Aachen - Couragiertes Leben: Collagen-Künstler Arthur Kaiser wird 80 Jahre

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Couragiertes Leben: Collagen-Künstler Arthur Kaiser wird 80 Jahre

Von: Werner Czempas
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Zwei Flaschen Château Mouton Rothschild: Arthur Kaiser vor der Collage, mit der alles anfing. Am Dienstag wird der Künstler 80 Jahre alt.

Aachen. Der Titel passt perfekt. „Couragierte Collagen“ heißt die Ausstellung, mit der der Aachener Arthur Kaiser erstmals vor 25 Jahren auf sich aufmerksam machte. Couragiert waren nicht nur seine Bilder, couragiert war das ganze Leben des Arthur Kaiser. Am Dienstag wird er 80 Jahre alt.

Arthur Kaiser ist ein spätberufener Meister der Collagen. Mit einem edlen und sündhaft teuren Tropfen fing alles an, 1991. Das Design zweier Flaschen Château Mouton Rothschild, Jahrgang 1945 und 1989, elektrisierte den damals 53-Jährigen. Er modellierte seine erste Collage, arrangierte Flaschen und Text so plakativ, dass Weingutbesitzerin Baronin Philippine de Rothschild geruhte, entzückt zu sein.

Der deutsche Maler, Bildhauer und Grafiker Georg Baselitz, auserwählt, anlässlich des Berliner Mauerfalls den 89er Rothschild mit Esprit zu etikettieren, beurteilte Kaisers Poster als „denkwürdige Idee“. Madame und Meister signierten das Werk.

„Rothschild war die Idee meines Lebens“, blickt Arthur Kaiser zurück. Von da an ging es Schlag auf Schlag, Collage folgte auf Collage. Gekrönte Häupter, Fürsten, Präsidenten, Kanzler, Stars aus Sport, Film und Showbusiness waren seine Objekte. Kaiser kombinierte Historisches mit aktuellen Ereignissen, humorvoll, hintergründig, ironisch, pfiffig, frech. „Couragierte Collagen“ eben.

Allen gefiel, was der Aachener ihnen da ins Haus schickte. Sie signierten und bedankten sich nicht nur aus Höflichkeit. Die Collagen kamen bestens an. Königin Beatrix, Albert II. von Monaco, Obama, Mandela, Fritz Walter, Max Schmeling, Sepp Herberger, Aachens Fußballidol und Schwager Michel Pfeiffer, Christo und Jean-Claude, Peter Ustinov, Til Schweiger, Franz Beckenbauer, Günther Jauch, Muhammad Ali, Jan Ulrich, Roger Federer, Marcel Reich-Ranicki, Sandra Maischberger, Nina Ruge, die Kanzler Schmidt-Kohl-Merkel, Bundespräsident Köhler und, und, und – sie alle waren angetan. Eine Fußballer-Collage amüsierte Bundespräsident Richard von Weizsäcker so sehr, dass eine Brieffreundschaft entstand und der Präsident schon mal in Aachen anrief.

Die Wohnung des Arthur Kaiser am Lousberg hängt voll mit den Schätzen. Der Gast sieht und fühlt, dass da kein skurriler Kauz eine Macke auslebt, sondern Meisterhand aus Texten und Fotos Kunstvolles geleimt und geklebt und hat drucken lassen. „Mein bescheidenes künstlerisches Spektrum, ich bin ja nur ein Hobby-Künstler, ich kann noch nicht mal eine Kuh malen“, zeigt Arthur Kaiser rund. Das stille Lächeln verrät, dass er weiß, dass er in solchen Momenten tiefstapelt. Selbstbewusst setzt er denn auch hinzu: „Nicht eine einzige Idee ist geklaut.“

Das Können des Arthur Kaiser kommt nicht von ungefähr. Nach einem verkorksten Gymnasialbesuch lernte er Schriftsetzer. Er wurde ein exzellenter Vertreter der Zunft. Von 1953 bis 1973 blieb er das. „Dieser Beruf hat mir alles gegeben, das Gefühl für Sprache, den Blick für Buchstaben, für die Gestaltung, für ein Schriftbild“, sagt er.

So hätte er über die Jahre gelassen dem Ruhestand entgegenleben können. Nicht Arthur Kaiser. 1966 heiratete er die Frau seines Lebens, Marita, Chefsekretärin in einer Aachener Arztpraxis. „Marita hatte Zigeunerblut in den Adern“, schwärmt er. Sie wollte reisen, reisen, reisen. In den Urlauben zogen die beiden kreuz und quer durch Afrika.

1973 hing das reisewütige Paar die Jobs an den Nagel und machte in der Innenstadt eine Boutique auf. Flippig-exklusive Damenmode, Schmuck und Accessoires, Antiquitäten, Porzellan aus Japan und China, Asiatika. Die Ware wurde in fernen Ländern vor Ort geordert, als sich die beiden nach den afrikanischen Abenteuern auf Asien stürzten. Jedes Jahr monatelang auf Tour. Thailand, Taiwan, Indien, Kaschmir, Nepal, Bhutan, Sri Lanka, Japan, China. Die Geschäfte liefen glänzend, die Boutique brummte, das Leben der Kaisers war aufregend, abenteuerlich, schnell und schön.

Zwanzig Jahre lang. Mit einem Schlag war alles aus. 1994 erkrankte Marita schwer. Die Kaisers gaben ihr Geschäft auf. Das Paar mit einem Hang zur Bohème mietete ein Appartement an der italienischen Riviera, in Bordighera bei San Remo. Nach den Ausstellungen daheim und im Ruhrgebiet lief die „Couragierte Collagen“-Show zwischen San Remo und Monte Carlo. 2002 starb Marita. Arthur Kaiser stürzte in ein tiefes Loch. 2005 kehrte er heim nach Aachen. „Eine wunderbare Frau. Ich habe_SSRq quasi alles verloren“, trauert er bis heute.

An der Riviera fing Arthur Kaiser an zu schreiben. Sinnsprüche, Wortspiele, Reiseberichte. Gedichte, von denen das „Denn ich war ein Mauerblümchen“ der zornigen Wucht eines Wolf Biermann nahekommt. Sein „Schloss Bellevue“ wurde als „herausragendes Sprachkunstwerk“ in die „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ aufgenommen.

300 Texte entstanden, 200 Collagen. Kaiser hat alles in die Broschüre „Aus der Vielfalt aller Möglichkeiten“ geheftet. Vorn seine „Druckstock-Collage“, Erinnerung an die Zeit als Schriftsetzer. „Es ist in dieser Art eine der wohl interessantesten Arbeiten weltweit, museal“, ist ausnahmsweise einmal gar nicht bescheiden. Warum kein Buch aus allem? „Ich will doch gar nicht berühmt werden“, lacht der rüstige und charmante Plauderer.

Flohmärkte sind seit eh und je seine Passion. „Die halten mich fit.“ Einst die großen Märkte in London, Paris, Köln, Düsseldorf später die in San Remo, Nizza, Monte Carlo. Heute begnügt sich der 80-Jährige mit der Region. Der Altstadt-Flohmarkt in Aachen ist für ihn der schönste. Sogar einen eigenen Stand baut er auf. „Der Bildermann“ heißt er überall.

„Das beste Forum aber“, sagt der Bildermann, „habe ich in meiner Heimatstadt. Seit einem Vierteljahrhundert bestücke ich mit meinen Collagen eine Wand bei meinem Lieblingsitaliener Roberto im ‚Dalla Mamma‘ am Ponttor.“ Die Show „Couragierte Collagen“ geht weiter, auch mit 80 noch.

 

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