hereinkommt.“ Gleichwohl soll der Bunkercharakter nicht gänzlich unter den Tisch fallen. So bleiben die ehemaligen Lüftungshutzen erhalten, auch soll am Ende grauer Putz verwendet werden: „Man soll schon sehen, dass es ein Bunker war.“

Im Erdgeschoss soll schon bis Jahresende ein Supermarkt einziehen, der Mietvertrag ist bereits unterschrieben. Im ersten und zweiten Obergeschoss werden 16 Appartments eingerichtet, alle verfügen über eine Loggia, die sich durch verschiebbare Glaselemente in einen Wintergarten verwandeln lässt. Auf dem Dach werden vier Penthäuser der gehobenen Klasse gebaut, mit hervorragender Aussicht über Aachen. Mit der Fertigstellung des Millionenprojektes rechnet Generalunternehmer Schlun voraussichtlich im Frühjahr 2014.

Wer momentan das Gebäude betritt, hält dieses Zeitziel für eine verwegene Vorgabe. Auch Polier Michael Krenzke bezeichnet das ganze Vorhaben „als eine sportliche Angelegenheit.“ Bislang sind nämlich nur wenige Öffnungen geschnitten. Unten nagt ein Bagger mit einem großen Meißel am meterdicken Fundament. Im ersten Geschoss wird gerade die Seilsäge für eine neues Loch in Stellung gebracht.

Dazu werden erst sieben Zentimeter starke Kernbohrungen vorgenommen, dann wird ein diamantbesetztes Seil eingezogen, dass im unermüdlichen Dauerbetrieb den Stahlbeton durchtrennt. Den tonnenschweren Klotz, der so freigelegt wird, zieht die Maschine nach innen, damit er nicht nach außen fällt. Immerhin: Wenn alle Öffnungen geschnitten und störenden Innenwände entfernt sind, dann „steht der komplette Rohbau“ (Architekt Cortis).

Polier Krenzke hatte anfangs, als er allein auf der Baustelle war, ein mulmiges Gefühl: „Wenn man reinkommt, denkt man sofort, was hier alles passiert ist.“ Er berichtet auch davon, dass eine ganz bestimmte Klientel zur Baustelle kommt, Bunkerfreunde nämlich. „Das hat sich herumgesprochen. Die kommen hierher und fotografieren, genauso wie die Spotter an Flughäfen.“

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