„Containern ist kein Verbrechen“: Müllverzehrer aus Aachen vor Gericht

Von: Joel Teichmann
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Stellten verzehrbaren Müll und ihr Bündnis im Linken Zentrum vor: Ben Krebs (l.) und Christian Walter. Ihr Anliegen: „Containern ist kein Verbrechen“. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Dass noch genießbare Lebensmittel weggeschmissen werden, ist in der heutigen Zeit wohl nichts Besonderes mehr. Eine Anklage gegen Menschen, die eben diesen „Müll“ noch verzehren möchten, verwundert da schon eher. So läuft derzeit in Aachen ein Verfahren gegen zwei Personen, die Lebensmittel aus dem Müll eines Supermarktes genommen haben. Der Vorwurf lautet: schwerer Diebstahl. Ein Gerichtstermin steht noch nicht fest.

„Wir möchten die Thematik in die Öffentlichkeit tragen und Druck aufbauen, damit das Verfahren eingestellt wird. Oder dass es – sollte es zur Verhandlung kommen – mit einem Freispruch endet“, erklärt Christian Walter. Gemeinsam mit 29 weiteren Mitstreitern hat er deswegen in der vergangenen Woche das Bündnis „Containern ist kein Verbrechen“ gegründet.

Das Prinzip vom sogenannten „Containern“ ist einfach: Menschen machen sich – meist nachts – auf zu Supermärkten und fischen sich aus den Mülltonnen die Lebensmittel, die sie noch für verzehrbar halten. In Deutschland gilt diese besondere Art der Abfallverwertung aber als Eigentumsdelikt, weil die Container unter Obhut der Supermärkte stehen. „Das ist paradox, die Lebensmittel landen ja im Müll“, meint Walter, der auch selbst regelmäßig containert.

Das Bündnis verfolgt drei Ziele: Erstens soll das Verfahren eingestellt, zweitens das Containern an sich entkriminalisiert werden. Und drittens setzt sich die Initiative für ein Verbot der Vernichtung von brauchbaren Nahrungsmitteln ein.

„Für den Transport der genießbaren Lebensmittel, die in einem Jahr in Deutschland vernichtet werden, wären 275.000 Sattelschlepper notwendig“, sagt Mitbegründerin Kiki Herten. Hintereinander gestellt entspreche das einer Strecke von Düsseldorf bis Lissabon – hin und zurück. In Zahlen ausgedrückt seien das elf Millionen Tonnen Lebensmittel mit einem Geldwert von etwa 25 Millionen Euro.

Derartige Verfahren wie in Aachen sind jedoch längst kein Einzelfall mehr. „In ganz Deutschland kommen ähnliche Fälle ans Tageslicht“, sagt Ben Krebs, ebenfalls Mitbegründer. Deshalb hat die Initiative eine Internet-Petition an die Staatsanwaltschaft Aachen unter www.change.org/containern erstellt. Nach nur einer Woche haben dort bereits über 65.000 Menschen unterschrieben – und die Zahl vermehrt sich minütlich. „Mit so einem großen Anklang haben auch wir nicht gerechnet“, ist die Gruppe freudig überrascht. Neben zahlreichen Aachenern unterstützen auch Unterzeichner aus ganz Deutschland sowie aus dem Ausland die Aktion.

Für die Zukunft hat das Bündnis öffentliche Proteste angekündigt, ein Aufklärungsflyer ist derweil schon in Druck. Christian Walter ist zumindest mit der bisherigen Entwicklung sehr zufrieden: „Wir haben schon erreicht, dass das Thema an die breitere Öffentlichkeit gelangt ist.“ Ob die Argumentation der Protestler zur Einstellung des Verfahrens beitragen kann, wird sich zeigen.

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